Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese

Ishiguro_KDer_begrabene_Riese_161309.jpgGastrezension von Odette

Über das Vergessen

Kazuo Ishiguro

Der begrabene Riese

Random House, erschienen August 2015, 416 Seiten, HC 22,99 € / Heyne TB 9,99 €

 

Gestern gab die Schwedische Akademie bekannt, dass Kazuo Ishiguro mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird. Nach der im letzten Jahr umstrittenen Preisvergabe an den Dichter und Songwriter Bob Dylan, überraschte das Nobelpreis-Komitee mit seiner Entscheidung erneut. Zu den Favoriten zählten der Amerikaner Philip Roth, die Kanadierin Margaret Atwood und mein japanischer Lieblingsschriftsteller Haruki Murakami (Rezensionen von ihm findet ihr hier auf dem Blog). 

Am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters und Dynamit Erfinders Alfred Nobel, wird die mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotierte höchste Literaturauszeichnung in Stockholm verliehen.

 

Grund genug für mich, endlich die in der Schublade schlummernde Rezension seines Romans Der begrabene Riese zu veröffentlichen. Von Kazuo Ishiguro hatte ich zuvor noch keine Bücher gelesen. Selbst den Klappentext dieses Buches las ich nicht, sondern schrieb es intuitiv auf meine Weihnachtswunschliste. Umso erstaunter war ich, als ich die ersten Seiten des Buches las und mich in einem Märchen, im 5. Jahrhundert Britanniens spielend, wiederfand.

Da ich Gegenwartsromane bevorzuge, sind Märchen und historische Romane nicht die von mir präferierten Lesestoffe. Auf den ersten Seiten stellt Kazuo Ishiguro die Hauptfiguren Axl und Beatrice, ein älteres Ehepaar, vor. Zunächst quälte ich mich durch Aberglaube und die Anrede „meine Prinzessin“, die Axl gegenüber seiner Frau verwendet, ließ mich immer wieder zusammen zucken. Beim Thema Vergesslichkeit dachte ich doch tatsächlich an Altersdemenz. Das ältere Ehepaar verlässt das Dorf, um ihren Sohn zu besuchen, der sie vor langer Zeit verlassen hatte. Sie können sich nicht genau erinnern, ob er in Streit gegangen ist und wo er jetzt lebt. Dessen ungeachtet machen sie sich auf die Reise zu ihm.

Erste Station dieser Reise ist ein angelsächsisches Dorf. Da ich parallel einen Film zu den historischen Themen Angelsachsen, Goten und Britannien sah, konnte ich dem Roman gut folgen und empfand ihn als lebendige Geschichtsstunde. Doch für mich als Nicht-Märchenfan kam es dann noch dicker. Ein Krieger Wistan tauchte auf, der den Jungen Edwin vor Menschenfressern rettete. Zusätzlich schloss sich ein Ritter von Arthus Tafelrunde der Gruppe auf der Reise an. Schließlich erteilte der Fährmann dem Ehepaar, während eines Gewittergusses, eine Lektion über den Tod.

Obwohl sich der Text gut las, war ich nah daran das Buch wegzulegen. Gefangen hielt mich das Thema „Vergessen“ in Form der Drachin Querig. Sie legte das Vergessen mit ihrem Atem als Nebel über das Land und deren Bewohner. Nun merkte ich, wie Kazuo Ishiguro über die stilistische Form des Märchens eine Philosophie aufbaut. Das Kernthema des Romans „Wann ist es besser zu vergessen?!“ wird sichtbar. Im Laufe der Erzählung wächst bei den Alten die Idee, die Drachin zu töten, um sich wieder an ihre Vergangenheit erinnern zu können. Auch die Angst, sich im Reich der Toten als Ehepaar nicht wiederzufinden, wie ihnen der Fährmann prophezeit, spielt eine Rolle.

 

Die Toteninsel - Arnold Bröcklin.jpgAm Ende des Buches sah ich das Gemälde von Arnold Böcklin „Die Toteninsel“ vor meinen Augen. Für die Alte Beatrice endet das Märchen mit einem happy end, jedoch nicht für ihren Mann und die Gegenwart. Die Alte wird ihren Sohn finden, dieser lebte schon lange auf der Toteninsel. Damals trennten sie sich im Streit und er starb einsam an einer Seuche in der Ferne. Der Alte Axl wird sich daran erinnern, dass er ein Krieger war, unfair zu seiner Prinzessin und seinem Sohn, weshalb er nicht auf die Toteninsel gehörte. Das Land wird sich an die verbitterten Kriege zwischen den Stämmen der Angelsachsen und Briten erinnern und muss mit dem Völkermord leben. Somit war der Nebel des begrabenen Riesen gut für die Liebe der alten Leute, den Frieden im Land und die Toleranz im Leben.

 

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© Jeff Cottenden

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller »Was vom Tage übrigblieb«, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Kazuo Ishiguro erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Quelle: Random House

 

Weitere Infos:   https://www.randomhouse.de/Buch/Der-begrabene-Riese/Kazuo-Ishiguro/Blessing/e464070.rhd,   https://www.randomhouse.de/Autor/Kazuo-Ishiguro/p43386.rhd

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.randomhouse.de/content/author/image/22481_xl.jpg

2 thoughts on “Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese

    • Lieber Thomas,

      das stimme ich mit dir überein. Murakami, der im nächsten Jahr mit einem neuen Roman aufwartet, mag ich auch sehr. Beide haben ihren speziellen Charme.

      LG Jacqueline

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