Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

Rückkehr nach ReimsGastrezension von Odette

Eine sozialdemokratische Milieustudie

 

Didier Eribon

Rückkehr nach Reims

Suhrkamp Verlag, erschienen Mai 2016, 240 Seiten, 18,00 €

 

Pünktlich zur Präsidentschaftswahl 2017 in Frankreich ist dieses auch für andere europäische Wahlen interessante und brandaktuelle Buch erschienen. Aufmerksam wurde ich auf das Werk in einem Interview von Oskar Lafontaine. Er erklärte die geringen Wählerstimmen der SPD, mit dem nicht mehr Vorhandensein eines typischen Arbeitermilieus und schlug als Lektüre zu diesem Thema das Buch Rückkehr nach Reims vor. Seine Frau Sahra Wagenknecht erwähnte diese autobiografische Analyse des Lebens des französischen Philosophen und Soziologen Didier Eribon ebenfalls in einem Interview. Als der Vater des Autors 2009 stirbt, besucht dieser nach Jahrzehnten der Abwesenheit seine Heimatstadt Reims. Beim gemeinsamen Blättern mit seiner Mutter in alten Fotoalben, schildert er etwas selbstverliebt, seine Entwicklung aus der Arbeiterklasse zu einem homosexuellen Intellektuellen in Frankreichs Hauptstadt Paris. Paris ist das Ziel seines Lebens – das Zentrum der Intellektuellen und Schwulenszene.

 

Der Autor verknüpft seine persönliche Entwicklung mit der politischen Veränderungen Frankreichs ab den 60er Jahren sowie der sozialen Entwicklung seiner Familie. Ich finde es sehr wissenswert, mehr über unser Nachbarland zu erfahren. Oft besucht man Paris oder Reims. Jetzt nach dem Lesen dieses Buches kann ich die Stadtentwicklung dieser Städte besser einordnen. Eribons Eltern wuchsen, wie schon deren Eltern im Arbeitermilieu auf. Geld war knapp, die Menschen wohnten in beengten Verhältnissen, Kinder lernten nur das Nötigste und verliesen mit 14 Jahren die Schule. Schnell und sehr jung heiratete man seine Freundin, Kinder wurden geboren und das Leben war damit fast vorbei. Bedingt durch die schwere körperliche Arbeit, dem Alkohol als Freizeitentspannung und wenig geistiger Tätigkeit verlief das Leben in vorbestimmten Bahnen. Seit seiner Kindheit schämte sich Didier Eribon für seine Herkunft. Er will dem Familienschicksal entgehen und bricht den Kontakt zum Vater und seinen Brüdern ab. Sie sind für ihn Produkte ihres sozialen Milieus.

Der Autor ist der erste soziale Aufsteiger der Familie, studiert und outet sich bereits sehr früh als schwul. Für ihn bedeutet Aufstieg gleich Ausstieg aus seiner Kaste. Im Text folgt eine Verknüpfung von Autobiographie und Analyse des Wahlverhaltens der Arbeiterklasse. Der Aufstieg der rechtsextremen Front National ist für den Autor der Abstieg der französischen KP. Die Stimmung in der breiten Masse der Arbeiter wiederspiegelt für ihn folgendes Zitat: „Die Politiker sind alle gleich. Ob links oder rechts, die Rechnung zahlt immer der Selbe“. Wer seinen Lebensweg als Arbeiter beginnt, tritt der Gewerkschaft bei und wählt die Arbeiterpartei.

Nicht mehr Arbeiter und Bourgeois stehen sich heute gegenüber, sondern Franzosen, die sich benachteiligt gegenüber Ausländern fühlen. Anders noch in den 60ern, wo das proletarische Milieu, bestehend aus der Arbeiterschaft, gegen die Intelligenzija kämpfte. Alles Fremde wird gerade in der heutigen Zeit als Bedrohung, statt als Fortschritt empfunden.

Didier Eribon verurteilt die Probleme seiner Eltern und deren Hilfslosigkeit und stellt seine Entwicklung für mich zu euphorisch da. Oft betont er, dass nur er den Wunsch nach Bildung verspürte, seine Brüder hingegen nicht. Da ich vom Autor nur dieses Buch gelesen habe, kann ihn nicht weiter einschätzen. Ich finde die Darstellung seines „Aufstieges“ aus einfachsten, proletarischen Verhältnissen und sein Bekenntnis zur Homosexualität als ziemlich übertrieben. Hätte mich das politische Thema nicht gereizt, hätte ich vielleicht kein Buch von ihm gelesen. Wer sich wie ich für dieses Thema interessiert, dem kann ich dieses Buch empfehlen.

 

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Frankreichs und bezieht regelmäßig Stellung zum politischen Zeitgeschehen. Bei Suhrkamp erschien zuletzt: Michel Foucault. Eine Biographie (st 3086).

Quelle: Suhrkamp Verlag

 

Weitere Infos:   www.suhrkamp.de/buecher/rueckkehr_nach_reims-didier_eribon_7252.html,   www.suhrkamp.de/autoren/didier_eribon_1149.html

Bildquellen:  Jacqueline Böttger

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