Doris Dörrie – Diebe und Vampire

Diebe und Vampire - Cover.jpgVorsicht – Schreiben kann einsam machen!

 

Doris Dörrie

Diebe und Vampire

Diogenes, erschienen Juni 2015, 224 Seiten, HC 21,90 €

 

Doris Dörrie hat mit Diebe und Vampire einen Roman über die Kunst des Schreibens verfasst und läßt uns einen Blick hinter die Kulissen dieses Genres werfen. Das Leben eines Schriftstellers stellte ich mir frei vor. Frei von Stress, von Anforderungen, man bestimmt seinen Tagesablauf, lebt in den Tag hinein, genießt das Leben und wenn der richtige Zeitpunkt kommt und die Gedanken nur so sprudeln, bringt man seine Geschichte aufs Papier. Fertig! Den Rest erledigt dann die Marketing-Maschinerie des Verlages. 

 

 

Aber weit gefehlt, bis ein Schriftsteller an diesem Punkt ist, gehen viele einsame Stunden mit Druck endlich etwas zu Papier zu bringen, dem nicht jeder gewachsen scheint, ins Land.

Und genau von dieser, sich wahrscheinlich tausendfach wiederholenden Situation erzählt uns Doris Dörrie. Im Mittelpunkt des Romans steht die junge deutsche Studentin Alice Hofmann, die es sich an der Seite ihres wesentlich älteren und verheirateten Partners Pe gemütlich gemacht hat und dieses Leben mit luxuriösen Reisen genießt. Ihr sehnlichster Wunsch ist jedoch, Schriftstellerin zu werden und Romane zu schreiben.

Bei einem Badeurlaub in Mexiko trifft sie auf eine bekannte amerikanische Schriftstellerin aus San Francisco, die sie fortan als ihre „Meisterin“ bezeichnet. Sofort möchte sie ihr nah sein, buhlt um die Aufmerksamkeit der dreißig Jahre älteren Frau, um von ihr das Geheimrezept wie sie eine erfolgreiche Schriftstellerin werden kann, zu erfahren. Alice ist von der Meisterin fasziniert. Sie macht was Alice gern möchte und dies mit absoluter Disziplin. Täglich ab elf Uhr reißt sich die Meisterin vom Strand los und schreibt.

Von der Meisterin erfährt Alice, wie sie die Inhalte und Personen für ihre Romane aus dem Leben der Anderen zieht. Die Meisterin bezeichnet sich selbst als Diebin und Vampirin, die sozusagen ihren Gepsrächspartnern die Lebensgeschichte stiehlt und sie mit großem Interesse ausfragt. Sie saugt sie aus wie ein Vampir und ist ihr Wissendurst gestillt, läßt sie ab und zurück bleibt eine Person, die für sie nicht mehr von Interesse ist. Für die Zurückgelassenen ist dies oft ein sehr schmerzlicher Prozess, wie ihn auch Alice erfahren wird.

 

Doris Dörrie - Diebe und Vampire & Karte.jpgDoch Alice fehlt es an dieser notwendigen Konsequenz. Es fallen ihr täglich tausend kleine Dinge ein, die wichtiger scheinen als zu schreiben. So gehen die Jahre ins Land und bis auf kleine Veröffentlichungen in Magazinen bleibt der große Erfolg aus.

Alice kann es nicht ertragen, wenn andere Schriftsteller einen Lauf haben, gute Geschichten schreiben und ihnen die Arbeit ohne Probleme von der Hand geht. Sie kennt dieses unbeschreibliche Gefühl einer Schreibblockade mit oft einher gehender Sinneskrise nur zu gut. Ihr fehlte immer die erfolgversprechende Disziplin und Konsequenz, welche ihr die Meisterin geraten hatte und wahrscheinlich auch das Talent zum Schreiben, was sie sich natürlich nicht eingestehen will.

Alice schreibt letztlich, inzwischen im Alter ihrer Meisterin als sie ihr das erste Mal begegnete, einen Ratgeber über das Schreiben, um wenigstens irgendetwas zu schreiben. Dieser wird dann kurioser Weise, bei den offenbar vielen existierenden Menschen mit dem Traum vom Schreiben, zum Bestseller und macht sie erfolgreich. Ihren langersehnten Roman wird sie jedoch nie schreiben.

 

Und was lernt man aus diesem Roman?

Ohne Disziplin kann sich kein Erfolg einstellen und Doris Dörrie bringt es auf den Punkt.

Schreiben lernt man durch schreiben. Schreiben muss man trainieren!“

Quelle: Doris Dörrie (Interview BR)

Schriftsteller leben ihren Traum also in zwei Leben. Zum Einen das reale Leben mit einem Partner, Freunden, Familie und der Reaktion der Umwelt auf das Geschriebene. Zum Anderen das Schriftsteller-Leben geprägt von hohem psychischen Druck, Angst vor dem sozialen Abstieg und davor seinen Lebenstraum doch nicht erfüllen zu können. Oft führt dies zu Schreibblockaden, Krisen und Depressionen.

 

http://www.ganz-hamburg.de/wp-content/uploads/2014/01/2012-DorisDoerrie_2-003.jpgDoris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. ›Männer‹, ihr dritter Kinofilm, wurde ein Welterfolg. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Dokumentarfilm ›Dieses schöne Scheißleben‹ über weibliche Mariachi in Mexiko, 2014) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Seit einigen Jahren hat sich Doris Dörrie auch als Opernregisseurin einen Namen gemacht. Sie lebt in München.

Quelle: Diogenes

 

 

Dörrie beharrt auf ihrem Grundsatz, dass es keine Regeln gibt. Aber viele Schriftsteller haben sich inzwischen feste Rituale geschaffen, um diesem Erfolgsdruck gewachsen zu sein. So setzt sich Martin Suter in kreativen Krisen eine Schirmmütze auf, Isabel Allende beginnt einen neuen Roman immer am 8. Januar (dem Tag, an dem sie einst „Das Geisterhaus“ begann) in ihrem Gartenhäuschen und zündet sich dazu eine Kerze an. Haruki Murakami hat seinen Tagesablauf streng strukturiert, welcher morgens um vier Uhr mit einer Arbeitsphase beginnt, danach in eine Sportphase übergeht und mit Musik hören oder lesen um neun Uhr endet. Doch Rituale sind nicht neu, denn auch schon Friedrich Schiller war für einen besonderen Tick bekannt. Er lagerte faule Äpfel in seiner Schreibtisch-Schublade, da er nach eigener Aussage, für seine Kreativität „den Geruch des Verfalls zum Schreiben brauchte“.

Wer mehr über die Rituale von Schriftstellern erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch „Musenküsse: Die täglichen Rituale berühmter Künstler“ erschienen im Verlag Kein & Aber. Journalist und Autor Mason Currey schildert in 88 Geschichten die Alltagsstrategien von vielen anderen kreativen Berühmtheiten wie Schriftstellern, Komponisten, Malern bis hin zu Filmemachern.

 

Dörrie - D & V und Alles inklusive.jpgPS: Eine weitere Empfehlung ist auch der Roman „Alles inklusive“, welcher Dörries Erfahrungen zu den Themen Mutter-Tochter-Beziehung, Liebe und natürlich Freundschaften absolut lebensnah und unterhaltsam auf den Punkt bringt. Lesenswert!

 

 

Weitere Infos: http://www.diogenes.ch/leser/katalog/nach_autoren/a-z/d/9783257069181/buch, http://www.diogenes.ch/leser/katalog/nach_autoren/a-z/d/9783257069181/autor,   https://keinundaber.ch/de/https://keinundaber.ch/de/literary-work/musenkuesse/, https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/mason-currey/

Bildquellen: Jacqueline Böttger – diverse, http://www.ganz-hamburg.de/wp-content/uploads/2014/01/2012-DorisDoerrie_2-003.jpg

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