Ingrid Noll – Halali

Ingrid Noll - HalaliGastrezension von Odette

 

Sekretärinnen rufen zur Jagd

Ingrid Noll

Halali

Diogenes, erschienen Juli 2017, 320 Seiten, HC 22,00 €

 

Halali, Halali – der Adel ruft zur Jagd und eine Jagd allein macht nicht so viel Spaß, wie mit der besten Freundin. Das ist praktisch und beutemäßig sehr effektiv. Die verarmte Adelige Karin befindet sich mit ihrer Freundin Holda auf Männerjagd. Beide sind Sekretärinnen im Innenministerium der Bundesregierung in Bonn und haben es in erster Linie auf ihren Chef, dem „Jäger aus Kurpfalz“, abgesehen. Der wird auch zum Opfer, doch endet er als Leiche und nicht als zukünftiger Ehemann in den Armen der Beiden.

Wie Scheherazade in Tausendundeine Nacht erzählt die 82-jährige Witwe Holda ihrer Enkelin Laura, die Geschichte ihrer Jugend. Diese ist ebenfalls Sekretärin, neudeutsch Office Managerin, und wohnt mit ihrer Oma im selben Wohnhaus.

Halali spielt Mitte der 50er Jahre im Nachkriegsdeutschland. Die Bundesrepublik wird aufgebaut, das Wirtschaftswunder kann beginnen. Holda ist in einem Dorf in der Eifel geboren und will raus, um endlich etwas zu erleben. Deshalb nimmt sie einen Job in der „Groß- und Hauptstadt“ Bonn an. Gemeinsam mit ihrer Freundin Karin nutzt sie den Job im Ministerium zur Suche eines potenziellen Ehemanns, der mindestens Diplomat sein sollte. Karin wohnt bei ihrer Tante, in einer ehrwürdigen Villa, in der Rheinallee. Holda dagegen haust in einem kalten, nur mit einem kleinen Ofen heizbaren Zimmerchen und hat dazu noch die Verpflichtung, Rüdiger, den Rüden ihrer Vermieterin, Gassi zu führen. Dieser kleine Hund hat eine Aversion gegen den Chef, dem Jäger oder Spion? Wortwörtlich kann er ihn nicht riechen und knurrt an Stellen an denen er war oder ist. So auch vor einem geheimnisvollen Starenkasten, der als geheimer Briefkasten an der Rheinpromenaden steht. In dem Versteck entdecken Beide eine geheimnisvolle Botschaft, geschrieben auf Backpapier. Tage später wird die Leiche des toten Agenten und Mitarbeiters der russischen Botschaft German Sokolow am Ufer des Rheins angespült.

Nun geht die Fantasie mit den beiden Hobbydetektivinnen durch und sie schlussfolgern, dass beide Ereignisse zusammen gehören. Noch dazu können sie sich daran erinnern, wie sie ihren Chef bei einer fragwürdigen Mappenübergabe „in flagranti“ erwischt haben. Kaum ist die kontrollierende Tante mit Beinbruch aus der Villa, passiert das Unglück. Unter starkem Einfluss von Eierlikör und einem Monopoly-Spiel, wird der plötzlich auftauchende Chef erstochen.

Wie immer schreibt Ingrid Noll sarkastisch. Ihr Ton wird vermischt mit dem Dialekt des Rheinlandes. Holda berichtet als Ich-Erzählerin. Der Stil ihrer Erzählweise passt aber eher zu Karin. Holda wird als strebsam beschrieben und Ironie, ist eher die Sache von Karin. Die junge Adlige hat ein klares Ziel, für das sie über Leichen geht. Vor dem Krieg lebte sie mit ihrer Familie in Ostpreußen und musste im zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen. Auf der Flucht hat Karin viel Leid erlebt, über das sie nicht spricht und was sie somit abstumpfen lässt. Bei einem Mord wird es nicht bleiben.

Dieses Lesevergnügen soll noch weitere Überraschungen bereithalten. Zwar ist der Jäger tot, doch es gab Beobachter und diese erpressen die Beiden. Um Spionage zu betreiben, baggern Agenten aus dem Ostblock junge Sekretärinnen aus den Ministerin an. Verunsichert durch diese „Romeos“ sehen sie in dem Freund von Ulla, mit dem eindeutigen Namen Horst Müller, so ein Exemplar. Da sie sich nicht sicher sind, ob er vielleicht auch der Erpresser ist, kommt es zur nächsten Straftat auf der Rheinfähre. Man sieht nur noch das Holzbein davon schwimmen. Doch dabei soll es noch immer nicht bleiben…

Ingrid Noll schreibt wie immer sehr spannend. So schafft man den Roman an einem Saunatag im Winter am Kaminfeuer. Vielen Lesern ist sie auch durch ihre witzigen frauenpraktischen „Kriminalratgeber-Geschichten“ bekannt. Die meisten wurden nach dem Erscheinen zu Bestsellern. Einige ihrer erfolgreichsten Bücher sind verfilmt.

 

Pressebild_IngridNoll_cFoto-Renate-Barth-Diogenes-Verlag_72dpi[1].jpg

Renate Barth / © Diogenes Verlag

Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. ›Die Häupter meiner Lieben‹ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet und, wie andere ihrer Romane, auch erfolgreich verfilmt. 2005 erhielt sie zudem den ›Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren‹ für das Gesamtwerk.

Quelle:   Diogenes

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/ingrid-noll/halali-9783257069969.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/n/ingrid-noll.html

Bildquellen: Jacqueline Böttger

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.