Joseph O’Neill – Niederland

Joseph O`Neill - NiederlandGastrezension von Odette

Mehr als nur Cricket

Joseph O’Neill

Niederland

Rowohlt Verlag, erschienen 2010, TB 9,95 €

 

Vor zwei Jahren las und besprach ich das Buch Sinneswechsel von Zadie Smith. In diesem Essayband, in dem die Autorin Gelegenheitsessays veröffentlicht, vergleicht sie unter dem Titel „Zwei Wege für den Roman“ die beiden Romane „8 ½ Millionen“ von Tom McCarthy und Joseph O’Neills „Niederland“. Zwei Schreibstile stehen sich gegenüber. Zum einem ein handwerklich meisterhafter „post-nine/eleven“ Roman und zum anderen ein radikal avantgardistischer Experimentalroman. In dem Roman Niederland findet sich Zadie Smith wieder, „8 ½ Millionen“ bewundert sie. Ich habe beide Bücher, die Zadie Smith als interessante Autoren der Gegenwartsliteratur empfohlen hat, gelesen. Niederland gefiel mir am besten. Dieses Buch ist ein Beziehungsroman mit Cricket, New York als Hintergrund und einer Männerfreundschaft, die es fast zum Krimi schafft.

 

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 fühlt sich Rachel, die Frau von Hans van der Broek, nicht mehr sicher und möchte New York verlassen. Kurz zuvor sind sie in die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten gezogen. Hier wurde ihr Sohn Jake geboren. Sie arbeitet als Anwältin, er als Analyst für Rohstoffe für eine internationale Bank. Doch nicht nur die Anschläge sind für sie ein Grund, die Stadt zu verlassen. Sie haben sich in ihrer Beziehung auseinander gelebt. Als Pendler, denn jedes zweite Wochenende besucht er seine Familie in London, lebt er einsam im exzentrischen Hotel Chelsea. Zu dieser Zeit ist das legendäre Hotel bereits kein Hotel mehr, sondern beherbergt Familien und Personen, welche ihre Wohnungen vorübergehend räumen mussten, da sie im Umfeld der Twin-Towers lebten.

Ein Taxifahrer bringt ihn auf die Idee, an den Wochenenden, die er in New York verbringt, wieder mit dem Cricket spielen zu beginnen. Sehr akribisch und interessant schildert der Autor diese Sportart, stellt Plätze in New York vor und charakterisiert die Spieler. Cricket ist nicht nur ein Spiel der Inder und Pakistanis. Auch in Hans Heimat, den Niederlanden, hat es eine lange Tradition und wurde in die neue Welt sowie deren Kolonien exportiert. Die Mitglieder der amerikanischen Clubs, bestehen größtenteils aus Spielern mit südostasiatischem, indischem oder karibischem Migrationshintergrund. Sie sind eine starke Gemeinschaft, die sich nach den Spielen zu gemeinsamen Grillabenden treffen und man sich gegenseitig hilft. Durch den New Yorker Club lernt er Chuck Ramkinsoon kennen. Der Fünfzigjährige, aus Trinidad stammende Chuck, kontrolliert das Spiel als Schiedsrichter. Beide kommen sich näher. Hans ist von dem dunkelhäutigen Westinder, der das Leben eines erfolgreichen Einwanderers führt, begeistert. Chuck erläutert ihm seine Vision eines großen New Yorker Cricket Centers. Obwohl Hans Angst hat, dass Chuck nur auf sein Geld als Investor spekuliert, lässt er sich auf ihn ein. Dabei bemerkt er, dass dessen Geschäfte am Rande der Legalität ablaufen und er immer Mittelsmänner als Geschäftsführer seiner Unternehmungen wählt. Beruflich wie privat ist Hans eher der Spießer und Vertreter der alten Welt. Zwar haben die Holländer New York gegründet, doch den Pioniergeist an die Immigranten aus Asien abgegeben. Sein beruflicher Erfolg basiert auf seiner phlegmatischen Art des Aussitzens, die ihn erst in eine private Krise stürzt, ihn aber auch genau auf diesem Weg wieder erlöst. Seine Frau Rachel hingegen beweist Weitsicht. Sie sieht die wirtschaftlichen und politischen Konflikte voraus, kann mit der Hilflosigkeit ihres Ehemannes zwar nicht leben, unterliegt jedoch der Realität, eine Familie zu sein und bleibt bei ihm. Und so endet diese Geschichte mit einem realistischen happy end.

 

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© Beowulf Sheehan

Joseph O’Neill wurde 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin in Cork geboren und wuchs in Holland auf. Er studierte Jura in Cambridge und arbeitete als Anwalt in London. Später ließ er sich als freier Autor mit seiner Familie in New York nieder und lebte auch in diesem Hotel. Für seinen internationalen Bestseller „Niederland“ wurde er 2009 mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet.

Quelle: Rowohlt

 

 

Weitere Infos:   www.rowohlt.de/taschenbuch/joseph-o-neill-niederland.html,   www.rowohlt.de/autor/joseph-o-neill.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.rowohlt.de/bild/a77c/2774662/3/416/af_oneill-joseph_001.jpg

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