Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

MurakamiGastrezension von Odette

Eine Idee erscheint

 

Haruki Murakami

Die Ermordung des Commendatore I

 

Dumont, erschienen Januar 2018, 420 Seiten, HC mit Farbschnitt/Folienumschlag 26,00 €

 

Sanft regnet es im japanischen Bergwald. Der namenlose 36-jährige Ich-Erzähler sitzt mit dem kleinen Geist auf der Terrasse und beobachtet das geheimnisvolle Haus auf der anderen Bergseite. Hier wohnt der mysteriöse farbenlose Wataru Menshiki. Diesen steinreichen, kriminellen IT Millionär hat er in den letzten Tagen porträtiert. Seit dieser Begegnung drängt sich Menshiki rücksichtslos in das Leben des Malers.

 

Das Domizil in den Bergen wählte der Erzähler nach dem er sich von seiner Frau getrennt hat und nach kurzer Odyssee durch Japans Inselwelt, das Angebot annahm, in das herrenlose Haus des Vaters seines Kommilitonen und Künstlerkollegen zu ziehen. Tomohiko Amada war ebenfalls ein Maler mit hoher Popularität. Er leidet unter Demenz und lebt in einem Pflegeheim. Von seiner Bekanntheit kann die Hauptfigur des Romans nur träumen. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit der industriellen Auftragsporträtmalerei. Allerdings besitzt er eine gute Vorstellungskraft und ein gutes Einfühlungsvermögen. Als verheirateter Mann lebte er in Tokio. Seine Frau ist berufstätig und kam oft sehr spät nach Hause, so dass sein Leben nur noch aus Malerei, Hausarbeit und Warten bestand. Die Untreue seiner Frau war ihn nicht unrecht und ein Grund, seinem bisherigen farblosen Leben zu entfliehen. Er lädt die für ihn wichtigen Dinge in sein altes Auto und fährt auf gut Glück los. Von dieser ersten Auszeit bleibt ihm die Begegnung mit einer Frau und den Mann im Subaru als Erinnerung zurück. Bis zum Ende des ersten Teiles spuken sie in seiner Gedankenwelt herum. Was passierte in der Nacht, als er den Mann mit dem Subaru sah und mit der Frau in der Absteige übernachtete?

Als sein altes Auto kaputt geht, beendet er die Rundreise und beschließt in das leere Haus auf dem Gipfel des Bergwaldes zu ziehen. Das Haus verfügt über ein Atelier und eine riesige klassischen Plattensammlung mit Stereoanlage. Murakami gelingt es auch in diesem Buch wieder mit seinem gleichmäßigen, klaren und bildhaften Schreibstil eine Stimmung und Spannung aufzubauen, in der, der Leser als Beobachter lebt. Nachvollziehbar werden die Gefühle der Hauptfigur geschildert. Gerade die Emotionslosigkeit birgt das Geheimnisvolle. Es herrscht eine depressive Stimmung. Hier in dem Bergdorf verdient der Erzähler sich einen Teil seines Lebensunterhaltes mit Kunstunterricht für Kinder und Erwachsene an der Volkshochschule des Ortes. In diesem Unterricht lernt er zwei Frauen kennen, mit denen er Liebesbeziehungen eingeht.

Während seines selbst gewählten Exils, erhält er einen Anruf seiner Agentur. Er soll einen älteren Mann mit blendend weißen Haaren zeichnen und das für ein sagenhaftes Honorar. Nach längerer Bedenkzeit nimmt er diesen Auftrag an. Anders, wie in den meisten Büchern des Autors wird nur aus einer Erzählperspektive berichtet. In der Nacht hört der Maler das Läuten eines kleinen Glöckchens. Eine zweite Welt wird eröffnet, ohne in eine Parallelwelt zu wechseln. Einige Tage vorher findet der Maler ein verpacktes Gemälde auf den Dachboden der Berghütte, bewacht von der Eule der Weisheit. Eine Idee erscheint ist auch der Untertitel des Buches.

 

Murakami 3Mit diesem Gemälde wird die Geschichte des Malers und Besitzers der Hütte Tomohiko Amada erzählt. Auf dem Bild ist die Ermordung des Commendatore zu sehen. Dieses Bild beinhaltet zwei Ideen. Die Erste, es handelt sich um eine Szene aus der Mozart Oper Don Giovanni, in der das Duell zwischen einem alten und jungen Mann zu sehen ist. Der Junge stößt dem Alten ein Schwert ins Herz. Erschrocken beobachten diese Szene eine junge Frau und ein Unbekannter. Aber der Maler Amada könnte auch ein Erlebnis aus der Jugend in dem Gemälde verarbeitet haben. Als Jugendlicher studierte er in Wien. Hier soll er 1939 an einem Attentat auf einen ranghohen Nazi beteiligt gewesen sein.

Das Gemälde ist im klassischen Nihongu Stil gemalt, einer Maltechnik ohne Schatten. Sie führt uns in die japanische Mythologie, welche auch in Verbindung mit den Glöckchen steht und dem Leser die Welt zu den Geistern öffnet. Mönche ließen sich in Gruben einschließen, um dort durch Verhungern und Verdursten eine Stufe der Erleuchtung zu erreichen. Dies ist ein altes buddhistisches Ritual der Selbstmumifizierung. Sie läuteten so lange das Glöckchen, bis sie starben. Nach dem Tod wurden sie als Mumien in den Klöstern verehrt. Die Hauptperson des Romans hört genau zu dem Zeitpunkt das Läuten, als es den Auftrag des steinreichen IT Managers annimmt. Verzweifelt, weil er bei diesem Läuten in der Nacht nicht schlafen kann, willigt er ein, die Grube hinter dem Haus zu öffnen. Tatsächlich findet sich einsam und allein ein Glockenstäbchen in dem Erdloch, eine Mumie allerdings nicht.

 

Nach Tagen der Ruhe läutet es wieder. Mit dem Läuten erscheint der Commendatore als 60 cm kleiner guter Geist der Hauptfigur. Diesen kann nur der Maler sehen und gemeinsam warten sie bis zur Erscheinung des zweiten Buches und rätseln:

Was hat es mit den japanischen Schriftzeichen des Namens von Herrn Wataru Menshiki „Farbe“ „vermeiden“ auf sich?

Was verbindet den Maler mit Herrn Wataru Menshiki?

In welcher Verbindung steht die frühverstorbene Schwester des Malers mit der angeblichen Tochter von Menshiki?

Hat der Erzähler die junge Frau in der Absteige getötet?

Und wird der Geist des Commendatore ihm und uns als Leser bei der Lösung der Fragen helfen?

 

 

Fortsetzung folgt…

Auf den zweiten Band Die Ermordung des Commendatore II, der am 16. April 2018 erscheinen wird, bin ich natürlich sehr gespannt. Die Übersetzung von Ursula Gräfe, welche uns den japanischen Stil in deutscher Sprache näher bringt, sei an dieser Stelle nochmals besonders hervorzuheben. Auf der LitBlog Convention im Jahr 2016 hatte ich das Vergnügen sie persönlich kennenzulernen und in kleiner Runde mit anderen Bloggern, ihren Ausführungen über die Arbeit als Übersetzerin japanischer Literatur zu folgen.

Weitere Rezensionen zu Büchern von Haruki Murakami findet ihr hier auf dem Blog, darüber hinaus noch japanische Literatur wie Marion Poschmann „Die Kieferninseln“ sowie „Der begrabene Riese“ vom Nobelpreisträger für Literatur Kazuo Ishiguro.

 

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© Markus Tedeskino / Ag.Focus

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag.

Quelle:   Dumont

 

 

Weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de/buch/murakami-commendatore-bd-1-9783832198916/,    www.dumont-buchverlag.de/autor/haruki-murakami/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   http://www.dumont-buchverlag.de/media/5/thumbnails/Murakami%20neu_55133132_web_G_648pixH_75dpi.jpg.15823.jpg

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