Chris Kraus – Das kalte Blut

Chris Kraus - Das kalte BlutGastrezension von Odette

 

Täter oder Opfer?

 

Chris Kraus

Das kalte Blut

Diogenes, erschienen März 2017, 1200 Seiten, HC 32,00 €

 

1974 – Der Sechzigjährige Koja liegt mit einer Kugel im Kopf, abgeschossen von seinem Bruder, in einem Münchner Krankenhaus. Obwohl sein Bruder Pfarrer ist, beichtet er seine Lebensgeschichte nicht ihm, sondern dem pazifistischen Bettnachbarn Basti. Ihn nennt er, nach einem hinduistischen Mönch, liebevoll Swami. Damit besagter Hippie Basti seine Lebensbeichte übersteht, bezahlt er ihn mit Haschisch. Was ist verrückter als diese Rahmenhandlung?

Der Autor Chris Kraus erzählt in dem Roman seine eigene Familiengeschichte. Der angeschossene Koja aus der Rahmenhandlung des Buches ist sein Großvater. Für Chris Kraus war die Recherche zu diesem Buch eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. Für den Leser enthält das Buch ein unbekanntes Kapitel deutscher Geheimdienstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Als Vertreterin der Enkelgeneration dachte ich beim Lesen über die Lebensgeschichte meines eigenen Großvaters nach. Wie viel von seinem Leben war Bestimmung? Wie viel davon Schicksal?

Die Lebensgeschichte der zwei Brüder wird im Roman chronologisch erzählt. Hubert „Hub“ der Ältere und Konstantin „Koja“ Solm, die in den Strudel der Geheimdienste geraten und sowohl für die Bolschewisten, Faschisten, Kommunisten und Demokraten spionieren werden. Ihre Eltern stammen mütterlicherseits aus einer traditionellen deutsch-baltischen, aristokratischen Rigaer Familie. Nach dem Überfall der Bolschewiki 1917 auf die baltischen Staaten, verlieren sie ihre Privilegien, ihren Status und ihren Besitz. Sie stürzen von einer glücklichen, geborgenen Kindheit in die Hölle. In Riga bilden sich verfeindete Parteien Deutscher, Russen und Letten. Koja, der Feingeist der Familie, will sich wie sein Vater mit Kunst und Malerei beschäftigen, statt mit Politik und studiert Architektur. Sein Bruder Hub studiert Theologie, um nach dem Studium in die Tradition seiner Familie einzutreten und Pfarrer zu werden. Doch die Zukunft wird für beide einen anderen Weg wählen.

Der Vater wird krank, er kann das Studium der Brüder nicht mehr finanzieren und die historischen Umstände zwingen sie in die Politik. Beide treten der Jugendorganisation der Nazis und später der örtlichen SS Division bei. Sie werden Spione des Reichssicherheitsdienst SD und bilden Agenten für ein fiktives Attentat auf Stalin aus.

Ist es das Geld, ist es ihr Überlebensinstinkt, ist es bereits schon ihre Gesinnung – welches ihnen ihr Handeln vorwegnimmt? Diese Frage zieht sich durch den Roman. Wird man zum Täter geboren oder in wie weit ist es strafbar, in eine Täterrolle zu wachsen? Am Ende des zweiten Weltkrieges sind die Brüder kalte und abgebrühte Täter. Sie nehmen an Erschießungen teil und haben jeden Skrupel abgelegt. Der Leser, der Hippie Basti und Koja werden mit der Frage: „Täter oder Opfer?“ konfrontiert und haben nach dem ersten Teil des Buches, genug Gesprächsstoff für eine Auseinandersetzung mit diesem Thema.

 

Ich muss mir das nicht von jemanden anhören, der Juden und Russen umbringt und seinem Bruder den Arm wegschießt und jeden Menschen verrät, der ihm begegnet. … Es kann sich niemand aussuchen, wann er geboren wird und wo und in welchen Verhältnissen. Man wächst in die Zeit hinein, die gerade da ist, und es kann weiß Gott nicht jeder in eine Zeit hineinwachsen, in der Hippies am Leben gelassen werden.   (Seite 567)

 

Die Entscheidung Täter oder Opfer wird durch zwei sehr emotionale Erlebnisse im Leben der Brüder erschwert. Da ist einerseits die Liebe beider zur ihrer Adoptivschwester Ev und andererseits Kojas Liebe zur russischen Spionin Maja. Interessant, wie der Autor Chris Kraus hier die kalten Monster zu mitfühlenden und aufopferungsvollen Helfern werden lässt. Ev hat jüdische Wurzel. Als Kleinkind wird sie in den Kriegswirren 1917 von dem Kindermädchen in die Familie der Brüder gegeben. Geschickt oder aus Berechnung kuschelt sie sich gleich in der ersten Nacht an Koja. Bis zum Tod der Brüder wird sie das Liebesleben beider als Geliebte, Ehefrau und Mutter beeinflussen. Als Frau von Hub genießt sie einen nützlichen Schutz gegen die Judenverfolgung der Nazis. Hub und Koja sehen es als ihre Pflicht, sie zu beschützen. Allerdings ist Ev auch nicht die Humanistin in diesem Roman. Sie passt sich der Situation an und arbeitet zeitweise als Krankenschwester im KZ Auschwitz.

Der zweite Teil des Buches beginnt nach Ende des zweiten Weltkrieges. Koja gerät in russische Kriegsgefangenschaft und wird in dem berüchtigten Gefängnis Lubjanka inhaftiert. Zeit zum Bereuen seiner Taten bekommt er nicht, denn er wird mit der Liebe zur russischen Spionin Maja erpresst. Deren Leben er nur retten kann, wenn er für den Feind in Deutschland spioniert. Doch statt nur seine Pflicht zu tun, wird aus Koja ein Superagent. Hub hat sich derweilen nach München-Pullach gerettet und einen Posten, in dem vom amerikanischen Geheimdienst CIA geduldeten BND mit anderen ehemaligen Nazis ergattert. Aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen die Fakten des Romans. Es gab tatsächlich die Organisation des Ex-Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen, der in Pullach in der NSDAP-Leitervilla von Martin Bormann seine Geheimdienstorganisation aufbaute. Gegenspieler war Otto John, der um ihn kalt zu stellen, hinterlistig nach Berlin entführt wurde. Der Roman wird zu einem Spionagekrimi der in West- und Ostberlin, Tel Aviv und Moskau spielt. Fiktiv sind Koja und Ev überall dabei und verpassen keinen Situation der Weltgeschichte.

 

Wenn ich heute daran zurückdenke, was ich mir damals so alles zurechtlegte, bin ich erstaunt. Welche Illusionen sich der Mensch hingibt! Wie leicht er bereit ist, ein gewisses Gleichgewicht der Moral herbeizuzaubern, obwohl es außerhalb der eigenen Wahrnehmung überhaupt nicht existiert! Wie einfach es ist, sich der Wärme der Wahrheit hinzugeben, sie wie eine Höhensonne anzuknipsen, selbst wenn man in der kältesten aller Täuschungen nicht nur lebt, sondern sie sogar selbst verursacht!  (Seite 662)

 

Unterm Strich ist Das kalte Blut ein 1.200 seitiges historisches Lesevergnügen, welches packend und sarkastisch erzählt wird. Ich bin sehr begeistert und verliebt in das Buch. Spannungsbögen bauen sich, während den Kapiteln im Krankenhaus, auf. Den Inhalt sieht man wie in einem Film vor sich, man liest es nicht, sondern verfolgt die Handlungen visuell. Chris Kraus ist Drehbuchautor und Filmemacher. Dieses Talent macht das Buch so einzigartig. Die derben Schilderungen der Verbrechen, Tötung, Erschießung, selbst die Verstümmelung des Bruders, erinnern an seinen Film „Poll“. Er entwickelt einzigartige individuelle Charaktere. Selbst Nebenrollen werden spannend geformt. Dazu noch Episoden, die sich durch den ganzen Roman ziehen. Wie zum Beispiel die Folgende: Der Vater der Brüder war Kunstmaler. Ev diente ihm als „unschuldiges“ Nacktmodell für Deckengemälde in Nazi-Villen. In solch einer Villa lieben sich Koja und Maja nach dem Krieg. Natürlich erkennt er in der nackten Frau über dem Bett, seine Schwester und Geliebte wieder.

Das Buch beginnt mit Äpfeln. Ein Apfel zerstörte die Unschuld im Paradies. Ist Koja schuldig an seinem Leben, in dem die Welt unterging und er sich zu einem Monstrum entwickelte?

 

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Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter ›Scherbentanz‹, ›Poll‹) wurden vielfach ausgezeichnet, ›Vier Minuten‹ mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Sein neuer Film, die Tragikomödie ›Die Blumen von gestern‹ mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, startete im Januar 2017 in den Kinos. ›Das kalte Blut‹ ist Chris Kraus’ zweiter Roman. Der Autor lebt in Berlin. Quelle: Diogenes

 

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 lernte ich Chris Kraus beim Diogenes-Bloggertreffen kennen. In diesem Rahmen ergab sich die Gelegenheit, mit ihm über seinen sehr persönlichen Roman zu diskutieren. Auf sympathische und geheimnisvolle Weise brachte er uns das Buch näher, weckte sofort mein Interesse es zu lesen. Ich bewundere sein Talent, welches er auch cineastisch verarbeitet. Heute kann ich sagen, dass Das kalte Blut zu meinen Lesehighlights dieses Jahres gehört.

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/chris-kraus/das-kalte-blut-9783257069730.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/k/chris-kraus.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   Pressebild_ChrisKraus_cFoto-Maurice-Haas-Diogenes-Verlag_72dpi[1]

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