Patrick Modiano – Gräser der Nacht

978-3-446-24721-5_214116121853-119Zwischen Lichtern und Schatten

 

Patrick Modiano

Gräser der Nacht“

Carl Hanser Verlag, 10.11.2014, 176 Seiten, HC 18,90 EUR
übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl (Originaltitel „L’herbe des nuits“)


Ausgezeichnet mit dem Nobelpreis der Literatur 2014

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse wird jedes Jahr der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Erstmals werden diese 15 nominierten Bücher, je fünf in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung, von einem Bloggerpaten begleitet.

 

Ich habe nun mein Patenbuch „Gräser der Nacht“ von Patrick Modiano in der Rubrik Übersetzung, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, mit Freude gelesen und rezensiert. Bisher hatte ich noch kein Buch von Patrick Modiano gelesen und seine Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur 2014 warf große Schatten voraus.

Modianos Romane spielen immer in der Vergangenheit, in seiner Heimatstadt Paris. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise in die Erinnerung, bei der sich die Wege zwischen Vergangenheit und Gegenwart kreuzen. Ich wußte nicht, was mich erwartet. Klar war, es geht um eine ungewöhnliche Liebe zweier junger Menschen, Jean und Dannie, in den 1960er Jahren in Paris, die abrupt endete…

Protagonist des Buches ist der Schriftsteller Jean, der in seiner Jugend (damals zwanzigjährig) der geheimnisvollen Dannie, die so viele Namen wie Adressen hat, begegnet. Nach einer kurzen Liason verschwindet sie plötzlich wieder aus seinem Leben und hinterläßt nichts weiter als einen kurzen Abschiedsbrief. Ein halbes Jahrhundert später begibt sich Jean auf die Suche nach Dannie und durchstreift das moderne Paris, in der Hoffnung auf Hinweise und Erklärungen. Modiano gelingt es, mit kurzen prägnanten Sätzen und gut gewählten Worten die Situation gefühlvoll auf den Punkt zu bringen. Schnell war ich in der Geschichte und ahnte die folgenden Verwirrungen, die es zu klären galt.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass er sich in einem ständigen Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit bewegt. So kreisen Jean`s Erinnerungen immer wieder um einen verregneten Sonntag! Er hat das Gefühl, wenn er durch die „Bresche“ springt, wieder in der alten Zeit, in seinen Erinnerungen, zu sein.

„Aber Sonntage, vor allem spätnachmittags, und wenn du allein bist, reißen eine Bresche in die Zeit. Du musst bloß durchschlüpfen.“ (S. 10)

Mit Hilfe seines schwarzen Notizbuches, welches eine Schlüsselrolle in seinem Leben spielt, versucht sich Jean an die Vergangenheit heranzutasten. Es enthält Details seiner Erlebnisse, manchmal ausführlich, wie seine Recherchen über Schriftsteller und dann wiederum, finden sich dort nur Schlagworte ohne nähere Erläuterungen.

Alle diese Einzelheiten fallen mir in wirrem Durcheinander ein, stoßweise, und oft trübt sich das Licht. … Sie helfen mir, diese Aufzeichnungen, denn sie geben den Bildern ein wenig Halt, die so sehr ruckeln, dass der Film zu reißen droht.“ (S. 17)

Jean lernt Dannie als „Studentin“, mit verschiedenen Wohnsitzen in Paris, darunter auch das Unic Hotel, kennen. Aber wer war sie wirklich? Sie erzählte wenig über sich, geriet schnell ins Schweigen und holte ihre Briefe postlagernd ab. Er lernt die sogenannte Montparnasse-Bande kennen und verspürt in ihrer Gegenwart ein Unwohlsein. Der schüchterne Jean bleibt immer im Hintergrund und sieht sich selbst als Beobachter. Nur zu Aghamouri, einem 30-jährigen marokanischen Studenten verbindet ihn eine gewisse Vertrautheit. Aghamouri ist es, der Jean später auf Dannies Vergangenheit mit den Worten „sie hat etwas Schlimmes getan“ aufmerksam macht. Jean ist von Dannie fasziniert, verbringt mit ihr Zeit in einem unbekannten Landhaus, holt persönliche Sachen aus einer fremden Wohnung und wartet auf sie vor einem Haus, in dem sie einem Herren Besuche abstattet. Immer wieder wird Jean bewußt, dass die Beziehung zu Dannie ungewöhnlich und von vielen mysteriösen Ereignissen geprägt war. Dinge, über die er sich als Zwanzigjähriger keine Gedanken machen wollte oder sie gar verdrängte.

Eines Tages spricht er Dannie auf Aghamouris Vermutung an. Sie fragt: „Was würdest Du sagen, wenn ich jemanden umgebracht hätte?“ und Jean antwortete „Was würde ich sagen? Nichts!“. Sie räumt ein, dass ein Mann durch zwei verirrte Schüsse zu Tode kam. Aber es sei ein Unfall gewesen, welcher u.a. von der Montparnasse-Bande vertuscht wurde und sie zur Annahme neuer Identitäten zwang.

Nach Dannies Verschwinden wird Jean von Kommissar Langlai verhört, dieser bemerkt schnell seine Unwissenheit und ist ihm wohl gesonnen. Die Ungewissheit, was aus Dannie geworden ist, läßt Jean aber nie los und so führt er seine Suche fort. Viele Jahre später begegnet Jean erneut Kommissar Longlai, welcher inzwischen pensioniert ist und ihm die Akte „Dannie“ übergibt.

 

Mein Resümee

Die Geschichte von „Gräser der Nacht“ ist schnell erzählt, aber in diesem Roman ist der Weg das Ziel. Wer eine Antwort auf die Fragen: Wer ist Dannie wirklich? Was ist damals passiert? Warum ist sie so plötzlich verschwunden? sucht, wird sie in diesem wunderbar geschriebenen Roman, dennoch nicht finden. Modianos poetischer Schreibstil zog mich sofort in seinen Bann. Es gelingt ihm, die Geschichte aus Vergangenheit und Gegenwart wunderbar miteinander zu verbinden. Ich folgte ihm, ohne mich zu verlieren. Das Zeitgeschehen verschwimmt regelrecht und wird aber mit gezielten Details gespickt.

In Modanios Beschreibungen der Vergangenheit und der Gegenwart, spielen immer wieder Lichter und Schatten eine besondere Rolle. An dieser Stelle möchte ich gern zwei Zitate hervorheben, die mich in ihrer Schreibweise und Poesie besonders angesprochen haben. Ein großes Dankeschön gilt bereits hier der Übersetzerin Elisabeth Edl, der wir es zu verdanken haben, solch großartige Sätze lesen zu können.

Für mich hat es Gegenwart oder Vergangenheit niemals gegeben. Alles verschmilzt, wie in dem leeren Zimmer, wo eine Lampe brennt, jede Nacht.“ (S. 53)

Heute bin ich überzeugt, dass es weder Vergessen war noch Unachtsamkeit, sondern dass ich im Moment des Aufbruchs immer absichtlich eine Lampe anknipste. … ein Zeichen, dass besagen sollte, wir seien nicht wirklich fort und wir kämen irgendwann wieder.“ (S. 71)

 

Patrick Modianos Lebenswerk

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Patrick Modiano, 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren, ist einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française, den Prix Goncourt, den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 2014 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane Place de l’Étoile (2010), Im Café der verlorenen Jugend (2012), Der Horizont (2013) und Gräser der Nacht (2014).“

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

Modiano lebte, als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes und einer flämischen Schauspielerin immer in Paris. Sein Vater hielt sich zur Zeit der deutschen Besatzung illegal in Paris auf, wechselte immer wieder die Wohnungen, lebte vom Schwarzhandel und dubiosen Geschäften, seine eigene Herkunft kannte er nicht. Nach dem Krieg trennten sich Modianos Eltern, er wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte seine Jugend im Internat. Ein besonders einschneidendes Erlebnis für Modiano war der frühe Tod seines zehnjährigen Bruders. Seine Arbeiten von 1967 bis 1982 waren vorallem ihm gewidmet. Bekannt wurde Modiano 1968 durch die Veröffentlichung seines ersten Romans „La place de l’étoile“, welcher erst 2010 von Elisabeth Edl ins Deutsche übersetzt wurde.

 

Nobelpreis der Literatur 2014

Im Oktober letzten Jahres wurde Patrick Modiano in Stockholm überraschend mit dem Nobelpreis für Literatur 2014 ausgezeichnet. In der Begründung der schwedischen Jury heißt es, Modiano erhalte den Preis für seine „Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten Schicksale wachgerufen habe“. In seinem Werk thematisiere Modiano Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld.

Modiano läßt immer wieder Passagen seines Lebens in seinen Büchern einfließen, welche sich aber nie eins zu eins auf ihn übertragen lassen. Er schöpft aus seiner Herkunft und seinen Erlebnissen der frühen Jahre bis zu dem Zeitpunkt, als aus ihm ein Schriftsteller wurde. Seine Werke sind einerseits von der Trauer um die verlorene Zeit, der Vergangenheit geprägt und andererseits versucht er immer wieder die Vergangenheit festzuhalten, um den Zauber des Verlorenen zu bannen. In seiner Nobelpreisrede sagte er glücklich und sichtlich bewegt: „Dieses Paris hat nie aufgehört, mich zu verfolgen und meine Bücher sind manchmal in sein verschleiertes Licht getaucht.“

 

Die Übersetzung

Der 69-Jährige Patrick Modiano ist in Deutschland vermutlich nur einem kleinen Leserkreis bekannt. Seine Bücher erscheinen beim Münchner Hanser-Verlag und wurden von Elisabeth Edl aus dem Französischen übersetzt.

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Elisabeth Edl, 1956 geboren, lehrte als Germanistin und Romanistin an der Universität Poitiers. Sie wurde u. a. mit dem Celan-Preis, Petrarca-Preis, Voß-Preis und dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres der Republik Frankreich.“ 

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

 

Elisabeth Edl gehört zu den profiliertesten Literaturübersetzerinnen in Deutschland. Die gebürtige Österreicherin lebt seit 1995 als freie Romanistin und Literaturübersetzerin in München. Im Wintersemseter 2013/2014 übernahm Elisabeth Edl die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur an der Freien Universität in Berlin. Ziel der Professur „Poetik der Übersetzung“ ist es, die Literaturwissenschaftler zur kritischen Reflexion eigener und fremder Übersetzungsmethoden sowie der vergleichenden Textanalyse zu sensibilisieren.

In „Gräser der Nacht“ gelingt es Edl, die Poesie Modianos gefühlvoll, spannend und geheimnisvoll in die deutsche Sprache zu übersetzen. Modianos stetigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart meistert sie sprachlich sehr gut. Ihre Sätze wirken fast beiläufig, leise und unaufgeregt und doch hat sie alles präzise gebaut. Sie selbst beschreibt Modiano, dem sie erst einmal persönlich in Paris begegnete, als einen Spaziergänger durch Paris und diesen Flaneur-Rhythmus bermerkt man auch in seinen Büchern.

In einem Interview zur Thematik Übersetzung (NOZ vom 14.03.2013) sagte sie, es sei besonders wichtig, dass ein übersetztes Buch, die Zeit in der es spielt auch wiedergeben kann. Die Sprache, verwendete Wörter und Redewendungen müssen zum Zeitgeschehen passen. Und genau hier liegt in Modianos Büchern die Herausforderung. Seine Bücher spielen immer in verschiedenen Zeitebenen und hier muss sozusagen die Melodie der Sprache in jeder Phase stimmen. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie der Satzkonstruktion. Der Satzrhythmus, die Satzmelodie und die detailgenaue Übersetzung müssen eine Harmonie ergeben, die der Leser dann auch spürt und genießen kann.

Ich finde, dass Elisabeth Edl genau diesem Anspruch gerecht geworden ist und ihr mit „Gräser der Nacht“ eine wunderbare Übersetzung gelungen ist.

 

Buchverlosung

Dieses wunderbare Buch kann ich nur weiter empfehlen und werde in den nächsten Tagen eine Buchverlosung starten! Es lohnt sich also, bei Lesevergnügen als auch auf facebook wieder vorbei zu schauen.

 

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/buch/graeser-der-nacht,   www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/,   www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2014/bio-bibl_ty.html

Bildquellen:   http://files.hanser.de/hanser/pics/978-3-446-24721-5_214116121853-119.jpg,   http://www.dw.de/image/0,,17984312_404,00.jpg,   http://www.noz.de/media/2013/09/04/uebersetzerin-elisabeth-edl_full.jpg

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