Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh - Unterleuten 9783630874876_Cover.jpgTrügerische Idylle im Märkischen Sand

 

Juli Zeh

Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag, erschienen 08. März 2016, 640 Seiten, HC 24,99 € / der Hörverlag, Hörbuch MP3-CD, 24,99 €

 

Unterleuten ein fiktives unberührtes Dorf in Brandenburg, welches bei den Berliner Stadtdepressiven wegen seiner scheinbaren Idylle beliebt ist. Aber schnell wird klar, der Schein trügt.

Juli Zeh erzählt kapitelweise das Zusammenleben der geflohenen Großstädter und der kauzigen Ex-DDR-Dorfbewohner. Doch nach und nach kann man sich ein Bild von den Protagonisten mit ihren sehr verschiedenen Charakteren machen, welche unweigerlich aufeinander prallen werden. Das Dorf ist zur Zweckgemeinschaft von Egoisten erodiert. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Form der Gegensätze zwischen alteingesessenen Dorfbewohnern und gestressten Großstädtern schon bald zu einem explosiven (Lese-)Stoff wird. 

 

Zehs geschickt gewählte Metaphern für das fiktive Dorf „Unterleuten“ in der Prignitz nahe Berlin, das nahe gelegene Naturschutzgebiet „Seelenheil“, mit den geschützten Kampfläufern versprüht Ruhe und saubere Luft, als auch die „schiefe Kappe“ als Bezeichnung für das Eignungsgebiet eines geplanten Windparks, lassen die Brisanz des Romans bereits erahnen. Der Roman ist durch stetige Perspektivwechsel geprägt, welche unweigerlich eine Spannung aufbauen wie ich sie auch aus Juli Zehs Romanen wie „Spieltrieb“ und „Schilf“ kenne.

 

Die Stadtflüchtigen

Der Roman beginnt mit der Vorstellung des stadtflüchtigen Pärchen Frieß – Weiland. Gerhard Frieß, Professor und Dozent in den Fünfzigern, findet in seiner Studentin Jule, Mitte dreißig und inzwischen mit Töchterchen Sophie, die große Liebe. Es folgen Stadtflucht, die neue Tätigkeit als Vogelschützer für die Kampfläufer beim Naturschutzbund „Seelenheil“ und der Traum, sich in der Natur vor der großen Stadt, ein eigenes Heim aufzubauen. Der Klassiker also, wäre da nicht Nachbar und Autoschrotthändler Schaller, der ihnen mit dem Verbrennen von Unrat das Leben zur Hölle macht. Schluss mit Ruhe und Garten, das „Tier“ wie ihn die Frieß nennen regiert, die Idylle kommt ins Wanken.

Mit im Spiel sind auch die junge Pferdeflüsterin Linda Franzen mit Freund & IT-Freak Frederick. Sein attraktives Jobangebot in Berlin führte zum Umzug nach Unterleuten verbunden mit dem Kompromiss, dass Linda hier den Aufbau eines Pferdegestüts in Aussicht hat. Das nötige Bauland erhofft Linda von Meiler, Inhaber einer westdeutschen Consulting-Firma, der mal eben 250 Hektar Land wie er sagt „die halbe DDR“ kaufte, zu erwerben. Sie lädt ihn zu einem Treffen nach Unterleuten ein. Und wie der Zufall es will, findet ausgerechnet an diesem Tag eine Versammlung statt, die das ganze Dorf verändern wird.

Darüber hinaus durchkreuzt Frieß Lindas Pläne für die Erweiterung der Koppel sowie den Bau eines Anbaus mit dem Argument, dass das Leben und die Brutstätten der Kampfläufer empfindlich beeinträchtigt würden.

 

Die Dorfbewohner

Die Dorfbewohner stellen im bunten Miteinander das Pendant zu den Stadtflüchtigen dar. Federführend sind hier die beiden Dorfältesten sowie LPG-Veteranen, Bürgermeister Seidel und der cholerische Nostalgiker Kron. Krons Tochter Kathrin mit Mann und Kind Krönchen, die es trotz erfolgreichen Pathologie-Studiums wieder in die Provinz verschlägt. Landwirt Gombrowski, der zur Wendezeit aus den Landverkäufen der LPG die Ökologica GmbH gründete und seither eine enge Freundschaft mit Seidel wie auch die ausgiebige Feindschaft mit Kron zu pflegen weiß. Und nicht zu vergessen Gombrowskis Handlanger Schaller, der die Berliner, die sich für etwas Besseres halten und im Speckgürtel ihre Ruhe suchen, hasst.

Die kurzfristig angesetzte Dorfversammlung, auf der ein Mitarbeiter der Firma Vento Direct den geplanten Bau eines Windkraftprojektes schmackhaft macht, stellt den Dorffrieden nun endgültig auf den Kopf. Heftige Tumulte entstehen, doch er weiß nur zu gut, um die Perspektivlosigkeit der Gemeinden. In Zeiten knapper Kassen bringt so ein Windkraft-Projekt über die Gewerbesteuer gutes Geld, um das Notwendige der Dorfgemeinschaft zu finanzieren. Als sehr guter Rhetoriker versteht er es, aus der erzeugten Resignation auf Grund der fehlenden Mitbestimmung des Dorfes, die Entscheidung über den Bebauungsplan obliegt der Kommune, eine sozusagen stille Zustimmung für das Projekt zu erzeugen. Zehn Hektar Bauland sind notwendig und das Gebiet um die „schiefe Kappe“, an dem Meiler als auch Gombrowski jeweils vier Hektar halten, kommt in die engere Wahl. Doch die zwei fehlenden Hektar sind im Besitz der Pferdeflüsterin Franzen, die nun geschickt ihre Trümpfe zwischen den beiden Interessenten ausspielt, um ihr Projekt Pferdegestüt zu realisieren.

Nun nimmt das Dorfleben so richtig Fahrt auf. Jule Weiland startet mit ihrem Vogelschützer im Rücken eine Unterschriftskampagne gegen die Errichtung des Windparks. Der alte Kron und seine Anhänger starten einen Komplott gegen das „Windmühlenprojekt“. Kinder verschwinden auf merkwürdige Weise und tauchen wieder auf. Eine Schlägerei zwischen den Erzrivalen Kron und Gombrowski, bringt sogar einen jahrelang als Unfall getarnten Mord ans Licht. Der Roman endet mit dem makabren Satz: „Das ganze Dorf trinkt Gombrowski!“ Spannung ist also in jeglicher Hinsicht garantiert.

 

Aus dem Leben gegriffen

Unterleuten - ein Dorf irgendwo in Brandenburg.jpgRegelmäßig fahre ich durch Brandenburg, sehe massenhaft Windräder, welche die Landschaft verschandeln. Aberwitzig finde ich auch groß angebrachte Wegweiser mit dem Hinweis „Naturpark“, wobei der Blick auf einen Horizont mit einem kaum enden wollenden Windpark trifft. Juli Zeh hat es mit Unterleuten geschafft, dass ich beim Durchqueren der Dörfer immer an ihren Roman denke und mich frage, ob auch diese Menschen hier die Unterleutener Erfahrungen gemacht haben.

 

 

Unterleuten - ein Dorf irgendwo in Brandenburg 1.jpgLändliche Gebiete stecken oftmals in einer Misere. Obwohl der Trend der gesunden Ernährung, nie war der Anteil der Vegetarier und Veganer größer als jetzt, unermüdlich anhält, scheint die Bewirtschaftung der Flächen und deren Erträge nicht wirtschaftlich genug zu sein. Landwirte können oft nicht rentabel genug sein, wie die Ökologica GmbH im Roman beispielhaft zeigt. Da kommt das Angebot, große Flächen für erneuerbare Energien wie Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen, zu verkaufen gerade recht. Die jährliche Rendite aus der Pacht ist interessant und das Überleben für einige Jahre gesichert.

Die Kehrseite sind gesundheitliche Folgen für die Anwohner, verschandelte Landschaften und die Frage, ob diese Art der erneuerbaren Energien auf lange Sicht das „Seelenheil“ bringt.

 

 

juli_zeh_autorin_am_steg_lg.pngJuli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).

Quelle: www.juli-zeh.de

 

 

Juli Zeh ist als Ex-Leipzigerin selbst eine Stadtflüchtige und lebt jetzt im Brandenburger Havelland. Sie liebt Gesellschaftsromane besonders amerikanische und so kommt Zeh kommt in ihrem Erzählstil sehr nah an Franzens Familiensagas wie „Unschuld“ heran.

 

Ich hoffe, dass ihr nun Feuer und Flamme seid und den Roman unbedingt lesen möchtet. Auf dieser Website www.unterleuten.de könnt ihr zur Einstimmung schon mal einen Rundgang durch Unterleuten wagen. 

 

Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.

Nehmen Sie sich zehn Minuten für einen Rundgang durchs Dorf! Bewegen Sie sich in Unterleuten, lernen Sie das Dorf, seine Bewohner und andere Beteiligte kennen. Denn irgendwie sind wir doch immer und überall unter Leuten.

www.unterleuten.de/

 

Eine coole Idee! Und detaillierte Infos zu den Protagonisten des Buches sind hier auch zu finden. Wenn die Geschichte laut Juli Zeh nicht fiktiv wäre, würde ich doch glatt denken, sie hätte aus ihrem Leben geplaudert. 😉

 

Mein Fazit, ein spannender Gesellschaftsthriller eingebettet in einer einfühlsam geschriebenen Familiensaga – ganz Franzen-like!

 

Weitere Infos:   www.juli-zeh.de/www.unterleuten.de/,   www.randomhouse.de/Buch/Unterleuten/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e482616.rhd

Bildquellen:   http://www.juli-zeh.de/images/home/juli_zeh_img/juli_zeh_autorin_am_steg_lg.png,    Juli Zeh – Unterleuten 9783630874876_Cover.jpg,    Jacqueline Böttger – Unterleuten – ein Dorf irgendwo in Brandenburg.jpg

2 thoughts on “Juli Zeh – Unterleuten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.