Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

Ilse AichingerGastrezension von Odette

Isolation zwischen den Kulturen

 

Ilse Aichinger

Die größere Hoffnung

Fischer Verlage, Erstausgabe 1948, 288 Seiten, TB 12,00 €

 

Ilse Aichinger hat überlebt. Sie wollte jedoch wie ihre Hauptfigur Ellen, lieber nicht überleben.

Ellen stirbt in Bombenhagel der Befreier der Stadt in der sie lebt. Die Autorin Ilse Aichinger wurde 1921 als Tochter eines nichtjüdischen Vaters und einer jüdischen Mutter in Wien geboren. Der Vater arbeitete als Lehrer, die Mutter war Ärztin.

Der Roman trägt autobiographische Züge. Im Buch ist der Vater von Ellen in der Wehrmacht und distanziert sich von seiner Familie. Die Mutter darf emigrieren, Ellen hingegen wird das Visum verweigert. In einer surrealistischen Szene versucht sie, den Konsul zu bewegen ihr ein Visum auszustellen. Doch es bleibt beim Versuch und man kann nicht sagen, ob die Szene real oder geträumt ist.

 

Im Traum, in der verlassenen Wohnung ihrer Mutter, sieht sie Boote mit jüdischen Kindern auf dem Meer. Die Boote werden von einem Haifisch begleitet, welcher mit den Bootsinsassen redet. Die Autorin möchte hier darauf hinweisen, das aus der Kinderverschickung Kapital geschlagen wurde. Ellen hat nicht das Glück, an der Kinderevakuierung teilnehmen zu können, da sie eine Halbjüdin ist. Ohne Mutter, bleibt sie bei ihrer „falschen“, der jüdischen Großmutter und beschließt zu den Opfern, zu den Todgeweihten, gehören zu wollen. Ellens Beweggründe für diese Entscheidung könnten sein, das sie sich schuldig fühlt, da ein Teil von ihr aus Tätergenen besteht. Sie will Retter der jüdischen Kinder werden. Nur sie als Halbjüdin kann noch die Torte für den Geburtstag ihres jüdischen Freundes Georg holen. Trotz Verbotes ihrer Oma, trägt sie den Judenstern und bekommt somit die Torte nicht. Die jüdische Oma nimmt sich aus Angst vor der KZ-Deportation das Leben. Sie lässt Ellen vielleicht auch deshalb allein zurücklässt, da sie sich nicht mit ihr identifizieren kann. Ellen trägt das Schicksal vieler rassistisch verfolgter Kinder, sie ist isoliert von den Deutschen als auch den Juden. So schön es wäre, zu beiden Kulturen zu gehören, wird diese Bereicherung auch in Zeiten des Friedens zum Fluch.

 

Das Buch Die größere Hoffnung erschien 1948. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium widmet sich Ilse Aichinger ganz der Literatur. Ihr Schreibstil ist lyrisch und surrealistisch. Die konfuse Welt der Ellen, wird mit dem zerstörerischen Textstil, der zerhackt und zur Verknappung neigt, verstärkt. Das Buch endet nach zahlreichen Episoden, in einem Inferno, mit abenteuerlichen Figuren, wie Jan und einer nicht enden wollenden Apokalypse. Viele Gleichnisse, Zitate und Aussagen sind nicht beim ersten Lesen verständlich. Ellen ist stark traumatisiert und in dieser traumatisierten Ausdrucksweise berichtet sie von einer Flussszene, in der sie einen Säugling rettet, um Anerkennung für ihre jüdischen Freunde zu bekommen. Davon wie sie verzweifelt versucht, die Großmutter mit Märchen vom Sterben abzuhalten. Wie sie auf einem Munitionszug fliehen möchte und von einem Bombenangriff, bei dem sie mit Einbrechern im Keller verschüttet wird. Die fast für sich stehenden Texte sind ein Geflecht aus Traum, Märchen und Historie der Mystik und Bibel.

Das letzte Kapitel beinhaltet das Prosastück „Das vierte Tor“, welches damit Ausgangspunkt der Berichts- und Aufarbeitungsarbeit aus Sicht von Ilse Aichinger war. Erst nach der Veröffentlichung dieses Prosastückes begann die Autorin mit ihrem Roman Die größere Hoffnung.

 

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Foto: (c) Stefan Moses

Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, ›Die größere Hoffnung‹, und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.

Quelle: Fischer Verlage

 

Dieses Buch wählten wir, anlässlich des Todes von Ilse Aichinger, aus den Buchvorschlägen unseres Literaturkreises Berlin und besprachen es im Restaurant Hummus & Friends, direkt neben der Neuen Synagoge in Berlin.

 

Weitere Infos:   www.fischerverlage.de/autor/ilse_aichinger/23369,   www.fischerverlage.de/buch/die_groessere_hoffnung/9783596110414

Bildquellen:   Jacqueline Böttger, http://www.fischerverlage.de/media/fs/108/thumbnails/Aichinger%2CIlse_Druck.jpg.38928232.jpg

2 thoughts on “Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

  1. Liebe Sabine,

    herzlichen Dank und wie ich lese, sind wir mit unseren Besprechungen auf der gleichen Welle.
    Berührend sind deine Ausführungen zu Ilse Aichingers Leben.

    LG Jacqueline

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