Elena Ferrante – Die Geschichte des neuen Namens

Elena Ferrante - Die Geschichte des neuen NamensDas wahre Leben beginnt

 

Elena Ferrante

Die Geschichte des neuen Namens

Suhrkamp, erschienen Januar 2017, 623 Seiten, HC 25,00 € / Der Hörverlag, mp3, 22,99 €

 

Der zweite Teil der italienischen Familiensaga beginnt mit Lilas Hochzeitsnacht.

 

Ferrante beschreibt diese Szenerie beklemmend und herzzerreißend. Auch ohne detaillierte Darstellungen habe ich die Bilder dieser Schmach im Kopf und sehe Lilas Qualen sowie ihre Ausweglosigkeit direkt vor meinen Augen. Es wäre vermessen zu behaupten, ich könnte es nachempfinden, denn mir fehlt für diese seelischen als auch körperlichen Demütigungen jegliches Verständnis. Es ist unfassbar wie respektlos und unwürdig sich die Männer im Rione den Frauen gegenüber verhalten und diese es wiederum ohne Gegenwehr ertragen und über sich ergehen lassen. Gewalt ist die männliche Form der Autorität, sie „verschafft“ ihnen die Unterwerfung der Frau und gleichzeitig die Hochachtung der anderen Männer

Lila zeigt ihre stille Unterwerfung und macht aus ihrer Verachtung gegenüber ihrem Mann Stefano keinen Hehl. Schnell merkt sie, dass aus dem liebenswerten und zuvorkommenden Freund, ein skrupelloser Mann geworden ist. Mit der Hochzeit gehen sozusagen alle Rechte der Frau auf den Mann über. Ohne Wenn und Aber fordert er seine „Rechte als Ehemann und Ernährer“ ein. Der eheliche Sex wird ganz offen zur Vergewaltigung, die keine Widerrede oder Ablehnung der Frau duldet und mit offensichtlichen Gewaltexzessen einhergeht.

Doch Lila arrangiert sich, ist von nun an die wohlhabende Ehefrau und langweilt sich den ganzen Tag in der schönen Wohnung. Beim Lesen ist es kaum zu ertragen, wie immer wieder Lilas Intelligenz aufgezeigt wird, sie diese jedoch nie ausleben wird. Bereits im ersten Teil Meine geniale Freundin wird ausführlich erzählt wie sie sich für ihre Familie, dem Erhalt der Schusterwerkstatt und der Unterstützung durch Stefano sowie dem Deal mit den Solara-Brüdern, regelrecht verkauft. Zur Abwechslung holt sie sich Elena ins Haus und bietet ihr einen ruhigen Platz zum Lernen an. Denn diese zweifelt aufgrund Lilas Erfahrungen inzwischen an ihrem Ziel, den Rione je verlassen zu können und vernachlässigt die Schule. Für sie ist klar, dass sie ebenso wie Lila in einer Ehe mit Antonio, den sie nicht liebt, der aber schon jetzt eindeutige Besitzansprüche an sie hegt, enden wird. Sie erträumt sich ein Leben mit Antonio und einer eigenen kleinen Tankstelle im Rione und ist doch im Herzen immer bei Nino.

 

Wahre Freundschaft?

Aus meiner Sicht ist die Beziehung zwischen Elena und Lila keine echte Freundschaft. Seitens Lila ist sie eher von Neid und Feindseligkeit geprägt. Auch andere in ihrem Umfeld lässt sie dies spüren, aber im Rione ist sie bekannt und erhält Anerkennung. Lila bleibt im Milieu, benimmt sich zuweilen sehr ordinär und auch gegenüber Elena sehr abwertend. Ich frage mich, was die beiden Mädchen wirklich verbindet!? Bis auf das gemeinsame Aufwachsen im Rione, haben sie kaum Gemeinsamkeiten. Doch Elena kann sich einem gewissen Sog zu Lila trotz allem nicht entziehen. Auch wenn sie über mehrere Wochen sogar Monate keinen Kontakt haben, fühlt sie sich bei der nächsten Begegnung zu ihr hingezogen.

 

Wahre Liebe?

Lila ist extrem unzufrieden. Sie weiß genau, dass sie ihr Leben niemals verändern wird, sie bleibt die Frau des Mannes mit der Salomeria. Auf Lilas Bitte verbringt Elena den Sommer aus Iskia und hofft dort Nino zu treffen, der im Haus seines Freundes Bruno, Sohn eines Wurstfabrikanten, für das Studium lernt. Mit ihm kann sie interessante Gespräche und fühlt sich geachtet und gleichberechtigt.

Mit Lilas Mutter Nuncia und der Schwägerin Penutscha, die Männer Stefano und Rino kommen nur an den Wochenenden, verbringen sie den Sommer auf Iskia. Regelmäßig treffen Sie sich mit Nino und Bruno am Strand. Lange Zeit denkt Elena, dass Nino ihretwegen an den Strand kommt, bis er ihr gesteht, dass er Lila liebt Trotz der Gefahr, entdeckt zu werden, werden Lila und Nino ein Paar, geben sich ihrer Leidenschaft hin. Lila ist das erste Mal in ihrem Leben verliebt und will diese Beziehung, die eigentlich mit der Abreise von Iskia enden sollte, nicht aufgeben. Zurück in Neapel führen sie ihre Liaison in der Siesta fort, bis Lila schwanger wird und sich Stefano offenbart. Mit Stefanos Geld verschwinden Lila und Nino in eine herunter gekommene Wohnung. Nach kurzer Zeit zeigen sich zunehmend Differenzen und Lila kehrt schließlich zu Stefano zurück.

Von nun an widmet sich Lila voll und ganz ihrem Sohn Rino. Spielend und mit viel Aufmerksamkeit will sie ihn zu einem intelligenten Kind erziehen. Inzwischen pflegt Stefano mit Ada ein Verhältnis, über das jeder im Rione bis auf Lila Bescheid weiß. Ada wird von Stefano schwanger, zwingt ihn zu einer Entscheidung und zieht schließlich in seine Wohnung. Lila findet Unterstützung bei ihrem langjährigen Schulfreund Enzo. Mit ihm zieht sie in ein schäbiges Viertel und arbeitet in Brunos Wurstfabrik.

Elena hingegen studierte inzwischen in Pisa. Mit ihrem Diplom in der Tasche kehrt sie auf der Suche nach einer Anstellung zunächst in den Rione zurück. Schnell bemerkt sie jedoch die zunehmende Entfremdung von ihrer Familie und von Lila. Sie besucht Lila in der Fabrik, ist entsetzt über ihre Entwicklung, bewundert aber auch ihren unbändigen Willen durchzuhalten. Der Zufall sowie die Beziehungen ihres Freundes Pietros führen dazu, dass Elena ein Buch veröffentlicht. Es handelt sich um Lilas kleinen Roman aus Kindestagen. Auf einer Lesung trifft sie unerwartet auf Nino…

 

Manchmal etwas zäh

Nach dem ich den ersten Teil regelrecht verschlungen habe, kam beim Hören des zweiten Teils so manches Mal Langeweile auf. Oftmals wurden die Ereignisse, welche in ihrer Entwicklungsvielfalt der Personen Lila & Elena nicht mit dem ersten Teil zu vergleichen sind, sehr in die Länge gezogen. Zu viele Details in der Erzählung, mit zu wenig Inhalt. Sehr schade, denn so kam in mir das Gefühl auf, dass die Saga „gestreckt“ wurde, um unbedingt die vier Teile zu erreichen.

Mit etwas Abstand zum Gehörten, es ist bereits einige Monate her, freue ich mich inzwischen trotzdem auf den nächsten Band. Der dritte Teil der neapolitanischen Familiensaga Die Geschichte der getrennten Wege erscheint am 28. August 2017 und wird von den Ferrante-Fans schon sehnsüchtig erwartet. Um diese Zeit zu überbrücken, kann ich euch den hashtag #FerranteFever empfehlen. Hier findet ihr auf facebook als auch auf twitter immer die neuesten posts & tweets zum Thema.

 

Weitere Infos:   http://www.suhrkamp.de/buecher/die_geschichte_eines_neuen_namens-elena_ferrante_42574.html,   http://www.elenaferrante.de/https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Geschichte-eines-neuen-Namens/Elena-Ferrante/der-Hoerverlag/e512764.rhd

Bildquelle:   Jacqueline Böttger

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