Juli Zeh – Leere Herzen

Juli Zeh - Leere HerzenSanfte Kritik

 

Juli Zeh

Leere Herzen

Luchterhand Literaturverlag, erschienen November 2017, 352 Seiten, HC 20,00 €

 

Nach ihrem Roman Unterleuten, welcher ein absolut realistisches Bild unserer Zeit zeichnet und mir sehr gut gefallen hat, war meine Erwartungshaltung gegenüber Leere Herzen natürlich sehr groß. Nun hielt ich laut Klappentext einen packenden Politthriller mit kritischem Ausblick auf unsere heutige Gesellschaft in der Hand.

In Juli ZehLeere Herzen begeben wir uns ins beschauliche Braunschweig des Jahres 2025. Der aktuelle Hit „full hands, empty hearts – It`s a suicide world“ soll die Lage in Deutschland beschreiben, welches nur noch von Konsum, Gleichgültigkeit und Politikverdrossenheit geprägt ist. Die Merkel-Regierung ist abgewählt und die „Besorgte Bürger Bewegung“ hat die Regierung übernommen. Das Handeln ist pragmatisch, man hat sich eingerichtet und mit der Situation abgefunden. So kommen auch die Protagonisten daher.

Zwei Paare aus gegensätzlich gesellschaftlicher Struktur, deren Töchter befreundet und somit das eigentliche Bindeglied dieser vermeintlichen Eltern-Freundschaft sind, kommen austauschbar und konturlos daher. Ihre Charaktere haben für mich wenig Struktur, obgleich genau diese Konstellation genug Erzählstoff als Abbild unserer heutigen Gesellschaft bietet. Schriftsteller Knut und seine Frau Janina, die ein Schreibbüro für eben diese Klientel betreibt, träumen vom Haus im Grünen, um alternativ und nachhaltig zu leben. Auf Grund ihrer geringen Einkünfte werden sie sich dies jedoch kaum erfüllen können. Dazu gesellen sich Britta und Richard. Modern, wohlhabend mit sehr gut ausgestattetem Haus. Der als Anlageberater tätige Richard ist mäßig erfolgreich, dagegen trägt Brittas „Brücke“ wesentlich zum Familieneinkommen bei.

Bei der „Brücke“ handelt es sich um eine Agentur für ungewöhnliche Dienstleistungen, betrieben von Britta und ihrem irakischen Geschäftspartner Babak. Ein Duo, welches kaum unterschiedlicher sein kann. Erfolgreich getarnt als eine „Heilpraxis für Life-Coaching, Self-Managing und Ego-Polishing“ passt die „Brücke“ perfekt ins Bild und erfreut sich großer Nachfrage. In einer Zeit, in der Menschen keine Ziele und wenig Freude am Leben haben, werden durch Analyse von Web und Darknet gezielt suizidgefährdete Personen gesucht. Anschließend mit Hilfe eines 12-stufigen Plans, auf Eignung geprüft und bestenfalls ihren Auftraggebern für gezielte Attentate oder Aktionen zur Verfügung gestellt. So finden sie wenigstens noch als Märtyrer ihre gezielte Bestimmung. Doch als ihr Geschäftsmodell unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzen Britta und Babak alles in Bewegung, um ihre vermeintlichen Gegner auszuschalten…

 

Interessanter Ansatz, aber…

Dies liest sich eigentlich ganz gut und nach den ersten hundert Seiten, hatte ich noch Hoffnung auf einen Spannungsbogen. Doch die Geschichte kommt trotz interessantem Ansatz nicht in Fahrt. Ich vermisse Tiefe, die Figuren bleiben konturlos und das Ende wird hektisch als auch fragwürdig zugleich. Nicht nur nach dem großen Erfolg von Unterleuten, einem Vergleich in Intensität und Sprache konnte ich natürlich beim Lesen nicht verhindern, habe ich von Juli Zeh mehr erwartet. Auch außerhalb ihres Schriftstellerdaseins stellt sie sich den politischen Problemen. Ihr Roman sollte somit eine sogenannte Dystopie sowie als Mahnung der gravierenden politischen Veränderungen verstanden werden. Doch dieses aus meiner Sicht versteckte Signal wird viele Leser nicht erreichen. Parallelen zur heutigen Zeit sind gewollt, für ein provozierendes Zukunftsszenario jedoch viel zu zahm. Ich vermisse Dramatik, Provokation und differenziert gezeichnet Charaktere, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Hier ist Zeh ungewohnt oberflächlich. Das Geschriebene scheint wie unter Termindruck, mit Blick auf die Bundestagswahlen und der jetzt schwierigen Regierungsbildung, entstanden zu sein. Unterm Strich finde ich die Umsetzung nicht gelungen. Mein Anspruch an Juli Zeh ist hoch, dem sie mit diesem Roman nicht gerecht geworden ist. Er unterhält, plätschert aber leider nur so dahin.

Mein Fazit: Juli Zeh ist eine Autorin, die ich immer wieder gern empfehle. Ihr Talent und ihre Vielfalt begeistern mich. Ob Krimi wie „Schilf“, Gesellschaftskritik in „Spieltrieb“ oder als Gegenwartsroman „Unterleuten“. Hier wird jeder in seinem Genre fündig und es lohnt sich absolut, ihre Romane zu lesen. Mit Leere Herzen hat sich die Autorin viel vorgenommen, doch der große literarische Wurf ist es für mich nicht. Ihr nächster Roman wird sicher wieder spannender.

 

juli_zeh_autorin_am_steg_lg.pngJuli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) sowie dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt (2017).

Quelle: www.juli-zeh.de

 

Weitere Infos:   https://www.randomhouse.de/Buch/Leere-Herzen/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e503348.rhd, http://www.juli-zeh.de/index.php

Bildquellen:    Jacqueline Böttger,   juli_zeh_autorin_am_steg_lg.png

3 thoughts on “Juli Zeh – Leere Herzen

  1. Pingback: Juli Zeh: Leere Herzen - Peter liest ...

  2. Hallo, habe die ’sanfte Kritik‘ an JZ’s new book gelesen und frage deshalb, WARUM ich mir solch 1nen ‚Schmöker‘ – man kann sowas auch ‚Schwarte‘ nennen, denn überhaupt noch kaufen sollte?! Über das Talent dieser JZ gibt’s jadoch ganz unterschiedliche Meinungen.
    LG
    hotscha24.wordpress.com.

    • Hallo Horst,

      die Rezension beeinhaltet meine Gedanken zum gelesenen Roman. Die Entscheidung, ob man dieses Buch lesen möchte, obliegt natürlich jedem selbst.
      Wenn dich dieser Beitrag nicht zum Lesen animiert hat, ist das aus meiner Sicht völlig in Ordnung.

      Beste Grüße
      Jacqueline

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