J.M.G. Le Clézio – Sturm

Le Clézio - SturmGastrezension von Odette

Vom Meister der exotischen Novellen

 

J.M.G. Le Clézio

Sturm (Zwei Novellen)

Kiepenheuer & Witsch, erschienen Februar 2017, 240 Seiten, HC 20,00 €

 

Sturm ist eine poetische, romantische Erzählung, welche auf der koreanischen Insel Udo im Regen spielt. Inhalt der Novelle ist eine geheimnisvolle Freundschaft zwischen dem älteren amerikanischen Journalisten Philip Kyo und dem jungen 13-jährigen koreanischen Mädchen June. Sie sucht in Philip ihren amerikanischen Vater, den sie nie gekannt hat. Er versucht seine Freundin zu verstehen, welche sich vor Jahren auf der Insel umbrachte. Als geübte Schwimmerin stieg die Thailänderin ins Wasser und kam nie wieder an Land. Ein weiteres Erlebnis aus der Vergangenheit bedrückt ihn. Philip arbeitete als Kriegsreporter in Vietnam und ist dort mit schwer zu verarbeitenden Erlebnissen konfrontiert worden. Eines, eine Vergewaltigung, belastet ihn so schwerwiegend, weil er Beobachter war und nicht eingriff. Nun, hier auf der Insel schaut der Mann den Muscheltaucherinnen zu, um Abstand zu seinen Kriegserlebnissen zu bekommen und dem schweren Schicksalsschlag, den Verlust seiner Freundin, zu verarbeiten. Eine der Taucherinnen hat eine Tochter die für ihn zur Freundin und Gefährtin wird. Dieses Mädchen June wird aufgrund ihrer Herkunft als Mischlingskind sowie als Kind einer Vergewaltigung von ihren Mitschülerinnen gemobbt und geschlagen. Sie ist eine Außenseiterin, die den Sinn ihrer Existenz sucht. Gemeinsam verbringen die beiden Seelenverwandten miteinander eine Zeit der Erinnerung und Ablenkung. 

Gewidmet ist die erste Erzählung Sturm den Haenyo, den Seefrauen der Insel Udo. Es ist eine sanfte und ruhige Novelle, welche der französische Nobelpreisträger Le Clezio schreibt. 130 Seiten, perfekt für Freunde der japanischen Nebelwelten und verwunschener asiatischer Romantik.

 

Eine Frau ohne Identität

Die zweite Novelle handelt über das Leben von Rachel, welche ihre Kindheit zu Kolonialzeiten in Ghana verbrachte. Mit ihrer jüngeren Halbschwester Bibi wächst sie in einer gut situierten französischen Familie, in einem Anwesen am Strand auf. Der Vater ist ein erfolgreicher Autohändler. Doch ihre Stiefmutter sieht Rachel als Bedrohung für ihre eigene Tochter. Infolge politischer Unruhen muss die Familie aus Ghana fliehen. Der Vater trennt sich von der Familie und die Stiefmutter lebt verarmt und heimatlos mit den beiden Mädchen in den Pariser Banlieue. Ausweispapiere gibt es für Rachel nicht. Sie kann somit nur mit Hilfe der Freundschaft zu ihrer Stiefschwester überleben. Als diese zerbricht kann sie sich nicht um legale Arbeit kümmern und sinkt sozial weiter ab. Rachel sucht nach ihrer wahren Identität, nach der Mutter und erfährt, dass der Vater diese vergewaltigt hat. Mit der Stiefschwester kommt es zur Versöhnung, auch ihre Mutter lernt sie danach kennen. Doch ihre Heimat ist nicht in Frankreich, sondern Ghana. Rachel findet keinen Frieden, sie ist ruhelos und sucht nach ihren afrikanischen Wurzeln. Erst als sie wieder zurück nach Ghana geht, kann sie ihren Seelenfrieden finden. Am Ende der Novelle hat sie ihre Identität gefunden, aber nicht nur in Form von Ausweispapieren.

Dem Autor J.M.G. Le Clézio gelingt es meisterhaft die seelischen Verletzungen seiner Hauptfiguren in einem mystischen Schreibstil in exotischer Landschaft darzustellen. Dazu benötigt er nicht Hunderte von Seiten, sondern legt für den Leser einen Grundstock von rund 130 Seiten an. Danach ist der Leser gefordert die Figuren weiterzuentwickeln und Handlungspfade mit ihnen zu begehen.

J.M.G. Le Clézio ist 1940 in Nizza geboren und wie seine Bücher ein Weltenwandler. Der Autor mit französischer und mauritischer Staatsbürgerschaft kennt sich in den Kulturen Amerikas, Asiens und Afrikas bestens aus. Obwohl er über 40 Bücher veröffentlichte, ist er in Deutschland eher ein Geheimtipp und fristet ein literarisches Außenseiterdasein. Ich mag seine Bücher und lese gern seine geheimnisvollen Verflechtungen aus Fiktion und Fakten. Er ist ein Meister der Emotion und Psychologie.

 

 

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© Photo Catherine Hélie (c) Editions Gallimard

Jean Marie Gustave Le Clézio wurde am 13. April 1940 in Nizza geboren und ist in Roquebillière in der Nähe von Nizza aufgewachsen. Als Achtjähriger reiste er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Afrika, um seinen Vater, einen britischen Tropenarzt in Nigeria und Kamerun, kennenzulernen. Dort verbrachte die Familie einige Zeit. 1958 begann er sein Englisch-Studium, zunächst in London und Bristol. Später studierte er Philosophie und Literatur am Collège littéraire universitaire in Nizza. 1964 beendete Le Clézio seine Studien in Aix-en-Provence mit einer Masterarbeit über Henri Machaux, einen belgischen Dichter, Journalisten und Maler. 1966/67 leistete er seinen Militärdienst als Entwicklungshelfer in Bangkok und Mexiko-Stadt ab. 1983 promovierte er an der Universität Perpignan. Le Clézio lehrte an verschiedenen Universitäten, z.B. in Bangkok, Mexiko-Stadt, Boston, Austin, Albuquerque und in Südkorea. Er ist verheiratet und hat drei Töchter.

Quelle: KiWi

 

Weitere Infos:   www.kiwi-verlag.de/buch/sturm/978-3-462-04787-5/,   www.kiwi-verlag.de/autor/j-m-g-le-clzio/171/  

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/autor/large/autor_171.jpg

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