Michael Angele – Der letzte Zeitungsleser

Der letzte ZeitungsleserGastrezension von Odette

Eine Hommage an die Tageszeitung

 

Michael Angele

Der letzte Zeitungsleser

Galiani Berlin, erschienen August 2016, 160 Seiten, HC 16,00 €

 

Wenn man selbst in der Branche arbeitet, ist das Buch eine interessante Lektüre. So von Zeitungsfanatiker zu Zeitungsfanatiker, würde ich mich selbst als begeisterten Zeitungsleser bezeichnen und so bewundere ich Thomas Bernhard, der täglich sieben Zeitungen las und weitere in der Region erhältliche. Selbstverständlich wünschte ich mir auch die Zeit von ihm, so genüsslich in einem Caféhaus zu sitzen und die Zeitung zu lesen. Ob ich, wie er durch halb Österreich gefahren wäre, um an die „NZZ Neue Zürcher Zeitung“ zu kommen, kann ich allerdings nicht sagen. Nun sitze ich im Zug und schreibe über das Buch, welches ich bei einem verlängerten Frühstück im altehrwürdigen Leipziger Café Grundmann gelesen habe. Ich war begeistert und habe endlich eine kurzweilige, nicht mahnende oder den „Printuntergang“ geweihte Lektüre, zum Verschenken an weitere Zeitungsfreunde gefunden. Allerdings räumt der Autor nur noch den Wochenendausgaben der Tageszeitungen eine Überlebenschance ein, denn sie können ein Medium zur Entschleunigung sein und liegen wohl deshalb im Trend.

 

Auf der Jagd nach der Neuen Zürcher Zeitung

Die Lektüre beginnt mit einer wahren Begebenheit wie sich Thomas Bernhard, als er seine NZZ lesen wollte, auf den Weg vom heimischen Ohlsdorf, nach Salzburg, weiter nach Bad Reichenhall und bis nach Steyr machte, um nach 350 Kilometer ein Exemplar der NZZ in seinen Händen zu halten. Wie es manchmal mit den erkämpften Produkten ist, wenn man sie dann hat, liest man sie nicht. Er allerdings las den Bericht über die Aufführung von Mozarts „Zaide“ und verfasste den Ausspruch, dass: „ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt“. Aus eigener Erfahrung kenne ich den Drang, Zeitungen oder Zeitungsartikel zu sammeln, um sie in Ruhe am Wochenende zu lesen. Denn die kurze Zeit im Alltag reicht für das Lesen eines gut recherchierten Artikels oft nicht aus. Will man doch der Arbeit des Journalisten Achtung verleihen und die Texte in Ruhe genießen.

Der letzte Zeitungsleser_Cover komplettDoch dann kommt es nicht zur erhofften Ruhe, man sammelt weiter und weiter. Irgendwann ist Urlaub und man kann wie im Buch geschildert, einem Freund eine Freude machen und gesammelte Werke des „New Yorkers“ mit in den Urlaub schleppen. Mit schlechtem Gewissen erinnere ich mich an das Übergepäck für den Flieger, welches nun friedlich in der Kofferablage des Zuges schlummert. Das Verlangen im Urlaub, eine überteuerte Zeitung aus der Heimat zu kaufen, führt nicht zu den erwarteten Mehrverkäufen. Der Verknappungseffekt und damit die Sucht, etwas zu bekommen, was selten ist, würden fehlen. Der Autor allerdings rät den Verlagen, in den Vertrieb der Urlaubsgebiete zu investieren, was ich aus eigener Erfahrung bezweifle.

Auch hier im Zug werden fleißig Zeitungen und Bücher gelesen, trotz des engen Platzangebotes. Das beruhigt mich. Nur der Mann mir gegenüber liest „BILD“, wie uns der Autor mitteilt, nach Art von Franz Xaver Kroetz. Dieser liest seine Tageszeitung als e-paper. Das ist bei der journalistischen Qualität der „BILD“ auch zu erlauben. Meine, wie ebenfalls von Thomas Bernhard, geliebte „Süddeutsche Zeitung“, würde ich nie so lesen wollen. Es fehlt das Rascheln, das Gefühl von Papier in den Händen und selbst bei Schnupfen nimmt man den Geruch der Druckerschwärze wahr. Zeitunglesen ist, wie wir nach dem Lesen dieser Lektüre gelernt haben, eine Lebenseinstellung.

 

Zeitunglesen als eine Lebenseinstellung

Zeitungen und das Zeitungslesen ist Kultur und Ritual zugleich. Das Cover des Buches ist in Anmutung einer Zeitungsseite mit Artikeln und der Inhaltsangabe in der rechten Zeitungsspalte gestaltet. Diese Aufmachung finde ich sehr gelungen, da sie an die tägliche Lektüre optisch erinnert und man sofort interessiert zu greifen möchte. Der letzte Zeitungsleser ist nicht nur eine Hommage an die Zeitung, sondern in erster Linie an diejenigen unter uns, welche die Zeitung täglich und in verschiedenen Ausgaben lesen und dieser Kulturleistung Anerkennung verleihen. So gesehen passt der Titel des Buches nicht so wirklich oder ist vielleicht auch sarkastisch gemeint.

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Foto: Monic Johanna Schmidheiny

Der Autor des Buches Michael Angele ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“. Vorher arbeitete er bei den Berliner Seiten der „FAZ“ und war Teil der Chefredaktions-Doppelspitze der „Netzzeitung“.

Der klassische Zeitungsleser liest in Berlin Charlottenburg im Kant-Café. Auch wir Leipziger haben so einen klassischen Zeitungsleser, unseren Poeten und Lyriker Andreas Reimann. Der Erfinder der Ur-Zeitung war ebenfalls ein Leipziger. Der Buchdrucker Timotheus Ritzsch, berichtet über das Geschehen zwischen zwei Messen. Im 16. Jahrhundert wurde die erste Boulevardzeitung von Heinrich Kleist publiziert. Allerdings verlor dieser nach einigen Ausgaben die Lust daran.

Im Buch erfahren wir die unterschiedlichsten Gründe, warum man sich eine Zeitung kauft. Man kann damit Leute in einem Café beobachten oder dem Schriftsteller kann sie bei der Suche nach neuem Stoff für seinen nächsten Roman behilflich sein. Ebenso motiviert sie sonntags eine Joggingrunde zu drehen, denn der Bäcker mit frischen Brötchen und der aktuellen Zeitung wartet als Belohnung. Und natürlich benötigt man die Zeitung auf dem stillen Örtchen.

Zeitungsmacher gestalten das Blatt immer jünger, obwohl die Zielgruppe immer älter wird, und sie gewinnen damit auch keine neuen jüngeren Leser. Der passionierteste Zeitungleser, den ich kenne, ist mein Mann. Besonders auf Reisen mit Auto, Bahn und Zug blüht er auf. Niemand kann wie er 14 Stunden am Stück eine „Welt am Sonntag“ lesen, denn für ihn, wie auch für die meisten der Zeitungsleser, ist die Zeitung seelische und geistige Heimat zugleich.

 

 

Kommentar von Jacqueline

Auch ich habe aufgrund meiner beruflichen wie privaten Printaffinität dieses kleine, ansprechende Büchlein zur Hand genommen. Mit Interesse habe ich Angeles Essay Der letzte Zeitungsleser gelesen und verspüre doch einen gewissen Abgesang auf die Tageszeitung. Sicher kann niemand sagen, wie lange wir noch täglich zur Tageszeitung greifen können. Eines jedoch ist klar, sie ist zwar noch nicht tot, aber ein schwerkranker Patient. Seit Jahrzehnten wird über das Zeitungssterben geschrieben und es ist war, die Auflagen der Tageszeitungen befinden sich mehr denn je in einem scheinbar unaufhaltsamen Abwärtstrend. Natürlich macht der Wettbewerbs- und Kostendruck auch vor den Verlagshäusern nicht halt. Es geht neben Ansehen und Selbstverwirklichung, in erster Linie um Anzeigen und Auflage, da die Zeitung diese Information zur Zielgruppe transportiert. Darüber hinaus führen zunehmende Fusionen in Redaktionen zu Konkurrenz zwischen den Redakteuren und zur Austauschbarkeit der Produkte. Das Besondere der Tageszeitung geht verloren und der Zeitungsleser als Empfänger der Botschaft bleibt auf der Strecke.

Die Quintessenz ist für mich und hier möchte ich gern ein Zitat von Claus Peymann bemühen „Die Zeitungen verlieren ihr Gesicht. Und sie verlieren ihre Leser.“ Es gibt nur wenige Zeitungen, die wirklich nah am Leser sind und sich auch für seine Wünsche und Bedürfnisse interessieren. So ist es kein Wunder, dass sich viele vor allem langjährige Leser von ihrem einstigen Lieblingsblatt abkehren und sich über andere Quellen informieren. Und das Online-Angebot zu verteufeln, welches die Zeitungen über Jahre selbst, oft kostenfrei geschaffen haben, zu verteufeln bringt niemand weiter. Man muss sich der Situation stellen.

In der heutigen Zeit kann die Zeitung ein Medium der Entschleunigung werden und sich somit von der digitalen Welt abgrenzen. Ein gewollter Rückschritt wie er bei den bereits erwähnten Wochenendausgaben der Tageszeitungen als auch bei Zeitschriften (special interest-Titeln) schon gut funktioniert. Der Zeitungsleser mag die Haptik des Produktes und die Tradition, gewiss auch ein wenig Nostalgie oder Retro wie die junge Zielgruppe es nennt. Das Zeitungslesen an sich ist eine liebgewordene Gewohnheit, bei der die Information nicht immer an erster Stelle steht. Nun ist es an den Verlagen, den Leser wieder mit gut recherchierten Artikeln neu zu begeistern und im wahrsten Sinne des geschriebenen Wortes zurück zu erobern! Und dies hoffentlich mit Erfolg!

 

Weitere Infos:   www.galiani.de/buch/der-letzte-zeitungsleser/978-3-86971-128-7/,   www.galiani.de/autor/michael-angele/1758/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger,  http://www.galiani.de/ifiles/autor/large/autor_1758.jpg

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