John Irving – Straße der Wunder

Straße der Wunder - Cover.jpgGastrezension von Odette

Hommage an ein Lebenswerk

 

John Irving

Straße der Wunder

Diogenes, erschienen im April 2016, 784 Seiten, HC 26,00 €

 

John Irvings neuer Roman Straße der Wunder ist eine Zusammenfassung seiner bisherigen Werke in einem sehr harmonischen Erzählstil. Wer noch keine Bücher von Irving gelesen hat, den wird dieser Roman dazu verleiten sich die Klassiker wie Owen Meany oder Zirkuskind auszuleihen. Wer diese Klassiker bereits kennt, bekommt einfach Lust sie nochmals zu lesen. Straße der Wunder ist sozusagen ein fast vollständiges Resümee seiner Werke. 

 

John Irving, ist siebzig Jahre alt und hat dreizehn Romane geschrieben. Aus seinen Romanvorlagen wurden vier Filme produziert. Mit dem Autor sind auch seine Hauptfiguren gereift und so empfinde ich dieses Werk als Weiterentwicklung und Überarbeitung. Irving lässt seine Lebenserfahrungen und Lebenserkenntnisse in diesen Roman einfließen, der autobiographische Züge trägt.

 

Das Wunder von Oaxaca

Juan Diego, ist die Hauptfigur des neuen Buches von John Irving. Mit seiner Schwester Lupe, der Name ist von der mexikanischen Nationalheiligen Guadelupe abgeleitet, lebt er auf einer Müllkippe in Oaxaca/Mexico. In der mit Kerzen beleuchteten Hütte liest der vierzehnjährige Juan seiner Schwester schwere Kirchenliteratur vor. Diese Bücher findet er entweder auf der Müllkippe oder erhält neuen Lesestoff von Pater Pepe.

In der Müllbergsiedlung sind die beiden Kinder das Wunder. Juan Diego brachte sich das Lesen in Spanisch und Englisch autodidaktisch bei. Er besitzt die Gabe, Geschichten zu erfinden und seine Schwester die Fähigkeit, Gedanken zu lesen und diese in einer Art Geheimsprache an ihren Bruder weiter zu geben. Diese Besonderheiten geben beiden die Chance, in dieser unwirklichen Umgebung zu überleben. Ihr Können nutzt auch ihr möglicher Vater El Jefe, der Deponieboss des Müllberges. Beide Kinder lieben diesen Mann und so ist es tragisch, dass El Jefe ausgerechnet Juan in einem unglücklichen Moment zum Krüppel fährt. Obwohl Juan Diego behauptet, dass seine Schwester Lupe sehr gut Gedanken lesen kann, ist er jedoch der Meinung, dass sie bei der Vorhersage der Zukunft schwächelt. Hier liegt er allerdings falsch, denn Lupe sieht seine Zukunft detailliert. So ist Lupe nicht erschrocken über den Unfall und versucht alles, um das Schicksal ihres Bruders in ruhige Bahnen zu leiten.

Nach dem Tod der Mutter könnten Lupe und Juan in Ruhe in dem Jesuitenwaisenhaus aufwachsen, doch die Mönche sehen sie lieber als Wunder im Zirkus. Dort soll Lupe die Gedanken der Löwen lesen, um den Dompteur, der ein ängstlicher Macho ist, zu beschützen. Trotz seiner Fußverletzung zieht es Juan aus Liebe zur Akrobatik zum Seiltanz. Dies wäre der sichere Tod, doch seine Schwester opfert sich den Löwen, um Juans Schicksal abzuwenden.

 

Unverwechselbarer Stil

John Irving erzählt diese Geschichte nicht hintereinander, sondern die Hauptfigur Juan Diego, träumt während zahlreicher Flüge von seiner Vergangenheit. Inzwischen ist Juan Diego ein berühmter Schriftsteller und lebt in Iowa. Auf der Reise zu den Philippinen ist er mit Clark French, seinen ehemaligen Schüler verabredet und muss ein Versprechen aus seiner Vergangenheit erfüllen und den Kriegsfriedhof in Manila besuchen, wo der Vater des guten Gringos begraben liegt. Im Flugzeug lernt er zwei Frauen kennen, welche fortan immer wieder wie Geister auftauchen. Am Ende des Werkes wird die Rolle der Beiden, Mutter und Tochter, ziemlich skurril aufgeklärt. Eine künstlerische Freiheit des Autors, die ich ihm gern zugestehe.

Der Roman ist fesselnd geschrieben. Er verschaffte mir ein Wiedersehen mit altbekannten Personen aus Irvings Büchern, wie dem liebevoll beschriebenen schwulen Pärchen, bestehend aus einem amerikanischen Missionar im Papageienhemd und der transsexuellen Prostituierten Flora. John Irving hat viel aus seiner schriftstellerischen Vergangenheit verarbeitet, statt komplett neue Ideen aufzugreifen. Mit dem Alter wird man reifer und klüger, so möchte auch Irving sein Wissen in späteren Publikationen den Hauptfiguren mit auf den Weg geben. Ich unterstelle ihm hier keine Doppelvermarktung und werde auch weiterhin aus Tradition und Interesse seine Bücher lesen. Mich faszinieren seine vielen kleinen Geschichten um das Hauptthema. Bequem kann man Themen wie Kirche und Religion intensiv oder weniger intensiv lesen und darüber philosophieren.

 

 

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© Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif

John Irving, geboren 1942 in Exeter, New Hampshire, lebt in Toronto. Seine bisher dreizehn Romane wurden alle Weltbestseller und in mehr als 35 Sprachen übersetzt, vier davon verfilmt. 1992 wurde Irving in die National Wrestling Hall of Fame in Stillwater, Oklahoma, aufgenommen, 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹. 2013 erhielt er die weltweit wichtigsten Auszeichnungen für seine Darstellung von sexueller Toleranz und Gleichbehandlung in seinem literarischen Werk.

Quelle:   Diogenes

 

Für mich ist und bleibt Irving ein Lesevergnügen! Nach langer Abstinenz habe ich mich auf seinen Stil und seine plaudernde Erzählweise gefreut. Damit gehöre ich wohl zur Damenwelt der Groupies des Schriftstellers, denn Frauen sind sowohl bei Irving als auch seiner Figur Juan Diego, die Hauptleser ihrer Literatur.

 

Weitere Infos:   http://www.diogenes.de/leser/neuheiten/hardcover/alle/9783257069662/buch

Bildquellen:   http://www.diogenes.de/media/author_portraits/130_175/810000390.jpg, Jacqueline Böttger – Cover

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