Kenneth Bonert – Der Löwensucher

Kenneth Bonert - Löwensucher

Gastrezension von Odette

Ein Familienportrait im faszinierenden Südafrika

 

Kenneth Bonert

Der Löwensucher

Diogenes, erschienen April 2015, 800 Seiten, HC 25,90 €

 

Mit dem Buch Der Löwensucher hat Kenneth Bonert eine faszinierende Familiengeschichte, einen historischen Roman über jüdische Migranten und ein Porträt der Landschaft von Südafrika geschrieben. Damit ist ihm ein komplexes und spannendes Buch gelungen. Mit seinem Erstlingswerk gewann der Schriftsteller 2013 zu Recht den National Jewish Book Award. 

Das die Hauptfigur Isaac Helger das Zeug zu einen Macher hat, zeigt sich schon auf den ersten Seiten im Buch, die die Abreise des 5 Jährigen aus der Litauischen Heimat dokumentieren. Er soll die Familie in der neuen Heimat zu Glück und Wohlstand führen und anders als sein Vater Abel, die Führungsrolle übernehmen. Seine Mutter Gitelle setzt ihn bereits frühzeitig unter Druck. Sie stellt ihm die Frage, ob er ein Löwe, also ein Gestalter, oder ein Mitläufer sein will und entscheidet dies nach ihren Wunsch. Ihr eiserner Charakter beherrscht die Familie. Diese Dominanz ist in ihrer Vergangenheit begründet, über die wir im Verlauf des Buches feinfühlig und schrittweise die Details erfahren. Für Gitelle steht Isaacs Rolle in der Gesellschaft fest, er soll Kaufmann werden. Deshalb unterdrückt sie auf tyrannische Weise seine Sehnsucht, lieber wie sein Vater handwerklich tätig zu sein. Sie veranlasst ihn zu vielen unüberlegten Handlungen und Entscheidungen, welche ihn in seinem späteren Leben verfolgen werden.

Isaac entwickelt sich zu einem jungen mutigen Mann. Trotz des Wissens, um die Rassen- und Gesellschaftsunterschiede im Land, sucht er sich eine Freundin aus der upper class und verliert diese Liebe paradoxerweise daran, dass die Freundin die Rassen- und Gesellschaftsunterschiede ablehnt. Nachdem er beim ersten Anlauf seiner Kaufmannskarriere scheitert, wechselt Isaac zu seinem Talent und seinem Interesse, dem Handwerk und beginnt eine Lehre als Karosseriebaumeister. In der Werksstatt holt ihn eine Tat aus seiner Jugend ein und zwingt ihn, sich an die Armee zu verkaufen, um sein Scheitern zu vertuschen.

Parallel zum Schicksal Isaacs verknüpft sich nun das jüdische Schicksal der Familie. Der Zuzug der restlichen Familienmitglieder aus Litauen nach Südafrika ist aus politischen Gründen nicht mehr möglich. Der zweite Weltkrieg beginnt und damit die Okkupation der Baltischen Staaten. Gitelle verzweifelt an dieser Situation und versucht alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die gewünschten Pässe für ihre Geschwister, deren Ehepartner und Kinder zu besorgen. Um dies zu ermöglichen, zwingt sie ein weiteres Familienmitglied zur Hilfe, dessen Existenz sie stets verleugnete. Der Wunsch der Mutter, das Familiendomizil nun auch noch mit den übrigen Familienmitgliedern zu füllen, setzt Isaac erneut unter Druck. Er versucht alles, doch leider ist es ihm nicht möglich, alle Familienmitglieder Pässe für die Ausreise zu verschaffen.

 

Obwohl er, wie ich finde, die beste Lösung gewählt hat um seine Mutter zu schützen, fällt er eine schicksalhafte Entscheidung ohne Absprache mit seinen Eltern. Natürlich kommt die Unterschlagung des Geldes, welches er für die Pässe verwenden sollte und stattdessen zum Aufbau seines Imperiums genutzt hat, ans Licht. Daraufhin verleugnet ihn seine Mutter, merkt allerdings in den letzten Lebensminuten wie stolz sie auf Isaac hätte sein können. Am Ende des Romans stellt dich für Isaac doch noch eine gewisse Zufriedenheit über das gemeinsame Leben mit seinem Vater in dem selbst erschaffenen und von der Mutter doch so gewünschten Familienhaus ein. Und er erlangt die Gewissheit, dass er auch mit den Geld für die Pässe, wohl keines der Familienmitglieder hätte retten können.

Das Buch hat in mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Ich musste mich überwinden, es für Pausen zur Seite zu legen. Die Schilderungen über Liebe, Hass, Misserfolg, großer Schuld und ein altes Familiengeheimnis haben mich sehr gefangen genommen. Auch wenn sich Isaac und seine Mutter entzweit haben, waren beide bis zu ihrem Tod, die wichtigsten Menschen füreinander. Die Schilderung ihrer Beziehung zueinander ist Kenneth Bonert, sehr intim und glaubwürdig gelungen.

 

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Foto: © Richard Dubois

Kenneth Bonert, geboren 1972 in Johannesburg, wo er auch aufwuchs, bis er 17-jährig mit den Eltern nach Kanada emigrierte. Er studierte Journalistik an der Ryerson University in Toronto, wo er heute als Reporter und Schriftsteller lebt. Sein Romanerstling ›Der Löwensucher‹ gewann 2013 den National Jewish Book Award und den Edward Lewis Wallant Award und war auf der Shortlist für den Governor General’s Award.

Quelle: Diogenes

 

 

 

 

Weitere Infos: www.diogenes.de/leser/neuheiten/hardcover/alle/9783257069235/buch

Bildquelle:  Jacqueline Böttger,   http://www.diogenes.de/media/author_portraits/130_175/810000940.jpg

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