Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky - Was man von hier (1)Einfach der Fantasie folgen

 

Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann

Dumont, erschienen Juli 2017, 320 Seiten, HC 20,00 €

 

Ein liebevoller Roman mit der richtigen Prise Humor, die mir beim Lesen immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Der dreiteilige Aufbau führt uns in zeitlicher Folge zu den verschiedenen Lebensphasen der Protagonisten. Mariana Leky selbst im Westerwald aufgewachsen, entführt ins in ein kleines Dorf.

Hier scheint die Zeit, stehen geblieben zu sein. Ein unaufgeregtes Dorfleben mit seinen schrulligen Bewohnern serviert sie uns fortan auf dem Tablett.

Doch eines Morgens erwacht die 60-Jährige Selma aufgewühlt aus ihrem Traum. Ein Okapi ist ihr heute Nacht erschienen. Wieder einmal und sie weiß, dass dies nichts Gutes bedeutet. Sie kann den Tod voraus sehen. Dieses ungewöhnliche Tier, welches aussieht wie ein Puzzle, zusammengesetzt aus der Figur eines Pferdes, mit zebragestreiften Beinen und der langen, bläulichen Zunge einer Giraffe. Immer wenn ihr dieses Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag ein Mensch. Bereits dreimal hat sie dies erlebt. Diesmal soll niemand von ihrem Traum erfahren, doch es verbreitet sich sofort wie ein Lauffeuer. In dem kleinen Dorf bleibt nichts lang geheim. So auch nicht, dass der Optiker seit Jahren in Selma verliebt ist, es ihr aber nicht zu sagen traut. Einzig Selmas Sohn, Vater von ihrer Enkelin Luise und in psychologischer Behandlung, hält diesen öden Alltag kaum mehr aus. Er will „die Welt anschauen“, auf Weltreise gehen, um endlich dieses begrenzte Dorfleben zu verlassen. Die zehnjährige Enkelin Luise mit Hund Alaska und Freund Martin hingegen begleiten Selma in dieser Zeit sehr liebevoll.

Die Dorfbewohner verhalten sich sehr verschieden. Die Einen sind vorsichtig und wagen sich nicht aus dem Haus. Andere sagen einander Dinge, die sie schon immer sagen wollten, aber nie der richtige Moment zu sein schien. Gestehen sich ihre Liebe oder auch Affären, lassen Dinge verschwinden, wollen dem Schicksal mit kleinen Gemeinheiten etwas nachhelfen. Und als die bangen Stunden schon geschafft schienen, wird die Vorhersage des geträumten Okapis doch noch wahr. Tags darauf verunglückt Luises Freund Martin während einer Zugfahrt. Ein Verlust den sie nur schwer überwinden wird.

 

Gut zehn Jahre später tritt Luise, anstatt wie ihr Vater, die Welt zu erkunden, im Nachbardorf eine Lehre zur Buchhändlerin an. Noch muss sie dem mürrischen Inhaber Rödder beweisen, dass sie die Richtige für dieses Geschäft ist und die Probezeit bestehen. Als eines Abends, der inzwischen in die Jahre gekommene Familienhund Alaska verschwindet, geht sie gemeinsam mit Selma und dem Optiker auf die Suche. Im Wald begegnet sie auf wundersame Weise Frederick, der eigentlich in einem buddhistischen Kloster Japans lebt, nun aber ausgerechnet im „Haus der Einkehr“ ein Mönchseminar besucht.

Einige Wochen später, während Fredericks Besuch im Westerwald, kommt er sich mit Luise näher. Irgendwie wirkt die Geschichte inzwischen sehr konstruiert, die anfängliche Unbeschwertheit des Romans geht leider nach und nach verloren. Wie zu erahnen, wird ihre Liebe nicht von Dauer sein und mehr als zehn Jahre, mit lockerem Briefkontakt, vergehen bis zum Wiedersehen. Inzwischen werden sich Luises Eltern trennen, der frühere Freund Andreas erscheint auf der Bildfläche. Doch als es ernst wird, zieht Luise sich wieder zurück. Erst als es für Selma zu Ende geht, der Optiker endlich seine Liebe gesteht, wird die Geschichte wieder einfühlsam und real.

Was man von hier aus sehen kann ist ein Buch über Liebe und Freundschaft unter oft schwierigen Bedingungen. Von Autorin Mariana Leky angenehm leicht geschrieben, so dass es in Summe gut unterhält. Ihre Figuren zeichnen sich durch eine gewisse Einfältigkeit aus, dennoch oder vielleicht gerade deshalb, bestechen sie mit einer wunderbaren Herzlichkeit, die mich während des Lesens einfach gefangen nimmt. Schön ist es ihrem Leben, weit ab von städtischer Hektik zu folgen. Sich der Landschaft in einer „herrlichen Symphonie in Grün, Blau und Gold“ einfach hinzugeben. Dies alles macht das Buch für mich lesenswert. Es ist ein Buch auf das man sich einlassen muss, um seine besondere Sprache und auch den Müßiggang zu genießen. Gerade weil es an einigen Stelle fernab der Realität agiert.

 

1603024_logo_wub_[100_mm].inddVon den Buchhändlern wurde es bundesweit zum „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ des Jahres 2017 gewählt. Diese Initiative wurde 2015 von dem Berliner Buchhändler David Mesche, Mitinhaber der BUCHBOX!-Buchhandlungen, ins Leben gerufen. Im Rahmen der Woche unabhängiger Buchhandlungen stehen die inhabergeführten Buchhandlungen im Mittelpunkt des Geschehens. Es finden zahlreiche Veranstaltungen statt und manchmal übernehmen auch die Autoren selbst das Zepter im Geschäft. Aus der Shortlist der mittlerweile 600 teilnehmenden Buchhandlungen wird jährlich das Lieblingsbuch gewählt.

Somit haben im Jahr 2015 Dörte Hansens „Altes Land“ und 2016 mein absolutes Lieblingsbuch „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gewonnen. Auch zu diesen beiden Büchern findet ihr die Rezensionen hier auf dem Blog.

 

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© Franziska Hauser

Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die Romane ›Erste Hilfe‹ (2004), ›Die Herrenausstatterin‹ (2010) sowie ›Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde‹ (2013). 2017 erschien ihr Roman ›Was man von hier aus sehen kann‹, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Die Autorin lebt in Berlin und Köln. Mit ihren ersten Erzählungen gewann sie den Allegra Preis 2000. Für den 2001 bei DuMont erschienenen Erzählband ›Liebesperlen‹ wurde sie mit dem Niedersächsischen Literaturförderpreis und dem Stipendium des Landes Bayern ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren Roman ›Erste Hilfe‹ mit dem Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet.

Quelle: Dumont

 

weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/,   http://www.dumont-buchverlag.de/autor/mariana-leky/,   www.wub-event.de,   www.buchboxberlin.de

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   http://www.dumont-buchverlag.de/fileadmin/_processed_/csm_Leky_FJ10_SW_8b05bfdb1a.jpg

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