Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

Mehr Schwarz als LilaGastrezension von Odette

Selfie mit Folgen

 

Lena Gorelik

Mehr Schwarz als Lila

Rowohlt Verlag, erschienen Februar 2017, 256 Seiten, HC 19,95 €

 

Liest man den Roman bezogen auf die Aktion „Yolocaust“, bei dem Selfies von Jugendlichen am Berliner Holocaustdenkmal von Shahak Shapira im Internet angeprangert wurden, kann man die Beweggründe zum Entstehen dieses Buches verstehen. Diese Internetseite wurde von 2,5 Millionen Menschen aufgerufen. Alle zwölf Selfies, die auf der Seite veröffentlicht waren und unpassende Situationen auf den Stelen des Denkmales darstellten, wurden gelöscht. Die Botschaft wurde verstanden und die Verfasser entschuldigten sich. Auch in dem Roman Mehr Schwarz als Lila geht es um ein Foto. Dieses wurde von den Hauptfiguren des Romans vor dem Galgen im KZ Auschwitz aufgenommen und mehrfach im Internet geteilt. 

Das Buch beginnt, nachdem die oben genannten Fotoaufnahmen entstanden und schildert, wie es zu dieser Situation kam. Eigentlich ist der Roman eine Geschichte über die Suche von Teenagern nach dem Erwachsenwerden und ein Beziehungsdrama. Alex, Ratte und Paul sind Schüler und leben in einer Dreierbeziehung. In ihrem Individualismus unterscheiden sie sich vom Mainstream ihrer Klassenkameraden. Alexandra, genannt Alex, ist 17 Jahre alt. Alex trägt lieber Schwarz als Lila, daher der Titel des Buches. Ihre Mutter ist früh verstorben und ihr Vater erträgt das Leben in Stille. Nach dem Tod der Mutter hielt ein Papagei Einzug in die Familie, der so bunt ist wie das Cover des Buches. Befreundet ist Alex mit Paul. Paul, ist ein Außenseiter, der lyrische Songtexte liebt und Gedichte verfasst. Den Reigen macht Ratte perfekt. Sie stößt erst später zu dem Duo, heißt eigentlich Nina, möchte aber Ratte genannt werden. Sie ist der Punk unter den Dreien, schläft am liebsten im Freien, trägt Rasta und weiß noch nicht so recht, ob sie auf Frauen oder Männer steht. Mit komplizierten Wortspielen testen sie ihre Freundschaft aus. Alles verläuft im selben Trott, bis aus der Dreier- eine Viererbeziehung wird. Johnny Spritzig, der neue antiautoritäre junge Referent an der Schule, verdreht Alex den Kopf. Die Freundschaften zerbrechen, werden auf die Probe gestellt und erfahren ihren Höhepunkt auf der Klassenfahrt nach Polen. In einer Art Mutprobe küsst Alex Paul in Auschwitz auf den Mund. Das Foto grassiert im Internet, wird in den sozialen Netzwerken mehrfach geteilt und zerstört die Freundschaft. Paul verschwindet, Alex ist hilflos und auch Ratte lässt sie allein.

 

LBM 2017 - Lesung Lena Gorelik.jpgGrund für den Kauf des Buches war die interessante Lesung anlässlich der Leipziger Buchmesse 2017 und das Cover – das bunte Gefieder des Papageis. Während der Lesung hatte ich noch kein Problem mit der Sprache im Roman, der betont im Stil von Teenagern sein soll, weil die Autorin als Vorlesende fungierte. Als ich das Buch las, kam mir die Sprache sehr übertrieben jugendlich vor und mit erwachsenen Sequenzen versetzt. Rezitieren Jugendliche heute noch Gedichte? Hören sie Musik, wie die Generation der 50-Jährigen? Die Autorin Lena Gorelik wurde 1981 in St. Petersburg geboren. Sie ist Jüdin und so nehme ich an, dass die Internetseite Yolocaust sie zu der Idee des Buches inspirierte. Nicht nur vor dem Holocaust-Denkmal in Berlin werden unpassende Selfies gemacht, auch an anderen Denkmälern. Das Nachdenken über die Sinnigkeit dieser Aufnahmen und die Erinnerungskultur wird angeregt.

Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass die gute Idee besser umgesetzt wird. Das Buch ist nicht spannend, sondern plätschert so dahin. Die Autorin schafft es nicht, mir die Figuren mit ihren Schicksalen näher zu bringen. Offen bleibt ebenso der Anfang des Buches. Eigentlich erzählt sie das Buch Johnny, doch bei welcher Gelegenheit?

 

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© Charlotte Troll

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman «Meine weißen Nächte» (2004) wurde sie als Entdeckung gefeiert, mit «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Roman «Die Listensammlerin» (2013) wurde mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. 2015 erschien «Null bis unendlich», die «Welt am Sonntag» schrieb: «Ein starkes, ein emotionales Buch, das durch seine reduzierte Sprache große Gefühle offenlegt.» Quelle: Rowohlt

 

Weitere Infos:  www.rowohlt.de/hardcover/lena-gorelik-mehr-schwarz-als-lila.html,   www.rowohlt.de/autor/lena-gorelik.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.rowohlt.de/bild/654e/3094702/3/416/gorelik_lena-994708.jpg

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