Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge - In Zeiten des abnehmenden LichtsOstalgie als Generationskonflikt

 

Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Rowohlt Verlag, erschienen 2012, 430 Seiten, HC 19,95 € / TB 9,99 €

 

Diesem Roman eilen bereits vielversprechende Bezeichnungen voraus – überragend, gelassen, umsichtig und souverän. So ist sogar von den „Buddenbrocks des Ostens“ die Rede. Eines ist zunächst richtig, den Leser erwartet eine deutsche Familiengeschichte mit ungeahnten Wendungen. Das Wort Wende ist hier doppeldeutig zu verstehen. So sind es politische Wendungen im Leben der vier Generationen. Darüber hinaus natürlich auch die Wende 1989, die als gesellschaftliches Ereignis zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Sie veränderte das Leben mehrerer Generationen elementar.

Von der Nachkriegszeit über die Wende bis zur Gegenwart begleiten wir also Familie Umnitzer. Nach und nach setzt sich das Gelesene wie Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen. Der Roman stellt das DDR-Alltagsgeschehen wie Mangelwirtschaft, Tauschhandel, Wohnungsnot und das politische Verhalten der Bürger realisitisch dar. Wir begleiten die Protagonisten In Zeiten des abnehmenden Lichts. Anhand der Familiengeschichte vom Urenkel bis zu den Urgroßeltern, wird der bestehende Generationskonflikt dargestellt.

Die älteren Generationen halten die neue Regierungsordnung, den Sozialismus mit dem Ziel den Kommunismus zu errichten, für richtig. Die Urgroßeltern Wilhelm und Charlotte sind überzeugte Kommunisten. Nach dem zweiten Weltkrieg leben sie bis in die 50er Jahre im Exil in Mexiko. Dort schreiben sie im Untergrund für eine ostdeutsche Tageszeitung und kehren schließlich in die neugegründete DDR zurück. Der gebildete Wilhelm macht Karriere, doch die auf berufliche Anerkennung fixierte Charlotte, will nur ungern in seinem Schatten stehen. Die nachfolgende Generation, Sohn Kurt und seine Frau Irina, erlebt schon die ersten Schwierigkeiten des sozialistischen Systems. Eine politische Äußerung bringt Partei-Mitglied Kurt in ein sowjetisches Arbeitslager und nach zehn Jahren mit russischer, trinkfester Frau sowie deren Mutter in die DDR zurück. Dennoch halten sie den Sozialismus für den richtigen Weg, arrangieren sich mit dieser Gesellschaftsform.

Die Stahlkraft der politischen Utopie scheint sich von Generation zu Generation zu verdunkeln: Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts. 

Quelle: Klappentext

Kurze Zeit später kommt Sohn Alexander, von allen liebevoll Sascha genannt, zur Welt. Er wächst zweisprachig auf und absolviert später seinen Wehrdienst in der DDR. Kurt hat als anerkannter Wissenschaftler beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Irina hingegen betreibt den Tauschhandel perfekt, um ihr Traumhaus zu modernisieren. Dies allein zeigt schon wie wichtig Beziehungen, das sogenannte Vitamin B, geworden sind und welche Privilegien die Genossen bereits genießen konnten. Sie entfernten sich zunehmend von der DDR-Realität. Das normale Volk konnte dagegen nur eingeschränkt, ohne Reise- und Meinungsfreiheit sowie der Angst vor der Stasi, leben.

In den späten 80-er Jahren, der Dunkelheit und Ausweglosigkeit des Sozialismus, sammelt Sohn Alexander seine Erfahrungen. Nachdem seine Versuche, das Leben in der DDR zu verändern, scheitern, entscheidet er sich in der Wendezeit für die Flucht in den Westen. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem sein Großvater und Familienoberhaupt Wilhelm seinen 90. Geburtstag feiert. Familie, Freunde und sämtliche Offizielle kommen zur Gratulation, selbst der Pionierchor der nahegelegenen Schule bringt ein Ständchen. Für seine 70-jährige Partei-Mitgliedschaft wird ihm der Vaterländische Verdienstorden verliehen. Doch soviel Trubel verträgt selbst der gestandene Wilhelm nicht mehr und stirbt unerwartet.

Alexanders ehemalige Frau Melitta bleibt mit dem gemeinsamen Sohn Markus, dem Urenkel Umnitzer, in der DDR zurück. Sie engagiert sich mit Pfarrer Klaus, ihrem späteren Lebensgefährten, in der Opposition. Sie erleben die Wende in der DDR und sind nun in der Gegenwart, im Vergleich zu vielen in den Westen Geflüchteten, als Gewinner des Umbruchs zu bezeichnen. Mit Haus, Arbeit und Lehrstelle können sie in die Zukunft schauen. Ob sich jedoch Markus seine Wünsche erfüllen werden, wird die Zeit zeigen.

 

Kino InternationalEugen Ruges Roman springt in zeitlichen Kapiteln vor und zurück. Ein Aspekt, der den Lesefluss nicht unbedingt erleichtert. Ich musste oft einige Seiten zurück blättern, um mich zu orientieren und den Zeitabschnitt ein- als auch die Generationen richtig zu zuordnen. Aber dennoch ist es eine Bewältigung der DDR-Vergangenheit auf geistreich und humorvolle Art. Und viele Begriffe wie der Dederon-Beutel, die abwischbare Wachstischdecke oder auch der Spruch „Die vier Feinde der DDR = Frühling, Sommer, Herbst und Winter“ sind wieder präsent und lassen mich heute schmunzeln.

Eine besonders amüsante Passage im Buch möchte ich kurz erwähnen. Urgroßvater Wilhelm legt auch im hohen Alter viel Wert auf sein Äußeres. So sitzt er mit Sonnenbrille in der Badewanne und lässt sich von der Höhensonne „Sonja“ bräunen. Ihm ist auch egal, dass der Rücken stets weiß bleibt. Nun erklärt sich mir auch, warum das traditionelle ostdeutsche Kino „International“ genau mit diesem Plakatmotiv für den gleichnamigen Film (Start: 01. Juni 2017) wirbt.

 

 

Für ehemalige DDR-Bürger ist das Gelesene gut nachvollziehbar, wobei die Intellektuellenfamilie Umnitzer natürlich nicht den DDR-Durchschnitt darstellt. Nur wenige geschichtliche Details werden behandelt. Wer erwartet, mehr über das Leben in der DDR zu erfahren, wird hier enttäuscht. Eugen Ruge schafft es, die damalige aussichtslose Realität mit sanftem Abstand zu sehen. Ich sehe den Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts eher als ein Resümee für Menschen der ehemaligen DDR. Sie werden feststellen, dass sie inzwischen einiges vergessen und verdrängt haben. Da man naturgemäß „gutmütig“ auf die Vergangenheit zurück blickt. Negative Erlebnisse hingegen aus Selbstschutz verdrängt und in den Hintergrund treten.

In der Quintessenz sind die Umnitzers nicht die „Buddenbrocks des Ostens“, aber eine lesenswerte Familiengeschichte.

 

Mit Follower scheint Eugen Ruge, eine Fortsetzungsgeschichte in Anlehnung an diesen Roman gelungen zu sein. Sarkastisch und mit überraschenden Einfällen erzählt er die Geschichte eines fiktiven Enkels von Alexander Umnitzer. Dieser lebt in der Zukunft, einer Zeit in der wir eigentlich schon heute leben. „Nio Schulz lebt mit Big Data, in einer Welt der Genderkameras, der technischen Selbstoptimierung. Er schwimmt im Strom unaufhörlicher Information… Aber auf dem Weg zum Geschäftstermin verschwindet er vom Radar der Überwachungsbehörden.“ (Quelle: Rowohlt) Im August letzten Jahres als Hardcover erschienen, ist das Taschenbuch ab 20.10.2017 erhältlich.

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© Frank Zauritz

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Ural) geboren. Der diplomierte Mathematiker begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Theaterstücken und Hörspielen. Für „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde er unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die Bände „Theaterstücke“ und „Annäherung“ sowie die Romane „Cabo de Gata“ und „Follower“.

Quelle: Rowohlt Verlag

 

Gorki Park (6)Zur Literaturkreis-Besprechung von In Zeiten des abnehmenden Lichts haben wir uns diesmal im Café & Bar Gorki Park getroffen. Aufgrund des russichen Hintergrundes der Protagonisten Irina und ihres Sohnes Alexander sowie in Ermangelung eines passenden „DDR-Restaurants“, entschieden wir uns für diese Location. Die Ausstattung eines der ältesten Cafés in Ostberlin führte uns emotional „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Für mehr Details lest hier weiter.

 

Wer Gefallen an Familien-Sagas findet oder jetzt gefunden hat, folgt einfach diesen Links hier auf dem Blog. Für noch mehr Lesevergnügen sorgen die Autoren Jonathan Franzen, Juli Zeh als auch die Bände von Elena Ferrante.

 

Weitere Infos:   https://www.rowohlt.de/taschenbuch/eugen-ruge-in-zeiten-des-abnehmenden-lichts.html,   https://www.rowohlt.de/autor/eugen-ruge.html,

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.rowohlt.de/bild/4a25/2946776/3/416/ruge_eugen-915566.jpg

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