Kirsten Fuchs – Mädchenmeute

Mädchenmeute.jpgGastrezension von Odette

 

Waldgeschichten zum Erwachsen werden

Kirsten Fuchs

Mädchenmeute

Rowohlt Verlag, erschienen Januar 2015, 464 Seiten, HC 19,95 €

 

Wie würdest du reagieren, wenn dir deine Familie vor Beginn der Ferien offerieren würde, dieses Jahr – keine Städtereise, kein Strand- und Wellnessurlaub und auch kein Ferienhaus in der Toskana – es reicht die Taschenlampe als Reisegepäck, denn es geht in den Wald. Vor dieser Situation steht am Anfang des Buches Mädchenmeute die Protagonistin Charlotte. Am Ende ist daraus nicht nur ein Abenteuerurlaub geworden, sondern Charlotte entwickelt sich von einem unsicheren schüchternen Kind in einen selbstbewussten Teenager. 

 

Doch alles der Reihe nach

Als Charlotte erfährt, dass ihre Mutter sie zu einem zweiwöchigen „Survival-Camp für wilde Mädchen“ in der Pampa um Berlin angemeldet hat, ist ihre Freude begrenzt. Die Anreise ins Camp beginnt nachts, „Wie toll…“ sagt ihre Mutter. Mit sieben weiteren Mädchen befindet sich Charlotte nun in diesem Bus ins Nirgendwo. Und wie zu erwarten, geht erstmal alles schief – die Gruppenleiterin verschwindet, die Rucksäcke ebenso. Beim Lesen denkt man, aha… das gehört zum Camp-Programm irgendwie dazu. Am nächsten Tag kommt die Camp-Leiterin wieder, die Rucksäcke auch, es scheint alles in Ordnung und bereit fürs Abenteuer, bis die Toiletten überspült werden und Chaos ausbricht. Die Mädchen drehen vor Angst durch und hauen ab.

In den ersten 24 Stunden sind sich die Sieben, trotz unterschiedlichster Biographien, schon so nah gekommen, dass niemand mehr Lust verspürt, nach Hause zurückzukehren, um dort in der Bequemlichkeit von Pool und PlayStation, die Ferien zu verbringen. Als eines der Mädchen vorschlägt, gemeinsam in ihre Heimat ins Erzgebirge zu fahren, um dort im Wald in der Nähe eines geheimen Stollens die Zeit zu verbringen, stimmen alle zu. So finden sie sich am nächsten Tag nicht nur im Wald wieder, sondern auch in der Sagenwelt des Erzgebirges. Auch der Leser erfährt hier viel Neues, denn die Autorin Kirsten Fuchs versteht es mit Leichtigkeit, tausend kleine Hintergrundinformationen in die Erzählung einzuflechten. Auch hier denkt man, dass alles organisiert sein könnte, besonders als die Mädchenmeute ein Hundefängerauto samt Inhalt kidnappt und nun auch noch mit den Hunden unterwegs ist. Im Erzgebirgischen Wald angekommen, verleben sie freie, warme und aufregende Sommertage. Durch nächtliche Streifzüge zum Supermarkt des nächsten Dorfes versorgen sie sich mit Nahrung. Tagsüber sind sie mit Kochen, Bauen und der Pflege ihrer Ausrüstung beschäftigt. Dabei sprühen sie vor Kreativität und suchen nach konstruktiven Lösungen, um es sich im Wald so gemütlich wie möglich zu machen. Hier zeigt sich bereits ihre Entwicklung von Kindern zu verantwortlichen Teenagern. Ihr erworbenes Organisationstalent ist, wie ich finde, zu tiefst weiblich. Die Autorin beschreibt in diesem Buch, wie Teams funktionieren können und welche Regeln dafür notwendig sind. Natürlich kommt es auch zu Streitereien, doch diese stehen nicht in Vordergrund. Die Erzählung wirkt rund und ruhig, mit kleinen Episoden des Erlebten.

 

Unerwartete Wendung

Fast zu derb dann die Tatsache, dass die Gruppe seit ihrer Flucht aus den Survival-Camp medial überwacht wird, das sich Fangruppen bilden, die in Blogs über die Mädchen berichten. Und als wäre dies nicht schon genug, werden sie auch noch von einer Jungsgruppe verfolgt, welche versucht die Mädchenmeute für ihre Interessen zu manipulieren. Auch die DDR-Vergangenheit des Stollens zerstört etwas die Harmonie des Abenteuerromans. Das ist keine Kritik, denn das Buch ist spitze, die Mädchen sind mir beim Lesen ans Herz gewachsen und man möchte, dass ihr Abenteuer nie zu Ende geht. Tolle Texte, tolle Sprache, alles witzig und feinfühlig zu gleich.

Das Buch Mädchenmeute wählten wir im Literaturkreis Berlin in Verbindung mit dem Besuch des Literaturfestivals LIT:potsdam aus. Selbst wir vollzogen einen Wandel wie im Buch. Erst dachten wir, dass uns ein Abenteuerroman für heranwachsende Teenager erwartet, doch daraus wurde ein Sommerlesevergnügen, nicht nur für die Camper unter uns.

Der Höhepunkt des heißen Sommertages in Potsdam (LIT:potsdam) war die Lesung von Kirsten Fuchs und ihre Erläuterungen zum Buch. Die Autorin hätte diese Geschichte ihrer Hauptdarstellerinnen am Liebsten selbst erlebt. Statt des typischen Jungsabenteuerromans wählte sie bewusst Mädchen als Hauptfiguren. Die Mädchenmeute „castete“ sie aus Magazinen und gab ihnen passend zum Roman eine Persönlichkeit. Am Liebsten hätte sie zwölf Mädchen im Team gehabt, doch sieben reichten letztlich aus, um die Geschichte zu erzählen. Kirsten Fuchs empfindet laut eigener Aussage, den Wald als Sehnsuchtsort und wäre als Kind gern selbst mit einem Hund darin umher gestromert. Der Wald besitze eine enorme Vielfalt, wenn man in ihm ist, ist man drin und umschlossen und als Höhepunkt dann der Stollen, noch tiefer im Wald geht es nicht mehr, bekannte die junge Autorin.

So wie Kirsten Fuchs in ihrer rauen rotzigen Art schreibt, so las sie auch bei der Lesung in Potsdam. Man merkt sie liebt das Wortspiel und an vielen vorgelesenen Textstellen der Mädchenmeute mussten wir herzlich lachen. Jeder Charakter ihrer „Superheldinnen-Meute“ ist ihr ans Herz gewachsen und uns auch. Und so gibt sie ihnen das Schönste was eine Mutter ihren Kindern mit auf den Weg geben kann, die Entwicklung zu taffen Teenagern und einen ersten Schritt zum Erwachsen werden.

 

http://3.bp.blogspot.com/-WSpU4s8s5Wg/VLBL-JiRNDI/AAAAAAAAACE/-doMS8gyGVY/s1600/IMG_4027.jpgKirsten Fuchs, 1977 in Karl-Marx-Stadt geboren, ist vermutlich die bekannteste und beliebteste Autorin der Berliner Lesebühnenszene. 2003 gewann sie den renommierten Literaturwettbewerb Open Mike, seither hat sie einen festen Platz in der jüngeren deutschen Literatur. 2005 erschien ihr vielgelobter Debütroman «Die Titanic und Herr Berg», 2008 der Roman «Heile, heile».

Quelle:   Rowohlt Verlag

Simone vom Blog Klappentexterin hat ein Interview mit Kirsten Fuchs zum Buch geführt, welches ich euch zur Einstimmung auf die Mädchenmeute sehr gern empfehle.

 

 

Weitere Infos:   www.rowohlt.de/buch/Kirsten_Fuchs_Maedchenmeute,   maedchenmeute-derroman.blogspot.de,   www.kirsten-fuchs.de

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Cover Mädchenmeute.jpg,    Jacqueline Böttger – diverse,   Kirsten Fuchs (http://3.bp.blogspot.com/-WSpU4s8s5Wg/VLBL-JiRNDI/AAAAAAAAACE/-doMS8gyGVY/s1600/IMG_4027.jpg)

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