Haruki Murakami – Wenn der Wind singt / Pinball 1973

Murakami - Wenn der Wind singt.jpgGastrezension von Odette

Endlich ist die Trilogie komplett

 

Haruki Murakami

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 (Zwei Romane)

DuMont, erschienen Mai 2015, 268 Seiten, HC 19,99 Euro

 

Immer wieder freue ich mich über neuen Lesestoff von Haruki Murakami, um gebannt in seine Traumwelten zu versinken. Mit den im Frühjahr veröffentlichten ersten Erzählungen schließt er die Trilogie des Schafes ab. Für mich der Anlass, die bereits vor Jahren gelesenen Bücher „Wilde Schafsjagd“ und „Tanz mit dem Schafsmann“ zum zweiten Mal zu lesen.

 

 

In den beiden Erzählungen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ lernt man den Ich-Erzähler sowie seinen Freund Ratte kennen und erfährt den Ursprung ihrer Freundschaft. Als 21-jähriger Student lernte der Ich-Erzähler, Ratte in den Semesterferien in einer kleinen Hafenstadt kennen. Murakami wuchs selbst in einer ruhigen Hafenstadt, wie hier als Kulisse gewählt, auf. Zeitlich beginnt die Trilogie im August 1970. Sein Freund Ratte wird zu seinem besten Kumpel, mit dem er in einer Bar regelmäßig abhängt. Zu dem Freundschaftskreis zählt ebenso der chinesische Barkeeper, welcher in weiteren Erzählungen wiederzufinden ist.

Die zweite Erzählung „Pinball 1973“ handelt drei Jahre später. Der Ich-Erzähler hat sein Studium beendet, lebt in Tokio, gründet mit einem Freund eine Übersetzungsagentur und entwickelt sich zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Ratte lebt weiter in der kleinen Hafenstadt, nach seiner eigenen Identität suchend. Die Freundschaft der beiden bleibt auch in der Ferne bestehen. „Pinball 1973“ enthält viele kleine Episoden, wie wohl die beste Beschreibung der japanischen Flipperszene weltweit. Auf fünf Seiten erhält man Einblick in technische Details, Produktionslinien und Herstellerfirmen und vergießt Tränen, als sich der Ich-Erzähler von seiner Geliebten der Flippermaschine Spaceship in einer eiskalten Scheune verabschieden muss. Als er sich von ihr trennt, verabschieden sich auch die Zwillinge, mit denen er eine leidenschaftliche Liebesbeziehung in seiner Wohnung pflegt. So leise wie sie da waren, plötzlich kam er von der Arbeit nach Hause und fand sie in seiner Wohnung, so leise ging er mit ihnen im Regen zur Bushaltestelle. Sie setzten sich in den Bus und fuhren in ihre Heimat zurück. Die Liebesbeziehung zwischen den drei Personen ist herrlich skurril beschrieben und traumhaft schön. Das Ende der Erzählung, ein Abendessen mit einer Sekretärin wird zum Anfang des Romans „Wilde Schafsjagd“.

 

http://www.dumont-buchverlag.de/media/2/thumbnails/9783832178994.jpg.5834.jpgWilde Schafsjagd“ ist wohl das spannendste Buch der Trilogie. Die Ehe mit der ehemaligen Sekretärin wird geschieden. Das kleine studentische Übersetzungsbüro hat sich zu einem Unternehmen entwickelt und der Ich-Erzähler ist finanziell gut abgesichert. Als Werbetexter sieht er ein Kampanienmotiv eines weiblichen Ohres und will diese Frau sofort und unbedingt kennenlernen. Während dessen erhält sein Partner ungebetenen Besuch von einem Kriminellen, der der Agentur die Veröffentlichung eines Fotos in einer Firmenbroschüre verbietet. Aufgrund dieses Fotos, einer Schafherde auf Hokaido, welches der namenlose Ich-Erzähler von seinem Freund Ratte bekam, wird er in die Parallelwelt zwischen Leben und Tod gezogen. Mit dabei die Freundin mit den wunderschönen Ohren. Der Kriminelle fordert ihn auf, den Ort und das Schaf auf dem Foto zu suchen. Damit beginnt auch die Suche nach Ratte, welcher sich vor Jahren in einem Brief von ihm verabschiedet hatte. Genau dieser Brief enthielt das Foto mit den Schafen auf Hokaido. Eine Zwischenstation der Suche ist das Hotel Dolphin in Sapporo. Hier erfährt er von dem Schafsprofessor die Hintergründe und den Ort, wo sich Ratte aufhalten könnte.

Fazit der Geschichte „Wilde Schafsjagd“ ist ein Schaf nach Art von Mephisto, welches einen Wirt sucht, um in ihm seine Macht auszuüben. Wenn dieser Wirt stirbt oder versucht ihn zu bekämpfen, wechselt er zur nächsten willenlosen, sich selbst suchenden Person. So gerät er in Ratte, der durch seine Selbstfindungsprobleme der ideale Wirt ist. Auf einer Berghütte findet der Ich-Erzählerer dann Ratte wieder, allerdings nicht mehr lebend, sondern als Geist. Am Ende der Buches „Wilde Schafsjagd“ hat er zwar das Mädchen mit den wunderschönen Ohren verloren, erhält aber einen üppigen Scheck. Mit diesem Betrag erfüllt er Rattes letzten Traum und macht ihn postum zum Bar-Miteigentümer in der Hafenstadt ihrer ersten Begegnung.

 

http://www.dumont-buchverlag.de/media/2/thumbnails/9783832155339.jpg.6160.jpgDieser Roman versprüht so eine Mystik, die zum nochmaligen Lesen animiert. Fantastische Welten und Parallelwelten öffnen und verschlingen sich. Ich bin heute noch darüber verwundert, dass mich das Fehlen dieser Zusammenhänge beim Lesen vor Jahren nicht störte. Besonders beim letzten Roman „Tanz mit den Schafsmann“ wird so viel Wissen aus den anderen Romanen und Erzählungen benötigt, um das Ganzes so richtig zu verstehten. Tja, Murakami zieht mich wohl einfach in seinen Bann. „Tanz mit dem Schafsmann“ spielt in dem besagten Hotel in Sapporo und schließt die Trilogie mit einem Ende wie in „1Q84“ ab. Der Schafsmann stellt sich als sein Ego heraus, der ihn weise berät. Obwohl die Selbstfindung nie so richtig beendet ist, beginnt er ein neues Leben und dies mit einen Happy End wie im Märchen.

Wer Murakami und seinen Schreibstil verstehen möchte, dem empfehle ich das Vorwort zu den Erzählungen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“. Hier beschreibt Murakami, wie er Schriftsteller geworden ist. Da er in seiner Jugend mit seiner Frau eine Bar betrieben hat, schrieb er die Erzählungen nach seiner Schicht morgens an der Bar bzw. dem Küchentisch, daher der Begriff „Küchenromane“. Auch wird dem Leser nun klar, warum viele Romane und Erzählungen von einen Barmann handeln bzw. in einer Bar spielen. Da seine erste Schreibmaschine keine japanischen Schriftzeichen besaß, verfasste er die Texte in Englisch. Die kurzen Sätze resultierten aus seinen damals noch mittelmäßigen Englischkenntnissen.

 

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© Markus Tedeskino / Ag.Focus

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag.

Quelle: DuMont

 

Obwohl Murakami sich lange gesträubt hat, diese ersten Erzählungen zu veröffentlichen, finde ich sie sehr gelungen und bin froh, diesen Sommer nochmals die komplette Trilogie des Schafes gelesen zu haben. Damit verkürzt sich das Warten auf etwas Neues von meinem Lieblingsschriftsteller.

Und wer jetzt so wie ich, auf den Geschmack gekommen ist und noch mehr von Murakami lesen möchte, der findet hier auf dem Blog mit dem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ eine weitere Empfehlung.

Auch die Bloggerin Klappentexterin ist absoluter Murakami-Fan. Auf ihrem Blog hat sie das Murakami Spezial „Talking about Haruki Murakami“ veröffentlicht, in dem sie weitere Fans interviewte.

 

 

Viel Spaß beim Eintauchen in Murakamis Welt!

 

 

 

Weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de/buch/Haruki_Murakami_Wenn_der_Wind_singt_/_Pinball_1973/15303

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Murakami – Wenn der Wind singt.jpg,   http://www.dumont-buchverlag.de/media/2/thumbnails/9783832155339.jpg.6160.jpg,   http://www.dumont-buchverlag.de/media/2/thumbnails/9783832178994.jpg.5834.jpg,   http://www.dumont-buchverlag.de/media/5/thumbnails/Murakami%20neu_55133132_web_G_648pixH_75dpi.jpg.15823.jpg

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