Jonathan Franzen – Unschuld

Jonathan Franzen - Cover Unschuld.jpgGastrezension von Odette

Whistleblower & Co.

 

Jonathan Franzen

Unschuld

Rowohlt Verlag, erschienen September 2015, 832 Seiten, HC 26,95 € / der Hörverlag, Hörbuch MP3-CD, 26,99 €

 

Das Buch Unschuld von Jonathan Franzen verschaffte mir das größte Lesevergnügen im letzten Jahr. Solch einen runden analytischen Roman habe ich seit langem nicht mehr gelesen. Und dabei wollte ich es gar nicht zur Hand nehmen, weil ich mich davor scheute, wieder ein Buch über die DDR Vergangenheit und ihre Bewohner zu lesen. Geschrieben von Schriftstellern, die das Leben damals nur von Erzählungen kennen konnten, auch wenn sie wie Franzen an der Freien Universität in Berlin studierten. 

Mit der Geschichte ist Franzen ein meisterlicher Geniestreich gelungen. Er nutzt die Spitzelproblematik, um uns die Arbeitsweise heutiger Enthüllungsplattformen zu beschreiben. Die Personencharaktere, welche denken, dass Enthüllungen wie damals in der DDR, die Garantie für ein funktionierendes System ist. Der Gesellschaftsroman ist, natürlich Franzen-like, in eine große Familiensaga eingebettet. Beim Lesen des Buches begleitete mich immer ein Gefühl als würde Franzen neben mir auf der Sessellehne sitzen und erzählen. Unter dieser Voraussetzung waren die 832 Seiten kein Problem. Im Gegenteil, ich musste mich regelrecht zügeln, um nicht nach diesem Buch süchtig zu werden.

 

Reinheit trifft auf Whistleblower

Der Roman ist von drei Hauptfiguren geprägt. Jede dieser Hauptfiguren bringt einen eigenen interessanten Personenkreis mit und existiert in dessen Universum. Um so spannender, die Überschneidungen in den Handlungssträngen, die zeitlich unterschiedlich datiert sind. Der Roman beginnt mit der Vorstellung von Purity „Pip“ Tyler. Diese lebt in chaotischen WG-Verhältnissen in Oakland, wird von ihren Collegeschulden erdrückt und hat zudem eine sehr labile Mutter, welche einsam in einer Waldhütte lebt. Eine Lebensfrage bedrückt sie: „Wer ist mein Vater?“. Von ihrer Mutter wird sie darauf jedoch nie eine Antwort erhalten. Über die WG-Mitbewohnerin Annagret gerät sie in die Welt der zweiten Hauptfigur, Andreas Wolf.

Andreas ist als priviligiertes Kind der DDR, im gehobenen Staatsmilieu seiner Eltern aufgewachsen, zweiten Grades verwand mit dem DDR-Spion, Markus Wolf. Er ist hoch intelligent, doch wie seine Mutter sexuell anormal. Seine vorgeplante Karriere in der DDR verdirbt er sich mit einem provokanten Liebesgedicht und wird als Oppositioneller in der Betreuung von jungen Mädchen, die sich in Kirchenkreisen politisch engagieren, tätig. Aus Eifersucht sowie Hilfsbereitschaft begeht er am Stiefvater und Stasispitzel, einer 17-jährigen Bewunderin, einen Mord. Zur Wendezeit 1989 versucht er an seine Stasiakte zu gelangen, um zu erfahren, ob gegen ihn ermittelt wird.

Der Weg zum späteren Whistleblower beginnt. Nur so hat er die Möglichkeit, immer einen Schritt weiter als seine Feinde zu sein. Als einen seiner Feinde vermutet er, die dritte Hauptfigur des Romans, Tom Aberant. Dieser lebt in Amerika, stammt aber von einer Mutter ab, welche in Jena aufgewachsen ist und die vor ihren Familienverhältnissen nach Amerika floh. Um in ihrer Heimat zu sterben, fliegt sie mit ihrem Sohn Tom nach Deutschland. Genau zu dieser Zeit fällt in Deutschland die Mauer und Berlin wirkt inspirierend auf den amerikanischen Reporter Tom.

 

Eine entscheidende Begegnung

In einer Kneipe kreuzen sich die Wege von Andreas und Tom. Angezogen voneinander berichtet Andreas ihm die Tat seines Lebens. Ausgelaugt von einer jahrelangen Ehe zu seiner extravaganten Frau, wagt Tom ein Abenteuer. Andreas bittet ihn, die Leiche von damals noch einmal umzubetten. Das gelingt beiden problemlos. Tom ist nun Andreas neuer Komplize. Doch am neuen Grab passiert eine Schlüsselszene. Andreas und Tom kommen sich gefühlsmäßig sehr nah. Andreas drückt dies so aus, dass er noch einmal zu dem neuen Grab geht und eine sexuelle Handlung an sich durchführt. Als Tom dann am nächsten Tag nicht zum verabredeten Essen erscheint, nimmt Andreas fälschlicherweise an, Tom habe diese Tat gesehen und verabscheue ihn plötzlich. Andreas denkt, dass er einen potenziellen Mitwisser hat, der ihn als Journalist irgendwann mit dieser Mordgeschichte erpressen wird. Die beiden sehen sich lange nicht wieder.

Zahlreiche Postkarten mit unverfänglichen Texten sendet Andreas an Tom und lebt jahrelang in der Angst verraten zu werden. In dieser Zeit wird aus ihm ein gesuchter und bekannter Whistleblower, der in der paradiesischen Bergwelt von Bolivien das Internet kontrolliert und nach einem Fakt sucht, Tom zu schaden, falls dieser ihn erpressen sollte. Natürlich wird er fündig und die Pips Frage „Wer ist mein Vater?“, findet auch eine Antwort.

Um die Spannung hoch zu halten, möchte ich nicht mehr über den Inhalt preisgeben. Aus diesem Grund habe ich den Handlungsstrang nur sehr verkürzt wieder gegeben. Zu nennen wären noch die zahlreichen tollen Nebencharaktere, mit denen ich beim Lesen so vertraut wurde als würden sie aus meiner eigenen Nachbarschaft stammen.

Für mich ist das Buch, der beste Roman von Jonathan Franzen und hebt sich wohltuend von der Massenliteratur auf den Buchmarkt ab. Es besticht durch eine fließende Sprache, geistreiche Dialoge und vollendete Personenporträts. Vielleicht hätte man „Purity“ (Franzens Originaltitel) mit Reinheit, statt mit Unschuld übersetzen sollen. Denn rein ist die Moral und nicht die Unschuld.

Das Buch endet mit einen happy end, der reinen Liebe von Pip zu Jason oder wird es Jason später genauso ergehen wie Tom?

 

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© Beowulf Sheehan

Jonathan Franzen, 1959 geboren, erhielt für seinen Weltbestseller «Die Korrekturen» 2001 den National Book Award. Er veröffentlichte außerdem die Romane «Die 27ste Stadt», «Schweres Beben» und «Freiheit», das autobiographische Buch „Die Unruhezone“, die Essaysammlungen «Anleitung zum Alleinsein» und «Weiter weg» sowie „Das Kraus-Projekt“. Er ist Mitglied der amerikanischen Academy of Arts and Letters, der Berliner Akademie der Künste und des französischen Ordre des Arts et des Lettres. 2013 wurde ihm für sein Gesamtwerk der WELT-Literaturpreis verliehen.

Quelle:   Rowohlt

 

 

 

 

 

Kommentar von Jacqueline

 

Mit Unschuld ist Franzen nach Korrekturen und Freiheit wieder eine faszinierende Familiensaga gelungen. Seine ausführlichen und bildhaften Beschreibungen der einzelnen Charaktere sind einzigartig. Auch ich fühlte mich in die verschiedenen Familiengeschichten von Pip, Andreas, Annagret und Tom (den vier Protagonisten des Romans) regelrecht hineingezogen. Interessant fand ich auch den Bezug zur deutschen Geschichte, welchen Franzen ganz gut und ohne Fantastereien wiedergegeben hat.

Nach dem ich das Buch gelesen hatte, wollte ich den Wälzer nochmals auf andere, angenehme Art genießen. Aber schnell musste ich feststellen, dass das reine Zuhören das aufregende Lesen und die Spannung der nächsten Seiten, in diesem Fall nicht wiedergegeben kann. Es fehlte mir die Haptik des Papiers und das Umblättern.

Einfach mal das Buch beiseite legen, nachdenken wie es weitergeht und in Ruhe mitfühlen, fehlte mir. Dem Hörbuch konnte ich einfach nur folgen und es blieb mir zu wenig Zeit, um mir über das Gehörte Gedanken zu machen.

Darüber hinaus beläuft sich das Hörbuch auf 26 Stunden und wurde ohne erkennbaren Grund nach meheren Kapiteln plötzlich von einem anderen Sprecher gelesen. Dies verwirrte mich, da ich mich erst wieder in die neue Stimme einhören musste.

 

Mein Fazit: Franzen immer wieder gern, aber auf jeden Fall als Buch!

 

 

Weitere Infos:   www.rowohlt.de/hardcover/jonathan-franzen-unschuld.htmlwww.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Unschuld/Jonathan-Franzen/e487993.rhd

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Cover, http://www.rowohlt.de/bild/ba46/2766627/3/416/af_franzen-jonatha_001.jpg

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