Fatma Aydemir – Ellbogen

Fatma Aydemir - Cover EllbogenMilieustudie ohne Quintessenz

 

Fatma Aydemir

Ellbogen

Hanser Verlag, erschienen Januar 2017, 272 Seiten, HC 20,00 €

 

Der Debütroman der Schriftstellerin Fatma Aydemir besteht aus zwei Teilen, in deren Mittelpunkt die Ich-Erzählerin Hazal steht. Hazal ist eine in Deutschland geborene Türkin der zweiten Generation. Damals kamen ihre Eltern samt Familiennachzug zur Arbeitsaufnahme nach Berlin. Heute sind sie eine durch Eheversprechen aneinander gebundene Zweckgemeinschaft. Der Taxi fahrende Vater sitzt abends mit den Männern im Cafe während die, sich nicht zur Scheidung entschließende, Mutter bei Bedarf in der familiären Bäckerei jobbt. Der fünfzehnjährige Bruder Onur verbringt seine Zeit mit krummen Geschäften. 

Die Geschichte beginnt im Berliner Stadtteil Wedding, welcher heute von einem hohen Migrationsanteil geprägt ist. Über die Jahre haben sich regelrechte Parallelgesellschaften gebildet. Jeder bleibt gesellschaftlich gesehen für sich, die Deutschen als auch die Türken. Das Zusammentreffen beschränkt sich auf beruflicher Basis oder beim Einkauf von Brot und Obst beim Türken in der Nachbarschaft.

 

Berliner Realität

Im ersten Teil wird rasant, knallhart und realistisch der Berliner Alltag geschildert, welcher von Gewalt, wachsender Kriminalität, fehlender Integration als auch der mangelnden Motivation etwas zu verändern, geprägt ist. Wir lernen Hazals Familie sowie ihre Freunde kennen, werden letztlich mit ihrer persönlich empfundenen Perspektivlosigkeit konfrontiert. Hazals Heranwachsen wird von fehlender Liebe ihrer Eltern, dem gnadenlosen Festhalten an alten, mittlerweile überholten Ritualen wie Eheversprechen und geplanten Hochzeiten, geprägt. Sie stammt aus prekären Verhältnissen und ihr Interesse an Bildung sowie ihr Bemühen um einen Ausbildungsplatz, halten sich in Grenzen. Dies gilt ebenso für ihre Freundinnen Elma, einer gewaltbereiten Bosnierin, der nach der ersten Liebe suchenden Gül und der traditionsverbundenen, Kopftuch tragenden Ebru. Dazu gesellt sich Eugen, der seine Zeit mit dealen und kiffen rumbringt und meist selbst von den Migranten abgezogen wird. Der zunächst imaginäre, in Istanbul lebende Freund Mehmet kommt via facebook ins Spiel. Als zehn Jahre älterer Türke beeindruckt er Hazal mit seiner Geschichte, dass er in Deutschland lebte und aufgrund einer Straftat abgeschoben wurde. Beide verbindet das Gefühl, nicht wirklich dazu zugehören, weder als vollwertige Türken noch als Deutschtürken. Da sie keine der Sprachen richtig beherrschen, finden sie sich auch nicht in den entsprechenden Kulturen wieder. Ein unentwegter Spagat zwischen Deutschland und Türkei – eine Suche nach Heimat prägt ihr Leben.

 

Ellbogen - Bloggertreffen„… wie anstrengend es ist Türkin zu sein, … alles, was Spaß macht, immer nur heimlich zu tun.“

Zitat S.60/61

Der Umgang in der Familie als auch im Freundeskreis ist hasserfüllt und verroht, jeder nur auf seinen Vorteil bedacht. Halt findet Hazal bei ihrer jungen Tante Semra, die sich modern, studiert und emanzipiert in ihrer Berliner Wohnung lebend, von der Familie distanziert. In wenigen Tagen feiert Hazal ihren achtzehnten Geburtstag, der natürlich ohne Wissen ihrer Eltern, mit einem Clubbesuch zum unvergesslichsten Tag ihres Lebens werden soll. Dies wird er auch, leider unter einem ganz anderen Aspekt.

Dem vom Türsteher abgewiesenen Clubzugang, folgt die blinde Wut der drei Freundinnen Elma, Gül und Hazal. Von Kapitel zu Kapitel spitzt sich die Situation zu, eine Eskalation scheint unaufhaltsam. Auf einem U-Bahnhof entlädt sich schließlich ihre sinnlose Aggression mit unfassbarer Brutalität in einem unbeschreiblichen Gewaltexzess gegen einen betrunkenen Studenten. Ein Ellbogencheck mit fatalen Folgen. Ein ploppendes Geräusch und der Körper bleibt regungslos auf den Gleisen liegen. Die beschriebene Szenerie ist grausam, scheint dem täglichen Berliner Polizeireport entsprungen zu sein. Leider sind diese Gewalttaten schon brutale Realität. Die drei Mädchen gehen wortlos, schockiert von ihrer Tat einfach nach Hause und lassen mich mit meinem Entsetzen zurück.

 

Flucht nach Istanbul

Am nächsten Tag flieht Hazal, ohne jemanden zu informieren, in die Türkei, dem Heimatland ihrer Familie. Für sie jedoch ein Land, in dem sie noch zuvor war. Mit diesem Entschluss eröffnet die Autorin Fatma Aydemir den zweiten Teil ihres Romans und lässt uns an Hazals Suche nach einem Platz in ihrer zweiten Heimat teilhaben. Für mich wirkt der plötzliche Versuch sich zu verändern, ohne Reue zu dem Erlebten und dem fehlenden Interesse an dem Ergehen ihrer Freundinnen, beklemmend und erschreckend zugleich. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass Hazal etwas verdrängt. Im Gegenteil, sie hat es bewusst getan und bereut nichts!

Unterschlupf findet sie in der Istanbuler Zweier-WG ihrer facebook-Zufallsbekanntschaft Mehmet und seinem Mitbewohner, dem Studenten Halil. Mehmet ist wie Hazal eher antriebslos. Er geht zwar seiner täglichen Arbeit in einer Autowerkstatt nach, doch verkifft und verzockt er sein hart erarbeitetes Geld wieder bei Computergames. Halil hingegen ist politisch engagiert und so kommt Hazal erstmalig bewusst mit der Realiät in der Türkei, dem Kurdenkonflikt sowie dem Türkeikrieg, in Berührung. Nach einiger Zeit interessiert sich Hazal doch für den U-Bahnvorfall, stößt in einem Internetcafe auf das Tatvideo dieser Nacht. Nun ist ihr klar, dass die Polizei hinter ihr her ist und in Panik bittet sie ihre Tante Semra um Hilfe. Diese kommt umgehend nach Istanbul und findet ihre, sich in Selbstmitleid ergehende aber nichts bereuende, Nichte vor. Semra ist bestürzt und versucht, Hazal zu einer Rückkehr nach Berlin zu bewegen, um sich zu stellen. Doch wieder flieht Hazal und erlebt am nächsten Tag, in einem Cafe sitzend, den Militärputsch gegen Erdogan…

 

Somit hat Fatma Aydemir alle Ereignisse unserer Zeit, von der Flüchtlingskrise als auch den Kölner Übergriffen in der Silvesternacht, die zunehmende Gewaltbereitschaft unserer Gesellschaft bis hin zu den politischen Veränderungen in der Türkei, in Ellbogen thematisiert. Auf mich wirkt dies etwas too much, teilweise konstruiert. Der Roman endet abrupt und lässt das Ende offen. Nun stellt sich die Frage: Was wird mit Hazal passieren?

Ein rasanter Roman mit knallharter Sprache, der mir jedoch zu unkommentiert mit den aufgeworfenen Themen umgeht. Nach einem offensiven Start, in dem er die Probleme türkischstämmiger Familien klar anspricht, verliert er in Folge stark an Profil. Fatma Aydemir analysiert nicht die Gründe für Hazals Verhalten, nimmt dieses kritiklos hin. Das offene Ende ist für mich enttäuschend.

Beim Hanser-Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse befragte ich die Autorin Fatma Aydemir, warum sie im Roman keine Stellung bezieht und das Geschehene unkommentiert stehen lässt. Aydemir sagte, sie habe sich bewusst dafür entschieden, da Hazals Entwicklung absolut offen ist und alles passieren könnte. Dies ist mir ehrlich gesagt zu wenig. Angesichts der Brisanz der gewählten Themen, die uns mehr denn je beschäftigen werden und zunehmend zu Konflikten führen, hätte ich mir schon eine Positionierung der Autorin gewünscht, über die es sich zu diskutieren lohnt. Also, wie ihr seht ein lesenswerter Roman, der viel Potential zum Nachdenken und Debattieren hat.

 

 

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© Bradley Secker

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. 2007 bis 2012 studierte sie Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt sie in Berlin und ist Redakteurin bei der taz. Als freie Autorin schreibt sie daneben für zahlreiche Zeitschriften, unter anderem Spex und das Missy Magazine. Bei Hanser erschien 2017 ihr Debütroman Ellbogen.

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

 

Weitere Infos:  www.hanser-literaturverlage.de/buch/ellbogen/978-3-446-25441-1/,   https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/fatma-aydemir//

Bildquelle: Jacqueline Böttger – diverse,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Aydemir_Fatma_hf.jpg

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