Lizzie Doron – Es war einmal eine Familie

Lizzie Doron - Es war einmal eine FamilieGastrezension von Odette

Von Damals bis Heute

 

Lizzie Doron

Es war einmal eine Familie

dtv, erschienen November 2017, 160 Seiten, TB 9,90 €

 

Damals wie heute ist der zweite Weltkrieg den Nachkriegsgenerationen seelisch bewußt. Es existieren zahlreiche Bücher in denen die Kinder und Enkel über ihre Gefühle berichten. Alle haben eines gemeinsam, die Ungewissheit, was ihre Eltern und Großeltern in dieser Zeit erlebt haben. Ihr Schweigen ist für die Kriegsgeneration eine Art Erinnerungsbewältigung und für deren Kinder eine große seelische Wissenslücke.

Das Buch Es war einmal eine Familie spielt in den 90er Jahren in Tel Aviv. In dem Viertel Yad Elijahu leben fast nur Überlebende der Shoah. Die europäischen Juden dachten, nachdem sie den Tod in Europa entkommen sind, können sie nun im heiligen Land ein neues zufriedenes Leben aufbauen. Doch die Erlebnisse des zweiten Weltkrieges lassen sich nicht abschütteln, sie beeinflussen weiter ihr Leben und ihre Träume. In diesem Viertel lebte Helena, Elisabeths Mutter. In Deutschland besaß sie seine Familie, von der sie ihrer Tochter nie etwas berichtete. Nach Israel kam sie allein. Nun ist die Mutter verstorben. In der Schiva, den sieben jüdischen Trauertagen, erhält sie Besuch von Freunden ihrer Mutter. Um der Trauer und den seelischen Problemen zu entkommen, ist Elisabeth zeitig aus dem Viertel weggezogen und hat eine eigene Familie gegründet. Einige ihrer Freunde sind, was für die Eltern noch viel schlimmer ist, im Jom Kippur Krieg 1973 gefallen. Der Tod der Kinder in Israel war unfassbar für die Eltern. Sie glaubten, dem Elend entkommen zu sein, doch das Leid der früheren Jahre setzte sich fort. Auch in Israel finden sie den lang ersehnten Frieden nicht.

Lizzie Doron wurde 1953 in Tel Aviv geboren. Sie studierte Linguistik. Das zentrale Thema ihrer Bücher ist das Leben der Menschen, die von DORT kommen, den Holocaust überlebten und in Israel versuchen, ihr Trauma zu verarbeiten. Hier in Israel sind sie Fremde, die im Schweigen versuchen, ihre Würde zu bewahren. In der Nacht schreien sie ihre Erlebnisse heraus. Glücklich wurden nur wenige in diesem fremden Land mit einer Kultur, welche sie in Europa nicht kennengelernt haben. Auch ihren Kindern vermittelten sie nur einen Bruchteil der jüdischen Tradition, wie eben diese Trauerwoche.

In den sieben Tagen empfängt nicht nur Elisabeth die Nachbarinnen und Nachbarn von damals zu Besuch. Nein, auch die Autorin Lizzie Doron nimmt auf sehr authentische Weise den Leser mit in ihr Israel. Als Leser schlüpft man leicht in die zugewiesene Rolle und kann sehr gut die Gefühle der Menschen aus dem „Dort“ im „Hier“ nachempfinden. Sehr beeindruckt hat mich die Schilderung über einen Mann, der vor seinem Haus Blumen pflanzt und sie täglich gießt. Am Jom Kippur Tag reißt er alle heraus, schmeißt sie auf einen Haufen und pflanzt neue Blumen an, Jahr für Jahr. Elisabeths Mutter lässt ihre Tochter zu diesem Gedenktag nicht in die Schule. Da sie das ganze Jahr trauert, also mit den Gedenken an die Toten lebt, soll sie an diesem Tag von der Erinnerung frei haben, wie weise und mitfühlend von der Mutter.

Es war einmal eine Familie ist ein sehr trauriges und nachdenkliches Buch. Ein Resümee über das Leben auf 160 Seiten. In diesen sieben Tagen wird das Gefühl zu ihrer Mutter starker. Fortan kann sie in Ruhe und Würde ihr Leben ehren, auch wenn sie nach dieser Zeit informativ nichts über die Familie damals in Europa erfährt.

Auch wir wissen wenig über die Erlebnisse unserer Eltern und Großeltern im zweiten Weltkrieg. Die Autorin versucht, das Schweigen auf der Welt zu brechen, indem unterschiedliche Generationen dieses Buch lesen können.

 

https://www.dtv.de/_files_media/cms_uploads/autorenfotos/500b/5368.jpg

© Heike Bogenberger

Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, studierte Linguistik, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr erster Roman ›Ruhige Zeiten‹ wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeannette Schocken Preis. In der Begründung der Jury heißt es: »Lizzie Doron schreibt über Menschen, die von ›dort‹ kommen, die den Holocaust überlebten und nun zu leben versuchen. In Israel. Fremd, schweigend, versehrt – und stets ihre Würde wahrend. Mit großer Behutsamkeit nähert die Autorin sich ihren Figuren und mit großem Respekt wahrt sie Distanz.«

Quelle: dtv

 

Weitere Infos:   www.dtv.de/buch/lizzie-doron-es-war-einmal-eine-familie-14602/,   www.dtv.de/autor/lizzie-doron-14264/

Bildquellen:   Odette Nathke,   https://www.dtv.de/_files_media/cms_uploads/autorenfotos/500b/5368.jpg

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.