Hugo Loetscher – Das Entdecken erfinden

Hugo Loetscher - Das Entdecken erfinden_Cover.jpgGastrezension von Odette

Gummibaum, Zuckerrohr und noch viel mehr

 

Hugo Loetscher

Das Entdecken erfinden – Unterwegs in meinem Brasilien

Diogenes Verlag, erschienen April 2016, 384 Seiten, HC 24,00 €

 

Just in diesem Jahr fanden in Rio die XXXI. Olympischen Sommerspiele statt. Damit ist Brasilien das erste Ausrichterland in Südamerika. Anlässlich der Fußball Weltmeisterschaft 2014, entdeckten Millionen begeisterter Menschen das Land anhand der Fußballstadien, die sich auf das Land verteilten. Die Größe des Landes ist unglaublich und wer noch etwas mehr über seine Entwicklung bis zum modernen Staat erlesen möchte, sollte dieses Buch von Hugo Loetscher Das Entdecken erfinden – Unterwegs in meinem Brasilien zur Hand nehmen.

Hugo Loetscher, einer der größten Reiseliteraten der Schweiz, wurde 1929 in Zürich geboren und verstarb 2009 ebenfalls in dieser Stadt. Er gilt als großer Kenner Lateinamerikas und hat sich das Wissen durch zahlreiche Reisen und Expeditionen erarbeitet. Seit 1965 bereiste er regelmäßig Südamerika, Südostasien und die USA. Aus diesen Reisen nahm er den Stoff für seine in bedeutenden Zeitungen veröffentlichten Reisereportagen. 1994 erhielt er den Orden vom Kreuz des Südens für seine Verdienste um die brasilianische Kultur.

In dem vorliegenden Buch werden postum die schönsten Reisereportagen über Brasilien der Jahre 1967 bis 1992 veröffentlicht, die von der Zeit der Militärdiktatur bis zur Rückkehr der Demokratie reichen. Dieses aktuelle Sportland ist ein Sehnsuchts- und Schlüsselland Südamerikas und trotz seiner Exotik tief mit der Kultur unserer europäischen Vorfahren, der Einwanderer aus Europa, verbunden. Da diese Reisereportagen bis in die sechziger Jahre zurückgehen, liest man sich viel Hintergrundwissen über die gesellschaftliche- und wirtschaftliche Entwicklung an.

Hugo Loetscher nimmt den Leser mit auf eine Fahrt auf dem Amazonas von Belem aufwärts. Das ist nicht nur eine geographische Fahrt, sondern eine Fahrt zum Herzen Brasiliens. Er berichtet in seinen Texten über die Gründung der schwarzen Hauptstadt Bahia, genauso wie über Gummi, ein wichtiges Exportgut der Vergangenheit. Der Engländer Henry Wickham führte um 1876 den Ruin des erfolgreichen Gummilandes Brasilien herbei, in dem er in ausgestopften Krokodilen Samen des Gummibaumes außer Landes schmuggelte. Über den königlichen Botanischen Garten Kew Gardens in London, gelangten die Pflanzen auf die Plantagen nach Hinterindien, Malaysia und Java. Anderseits gibt es auch Handelsgüter, welche erfolgreich nach Brasilien importiert wurden, wie zum Beispiel Zimt und Pfeffer.

 

Der Zimt und der Pfeffer wurden eingeführt, als die Portugiesen den französischen Gewürzhandel verloren, machten sich Missionare daran, im Amazonas diese Gewürze zu pflanzen; der Pfeffer (pimenta-do-reino) ist heute eines der wichtigsten Exportgüter“  Zitat: Hugo Loetscher aus „Das Entdecken erfinden“

 

Reisen in Brasilien war früher noch nicht so bequem wie heute. Einfach in das Flugzeug einsteigen und schon landet man in einer anderen brasilianischen Stadt. Hugo Loetscher schildert eine Reise mit der Eisenbahn, die nicht mehr weiter ging. Um lange Wartezeiten zu vermeiden, gab es nur eine Lösung, sich eine Eisenbahn exklusiv zu mieten.

Religion spielt im Schmelztiegel Brasilien eine wichtige Rolle. Der Glaube kann so vielfältig sein, wie die Anzahl der unterschiedlichen Ethnien, die in dem Land leben. Religion lässt sich aus der Herkunft der Einwohner des Landes er- bzw. begründen. In diesem Land leben Nachkommen von portugiesischen Sklavenhaltern, afrikanischen Plantagensklaven, Indianern und freiwillig eingewanderten Asiaten, Italienern und Deutschen. Deshalb widmen sich die Reisereportagen auch sehr ausführlich diesem interessanten Thema.

Harte Fakten, werden durch die romantische Beziehung, welche zur Gründung der Stadt Fortaleza führten, aufgeweicht. An deren Strand steht das Denkmal der Liebe, der Indianerin Iracema zu dem weißen portugiesischen Krieger Martim und ihrem gemeinsamen Kind. Den größten Bevölkerungsanteil bilden ca. 50 % Weiße, gefolgt von nur 6,9 % Schwarzen. Wie in der erwähnten Geschichte über die Liebe zeigt, welche zur Gründung der Stadt Fortaleza führt, nimmt der Anteil der Mulatten immer mehr zu und ist auf 38,6% gestiegen. Die Tendenz einer spannenden demographischen Entwicklung, die auch auf uns Europäer in Europa zukommen wird. Brasilianer machen aus der Not eine Tugend, wenn die Seca, die Dürre weite Landstriche trocken legt, werden die freien Arbeitskräfte vom Staat zum Weiterbau der Transamazonica rekrutiert und so eine win-win Situation geschaffen.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen, denn alle veröffentlichten Texte sind immer noch auf die ein- oder andere Weise aktuell. Nicht alle Berichte sprachen mich gleichermaßen an. Doch sie wecken die Neugier und bereiten eine Basis für ein gutes Hintergrundwissen über dieses moderne südamerikanische Wirtschaftsland.

 

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Bild: Jürgen Bauer

Hugo Loetscher, geboren 1929 in Zürich, gestorben 2009 ebendort. Seit 1965 bereiste er regelmäßig Lateinamerika, Südostasien und die USA, seit 1969 war er als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Hugo Loetscher war Gastdozent an Universitäten in der Schweiz, den USA, Deutschland und Portugal sowie Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. 1992 wurde er mit dem Großen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet.

Quelle: Diogenes

 

Zum Abschluss noch etwas zum Schmunzeln, nämlich die Story über den Padre Geraldo, der eine Flasche mit Schnaps unter einem Fels im Wasser versteckt. Wenn er sich in seine Bucht zurückzieht, liebt er es, einen zu heben. Damit ihn keiner stört und die Flasche immer vor Ort bleibt, hat er den Ort mit der Tafel „Perigo vidro“ „Achtung Glas“ gesichert. Also sichern auch sie sich das Buch und vielleicht eine gute Flasche Cachaca, dem Zuckerrohrschnaps. In Brasilien ist Cachaca Volksmedizin. Ein sensationeller Aufstieg für ein Getränk, welches ursprünglich als Energiedrink für Sklaven entwickelt wurde.

Wer noch mehr in der Art dieses Buches lesen möchte, dem ist Stefan Zweigs „ Brasilien – Ein Land der Zukunft“ zu empfehlen.

 

Weitere Infos:   http://www.diogenes.ch/leser/titel/hugo-loetscher/das-entdecken-erfinden-9783257069563.html,   http://www.diogenes.ch/leser/autoren/l/hugo-loetscher.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Cover,   http://images.nzz.ch/eos/v2/image/view/600/-/text/inset/54aae984/1.3370408/1257943839/hugo-loetscher-original.jpg

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