Elena Ferrante – Meine geniale Freundin

Elena Ferrante - CoverBand 1 der Neapolitanischen Saga: Kindheit und frühe Jugend

 

Elena Ferrante

Meine geniale Freundin

Suhrkamp, erschienen August 2016, 422 Seiten, HC 22,00 € / Hörbuch, der Hörverlag, MP3-CD, 22,99 €

 

Schon die ersten Seiten dieser Erzählung lassen mir die Bilder alter, italienischer Filme mit dem typischen Familienleben vor Augen treten. Neapolitanische Hinterhöfe mit offenen Fenstern, sich laut unterhaltenden Frauen, dazwischen spielende Kinder und Wäsche, die an Leinen hängend in der Luft trocknet. Diese idyllische Szene wird jäh unterbrochen vom Geschrei aus den Wohnungen, in denen sich Gewaltexzesse der Männer gegen ihre Frauen und Kinder immer wieder aufs Neue entladen. 

Die Zeit der Fünfziger Jahre im einem der ärmsten Rione (Stadtteil) Neapels, ist geprägt von Armut, Alkohol, Gewalt, Familienfehden, aber auch von Freundschaft. Und zwar von der besonderen Freundschaft zwischen Elena und Lila. Die Pförtnertochter Elena Greco, genannt Lenú, und die Schustertochter Raffaella Cerullo, von allen Lina gerufen – nur Elena nennt sie Lila, lernen sich in der Grundschule kennen. Die Ich-Erzählerin Elena ist fasziniert von Lila, obwohl oder gerade weil sie beide so verschieden sind. Aus ihrem zunächst schulischen Wettstreit um Wissen, gute Noten und Anerkennung der Lehrer, entwickelt sich über die Jahre eine enge Freundschaft. Deren Verlauf lässt uns Elena Ferrante mit allen Höhen und Tiefen als auch Nähe und Ferne hautnah verfolgen.

 

Mädchenträume

Wir begleiten die Freundinnen auf dem Weg des Erwachsen werden. Im Gegensatz zur fleißigen Elena, welche mit großem Eifer und ebenso großer Gegenwehr ihrer Eltern, die Schulbank drückt, fliegt der intelligenten Lila das Wissen ohne große Anstrengungen zu. Doch ihr Vater sieht ihre Zukunft in der familiären Schusterwerkstatt und ist nicht bereit, das Schulgeld für sie aufzubringen. So nutzt Lila jede freie Minute, um Bücher zu lesen und von Elena zu lernen. Mit Unterstützung der Lehrerin Maestra Oliviero gelingt es Elena schließlich die weiterführende Schule zu besuchen. Sie weiß, dass nur Bildung sie vor diesem im Rione vorgezeichneten Lebensweg, retten kann.

Lila hingegen legt alle Kraft in ihren Traum, der Cerullo-Schuhkollektion. Diese soll ihrem Bruder Rino und ihr, das Entkommen aus diesen prekären Verhältnissen und die finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus ermöglichen. „Reich werden“ ist die Devise, um dem vorgezeichneten Weg als Frau im Rione zu entkommen. Geprägt von den typischen Rollenbildern der Männer und Frauen, erleben die Mädchen ihre Pubertät und sind auf der Suche nach der ersten großen Liebe. Erdulden angsterfüllt die Vendetta der jungen Männer, lernen die Solara-Brüder kennen, die mit schönem Auto den Mädchen imponieren. Erst später kommt der gut situierte Lebensmittelhändler Stefano Carracci mit seiner Salumeria ins Spiel. Er wird es sein, der um Lilas Hand anhält und sie mit 16 Jahren zum Traualtar führt. Von nun an trennen sich die Wege der Mädchen, die Elena weiterhin zur Schule und Lila ins neapolitanische Familienleben führen. Die Liebe ist sehnlichster Wunsch der Mädchen, doch die Hochzeit mit einem wohlhabenden Mann ist in erster Linie eine Zweckgemeinschaft und bedeutet aus der Armut auszubrechen.

 

Elena Ferrante beschreibt das alltägliche Leben hautnah, bis ins Detail. Wir sind mittendrin, können das Beschriebene fühlen, welches uns in die Erinnerung an unsere eigene Kindheit katapultiert. Wir reflektieren unsere eigenen Erlebnisse intensiver als je zuvor. Gleich neun Großfamilien kreuzen unsere Wege und die Vorstellung der handelnden Personen zu Beginn des Romans, erleichtert des Öfteren die Zuordnung der Geschehnisse. Diese wunderschöne neapolitanische Familiensaga beginnt mit dem plötzlichen Verschwinden der inzwischen 66-jährigen Lila, deren sehnlichster Wunsch es schon immer war, sich ohne jede Spur davonzustehlen. Nur ihre beste Freundin Elena kann sie verstehen und beginnt ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Der erste Band „Meine geniale Freundin“ der vierteiligen Saga erzählt von den ersten Begegnungen der Mädchen und dem Wachsen einer unzertrennlichen Freundschaft.

Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga – bestehend aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes – ist ein weltweiter Bestseller. Ab Herbst 2017 erscheinen im Suhrkamp Verlag auch Ferrantes frühere Romane Lästige Liebe, Tages des Verlassenwerdens und Frau im Dunkeln.

Quelle: Suhrkamp

Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Im Oktober 2016, kurz nach Erscheinen des ersten Bandes, wurde eine italienische Übersetzerin (s. Bericht) als das mögliche Gesicht von Elena Ferrante enttarnt. Doch die Gerüchte ebbten schnell wieder ab. Ich bin der Meinung, dass ihr Wunsch nach Anonymität akzeptiert werden sollte, denn entscheidend ist, dass ihre Geschichten uns bewegen und begeistern.

Ihr erster Band hat Suchtpotential und so können wir uns auf drei weitere Ferrante-Bände in diesem Jahr freuen. Auch diese sind von Karin Krieger (Interview auf Blog Buzzaldrins Bücher) wunderbar übersetzt und lassen uns mit den Titeln „Die Geschichte des neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, den Fortgang der Saga bereits erahnen. Ebenso das Hörbuch „Meine Geniale Freundin“, gesprochen von Eva Mattes, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Sie beherrscht perfekt die italienische Sprachmelodie und lässt die Geschichte somit absolut authentisch wirken. Beim Hören sind wir mittendrin im italienischen Familienleben und haben, wie am Anfang dieser Rezension beschrieben, sofort die Bilder der italienischen Hinterhöfe vor Augen. Wunderbar!

Mit Vorfreude sehe ich dem weiteren Verlauf dieser wunderbaren Freundschaft entgegen und werde gleich zu Band zwei „Die Geschichte des neuen Namens“ – erschienen am 10. Januar 2017 – greifen.

 

Weitere Infos:  www.elenaferrante.de/,   www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Meine-geniale-Freundin/Elena-Ferrante/der-Hoerverlag/e508710.rhd 

Bildquelle:  Jaqueline Böttger

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