Oliver Sacks – Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte

Oliver SacksGastrezension von Odette

Vom Leben in einer anderen Welt

Oliver Sacks

Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte

Rowohlt Verlag, erschienen 1990, 319 Seiten, TB 9,99 €

 

Ein Gespräch über Krankheiten ist eine Art Erzählung aus Tausendundeiner Nacht.

– William Osler –

Mit diesem Zitat beginnt das Buch von Oliver Sacks. Er war Professor für klinische Neurologie und analysierte Menschenschicksale. Nach seinen Büchern wurden mehrere Filme gedreht, darunter „Zeit des Erwachens“ (1990) mit Robert de Niro und Robin Williams. Dieser Film verführte mich zum Lesen dieses Buch-Klassikers Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte. Anfangs musste ich mich erst warm lesen und mit dem teilweise medizinischen Stil bekannt machen, obwohl das Buch für interessierte Laien geschrieben wurde. Was mich bei jeden Bericht zum Weiterlesen bewegte, ist die menschliche Wärme und Achtung, die Oliver Sacks den Patienten entgegenbringt.

Die Sammlung von neurologischen Krankengeschichten ist 1985 in der ersten Auflage erschienen. Da die Suche nach Erklärungen für ungeklärte Krankheitsbilder bis zum heutigen Zeitpunkt anhält, hat das Buch in der mittlerweile 38. Auflage nichts von seiner Aktualität verloren. Zentrale Frage ist die persönliche Lebenswelt der Menschen, deren Gehirn ein wenig anders arbeitet, als das der meisten Menschen. Speziell auf die Analyse der rechten Hirnhälfte, deren Defekte weit schwieriger zu erklären sind als die der linken Hirnhälfte, wird im Buch wert gelegt. Die linke Hirnhälfte ist uns vertraut, weil sie Heimat von Ratio und Kalkül ist. Beim Lesen der mehr als zwanzig Fallgeschichten von erkrankten Menschen, kann man dankbar und froh sein, „normal“ das Leben bestreiten zu können. Trotzdem sollte man andere Normalität, als die allgemein gültige, nicht als verrückt abwerten. Im Gegenteil, so sind einige Schicksale sogar von einer gewissen Genialität geprägt.

Das Buch beginnt mit der Titelgeschichte Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte, welche als Vorlage für eine 1986 von dem Komponisten Michael Nyman uraufgeführte Kammeroper diente. In der Geschichte „Witty Ticcy Ray“ wird das Tourette-Syndrom beschrieben. Ray steuert sein Leben mit L-Dopa, dem Vorläufer des Neurotransmitters Dopamin. Damit wird er in der Woche zu einem normalen Menschen. Am Wochenende setzt er es ab und ist wieder der geniale Jazzvirtuose. Beeindruckt hat mich auch die Geschichte einer älteren und schwerhörigen Frau. Mrs o’C. hört irische Musik aus ihrer Kindheit, obwohl keine Tonquelle vorhanden ist. Lange wird nach den Grund gesucht. Die Ursache ist ein Schlaganfall im Bereich der Schläfenlappen und eine kleine Thrombose in diesem Bereich. Nach Einnahme von Medikamenten, löst sich diese Thrombose wieder auf und sie hört keine Musik mehr. Eine eher lustige Krankengeschichte verbirgt sich hinter dem Titel „Hundenase“. Ein Medizinstudent nimmt Aufputschmittel und kann sensationell riechen und zeichnen. Leider geht diese Begabung wieder weg, als er aufhört Drogen zu nehmen. Später, als erfolgreicher Arzt wünscht er sich diesen Effekt wieder. Historisch wird es, als Sacks die Visionen der heiligen Hildegard von Bingen in Form von Lichterscheinungen analysiert.

Im vierten Teil des Buches betreten wir die Welt der Einfältigen. Es wird von Menschen wie Rebecca berichtet, die als Behinderte gelten, aber sensationelle Sachen wie zum Beispiel Theater spielen können. Oder im Fall von Martin A., der das komplette Bachverzeichnis auswendig kannte, inklusive aller Kompositionen mit Noten und Text. Die Zwillinge John und Michael, erlangten Berühmtheiten als Idiots Savants. Den Rechengenies gab man ein Datum und sie nannten den passenden Wochentag dazu. Sie konnten auch für jeden Tag ihres Lebens rückwirkend sagen, wie das Wetter an diesen Tag war. Dafür brauchten beide kein Tagebuch, nur ihr dokumentarisches Gedächtnis. Am Liebsten führten Sie untereinander Gespräche, indem sie sich neue Primzahlen zu riefen. Als sie getrennt wurden, verloren sie den Sinn ihres Lebens.

 

Das Buch schließt mit einem sehr klugen Satz von Oliver Sacks:

Gibt es einen Platz in der Welt für einen Menschen, der wie eine Insel ist, der nicht akkulturiert und Teil des Festlands werden kann? Kann das „Festland“ das Außergewöhnliche, das Einzigartige aufnehmen und ihm Raum geben?

Meiner Meinung nach nein. Wir sind oberflächlich, geben gesunden Freunden den Vorzug, haben Angst vor schmerzhaften traurigen Erfahrungen und ein schlechtes Gewissen, statt die Begabungen von sogenannten „Behinderten“ zu nutzen. Ihre „Störung“ ist ein Aspekt ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit und somit unserer Gesellschaft.

 

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© Dirk Reinartz

Oliver Sacks, geboren 1933 in London, war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Columbia University. Er wurde durch die Publikation seiner Fallgeschichten weltberühmt. Nach seinen Büchern wurden mehrere Filme gedreht, darunter «Zeit des Erwachens» (1990) mit Robert de Niro und Robin Williams. Oliver Sacks starb am 30. August 2015 in New York City.

Quelle: Rowohlt Verlag

 

Weitere Infos:   www.rowohlt.de/taschenbuch/oliver-sacks-der-mann-der-seine-frau-mit-einem-hut-verwechselte.html,   https://www.rowohlt.de/autor/oliver-sacks.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.rowohlt.de/bild/f6e7/2766618/3/416/af_sacks-oliver_001.jpg

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