Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Poschmann - Die KieferinselnRealität und Fiktion

 

Marion Poschmann

Die Kieferninseln

Suhrkamp, erschienen September 2017, 168 Seiten, HC 20,00 €

 

Heute möchte ich euch einen Roman der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 (FBM) vorstellen, welcher beim letzten Literaturkreis-Treffen zu angeregten Diskussionen geführt hat. Ein kleines, dennoch so tiefsinniges lyrisches Buch, bei dem auch der Humor nicht zu kurz kommt. Für Die Kieferninseln erhielt Marion Poschmann den Berliner Literaturpreis 2018 und wird die damit verbundene Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin annehmen.

Atemlos erwacht Gilbert Silvester aus einem Traum. Seine Frau Mathilda betrügt ihn, dies war eine unmissverständliche Warnung seines Unterbewusstseins. Hals über Kopf bricht er auf und nimmt den nächstmöglichen Interkontinentalflug. Viele Stunden später landet der nicht teetrinkende Hochschuldozent in Tokyo. Ein unscheinbarer Wissenschaftler, bei dem es aufgrund fehlender Kontakte und dem nötigen Machtdrang nicht für eine Professur reichte. So lebt er sein routiniertes Leben als Privatdozent. Dabei vergeudet er seinen Scharfsinn für schwachsinnige Projekte wie einer Bartanalyse, bei der er Bartfrisuren sowie deren gesellschaftlichen Stand seiner Träger untersucht. Immer begleitet von der Angst, für Mathilda zu langweilig zu sein und ihr nichts Aufregendes bieten zu können. Sie hingegen ist erfolgreich, unterrichtet Musik & Mathe an einem Gymnasium und bildet Lehrkräfte aus. Besonders liebt sie die Verfärbung des Laubs, welches sie zu einem Besuch Gilberts während einer Gastprofessur in den USA bewegte. Doch leider war damals der Indian Summer schon vorbei.

Bei seinen Irrungen durch die Millionenmetropole Tokyo bleibt Gilbert zunächst Zeit, die japanische Barttradition zu erforschen. Im Stadtbild zeigt sich eher der bartlose, gepflegte Mann. Interessant dazu die Hintergründe, die uns Marion Poschmann hier serviert. Zum einem scheint dies dem geringen Bartwuchs bei den Japanern, zum anderen ihrer peniblen Reinlichkeit geschuldet. Somit gehört ein Bart keineswegs zum gepflegten Erscheinungsbild oder gar Statussymbol, wie es in Europa häufig der Fall ist. Ausgerechnet einen schütteren, wie sich später herausstellt auch noch angeklebten Ziegenbart trägt der modisch gekleidete, junge Japaner Yosa Tamagotchi. Auf einem Bahnhof will sich dieser das Leben nehmen. Doch Gilberts Aufmerksamkeit hindert ihn an seinem Entschluss. Yosa befürchtet, seinen Studienabschluss nicht zu bestehen. Aus Angst vor dem Verlust des Ansehens sowie des gesellschaftlichen Abstiegs, wählt er den Suizid, der in Japan eine hohe gesellschaftliche Anerkennung findet. Den sorgfältig kalligrafierten Abschiedsbrief für die Eltern bereits in der Tasche.

Wie ein Meister beim damaligen Tamagotchi-Spiel nimmt Gilbert sich Yosa, wenn auch ziemlich spöttisch, an. Er hat das Gefühl, für ihn Verantwortung übernehmen zu müssen. Gemeinsam begibt er sich mit Yosa auf die Suche nach einem angemessenen Ort. Wenn für mich als Europäerin auch nicht nachvollziehbar, so ist es nicht verwunderlich, dass es eine Hierarchie für geeignete Orte gibt. Behilflich soll hierbei das Buch „Complete Manual of Suicide“, ein Nachschlagewerk für Selbstmörder, sein. Diesem folgend kehren sie nach einer verirrten Nacht im Selbstmörderwald Aokigahara, wo sich ihr Absperrband, welches Gilbert den Weg aus dem Wald zurück weisen sollte, sich allerdings mit Bändern bisheriger Selbstmörder verhedderte, erschöpft ins Hotel zurück.

 

Poschmann - Die Kieferinseln-2Inzwischen öffnen sich Gilbert Wege, den japanischen Alltag und die Literatur des großen japanischen Haiku-Dichters Matsuo Bashō zu entdecken. In seinem Tokyoer Hotel liest er dessen Reisebeschreibung. Im 17. Jahrhundert unternahm der Dichter eine legendäre Pilgerreise mit dem Endpunkt der Bucht der Kieferninseln. Matsushima, mit Kiefern bewachsene Klippen, soll der schönste Ort von Japan sein. Die Pilgerwanderung von Matsuo Bashō, vorbei an Heiligtümern und Denkmälern des Landes, folgte dem verehrten Dichter Saigyō, der an verschiedenen Stationen des insgesamt 2400 km langen Pfads Gedichte verfasste. Karge Fußmärsche und wunderschöne Landschaften sollten Yosa somit wieder auf andere Gedanken bringen.

Für Beide könnte diese Reise somit eine geistige Reinigungstour werden. Sie begeben sich auf Bashōs Pilgerweg, wollen es ihm gleich tun und an seinen Stationen eigene Gedichte verfassen. Diese Haikus bestehen traditionell aus drei Zeilen und können auch von zwei Personen im Wechsel gedichtet werden. Auf der Zugfahrt nach Matsushima lässt uns Marion Poschmann, die neben Erzählungen auch Lyrik schreibt, an den Haikus und Waka-Gedichten von Bashō und Saigyō teilhaben. Auf den folgenden Seiten wird es sehr philosophisch, hier ein kleines Beispiel: 

Der Baum verkörpert die Ruhe

Des Geistes im Gegensatz zu

Den vorüberfließenden Dingen.

Seite 113

Beim Umstieg im Bahnhof Sendai verlieren sich Gilbert und Yosa. Nun bricht er allein nach Shiogama auf, da er Yosa auf dem Berg der letzten Kiefern vermutet. Immer wieder stellt Gilbert fest, dass die von Bashō besuchten Pilgerorte inzwischen ungepflegt und verrottet sind – „Schatten ihrer selbst, von der Ödnis moderner Zeiten übergossen“. Enttäuscht erreicht Gilbert Matsushima. Immer im Dunst, vom Tsunami und den Zeichen der Zeit geprägt, ist er kein Anziehungspunkt mehr für Touristen. In diesem Moment fasst er den Entschluss, den Herbst des Japanischen Ahorns in seiner Farbenpracht gemeinsam mit Mathilda zu erleben. Er ruft sie an.

Die Kieferninseln schrieb Poschmann im Rahmen eines Stipendien-Aufenthalts in der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts in Kyoto. In diesem Roman balanciert sie gekonnt zwischen japanischer Exotik und Humor. Und hinterlässt beim Leser unweigerlich die Frage: Existierte Yosa Tamagotchi wirklich?

Japanische Literatur bedient sich häufig der Fantasiewelt und unsichtbarer Charaktere. Poschmanns Roman verkörpert den literarischen Stil des Naturalismus. Sie bedient sich ausgiebiger Naturbeschreibungen als auch der Lyrik in Form von Haikus. Ihr Schreibstil erinnert mich an Haruki Murakami. Seine surrealistischen Romane sind beliebt, in Europa gilt er als wichtigster zeitgenössischer Schriftsteller Japans. Gegenwart und geistige Vorstellung verschwimmen miteinander. Immer wieder stellt sich die Frage: Was und wer ist real? An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass am 22. Januar 2018 der erste Teil seines neuen Romans Die Ermordung des Commendatore erscheint. Der zweite Teil folgt dann im April 2018.

 

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© Jürgen Bauer

Meine Theorie ist, dass Poschmann die Figur Yosa wählte, um Gilberts Zwiespalt zwischen seiner Enttäuschung und dem aufkeimenden Gedanken an Selbstmord darzustellen. Sein Auftauchen verdeutlicht Gilberts Gefühlswelt und wird zu seinem geistigen Begleiter. Hürden und Enttäuschungen, gilt es zu überwinden. Die Erlebnisse auf Bashōs Pilgerweg, das Dichten eigener Haikus öffnen ihm die Augen. Mit Yosas plötzlichem Verschwinden lässt bei Gilbert der Wunsch, seinem Leben ein Ende zu bereiten, nach. Sein Lebensmut kehrt zurück und er schmiedet wieder Pläne. Mit Mathilda, die Verfärbung des Japanischen Ahorns zu beobachten, ist sein nächstes Ziel.

 

Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik und Slawistik und lebt heute in Berlin. Für ihre Prosa und Lyrik wurde sie vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Peter-Huchel- Preis und den Ernst-Meister-Preis für Lyrik; ihr Roman Die Sonnenposition stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gewann den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2013.

Quelle: Suhrkamp

 

 

Sasaya - Kieferninseln & KamusariAuch dieses Mal besprachen wir den Roman in einem Restaurant. Wir wählten das Sasaya, welches bei den in Berlin lebenden Japanern sehr beliebt ist.

So konnten wir neben der guten Küche auch die japanische Kultur und Lebensweise beobachten. Mehr zum Japanischen Restaurant Sasaya erfahrt ihr in diesem lesenswerten Beitrag.

 

 

Noch mehr Lesevergnügen

Eine weitere Leseempfehlung aus dem Reich der japanischen Literatur hat Odette parat. Hierbei handelt es sich um ein Jugendbuch, welches allerdings auch für erwachsene Leser zu empfehlen ist. Die Autorin Shion Miura ist in Japan eine etablierte Schriftstellerin. Schneeschütteln in Kamusari ist in der Übersetzung von Antje Bockel ihre deutsche Erstveröffentlichung.

Im Mittelpunkt des Romans steht Yuki, nach Ende seiner Schulzeit faulenzt er zu Hause herum. Zum Studium hat er noch keine richtige Lust. Anstatt die Eltern ihrem Sohn die Qualen eines Studium aus Prestigegründen aufbürden, entscheiden sie nach seinem praktischen Charakter und organisieren ihm ein einjähriges Praktikum in der Forstwirtschaft. Das sieht der Sohn allerdings nicht so, doch die unvoreingenommene Liebenswürdigkeit der schrulligen Dorfbewohner lassen seine Sehnsucht, die Kälte und die Fluchtversuche schnell vergessen. Das Motto der Dörfler ist: „Naa, passt schon …“ und schnell nimmt sich Yuki dieses Satzes an.

Einen verstaubten unbenutzten PC findend, schreibt er seine Erlebnisse dieses Jahres in den Bergen Japans auf. Man erfährt viel über japanische Bräuche, Riten, Essen, Alltag und die Natur des Landstriches um die Gemeinde Kamusarai. Natürlich werden schmunzelnd die Konflikte zwischen Dorf und Millionenstadt angesprochen. Interessant sind die Aspekte der nachhaltigen Forstwirtschaft und des Anbaus des Hauptrohstoffes Zedern. Während seines Praktikums erfährt Yuki einen kompletten Jahresablauf im Forst. Im Winter müssen die Zedern vom Schnee durch Schütteln befreit werden, damit sie nicht abbrechen. Im Frühjahr wird aufgeforstet und im Sommer das Unterholz verschnitten. Auch einen Waldbrand wird er live miterleben. Ein wahnsinniges Leservergnügen ist das Kapitel über das „Fest des Berggottes“. Hier muss der Romanheld eine Mutprobe in der Götterwelt der Shintoismus bestehen. Und nach einem Jahr stellt sich ihm nicht mehr die Frage, ob er bleiben wird.

Für Japan Freunde ist dieses Jugendbuch ein „must have“. Die witzigen Gedanken und die leichte Schreibweise versprechen bestes Lesevergnügen. Sehr detailliert und lebensnah sind die Charaktere in jedem Lebensalter beschrieben. Leider ist das Buch vergriffen und man kann es nur noch gebraucht erhalten. Der Roman wurde unter dem Titel „Wood Job“ verfilmt.

 

Weitere Infos:   www.suhrkamp.de/buecher/die_kieferninseln-marion_poschmann_42760.html,    www.suhrkamp.de/autoren/marion_poschmann_8096.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,    http://www.suhrkamp.de/autorenfotos/300/8096_poschmann_marion.jpg

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