Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte

Celeste Ng - Was ich euch nicht erzählteAnderssein

 

Celeste Ng

Was ich euch nicht erzählte

dtv, erschienen Mai 2016, 288 Seiten, HC 19,90 €

 

Der Roman beginnt mit dem berührenden Satz „Lydia ist tot.“ und macht uns mit der Familie Lee bekannt. Im Mai 1977 erscheint die sechzehnjährige Lydia nicht wie üblich zum Frühstück. Zunächst sind Vater James, Mutter Marilyn sowie die Geschwister Nath und Hannah verwundert, doch schnell wendet sich die Situation in Besorgnis um. Die Suche nach Lydia beginnt.

Währenddessen blicken wir auf die Geschichte der Eltern James und Marilyn zurück. Sie lernen sich an der Universität kennen. Studentin Marilyn ist sofort von James, ihrem Professor chinesischer Abstammung, fasziniert und kurze Zeit später heiraten sie. James ist ein Kind chinesischer Einwanderer, welche ihm durch ihre Hausmeisterarbeit an einem Internat den kostenfreien Schulbesuch ermöglichen. Ihm soll es später einmal besser gehen als ihnen. Seine Eltern sterben früh. Fortan verheimlicht er selbst gegenüber Marilyn seine einfache Herkunft, um seine Karriere nicht zu gefährden und Anerkennung zu erhalten. Marilyn hingegen wuchs nach dem Weggang ihres Vaters, allein mit ihrer als Lehrerin arbeitenden Mutter auf. Deren Ziel es war, Marilyn später einmal an der Seite eines Harvard-Professors zu sehen. Doch mit der nicht standesgemäßen Heirat einer Weißen und eines Asiaten war sie nicht einverstanden. Somit sehen sie sich letztmalig auf ihrer Hochzeit.

 

Gewissheit

Lydia wird einige Tage später tot im See, welcher in unmittelbarer Nachbarschaft des Elternhauses liegt und bereits vor Jahren Handlungsort einer Tragödie war, gefunden. Auf ihrer Beerdigung wird schnell ersichtlich, dass weder die Eltern noch die Kinder einen Freundeskreis haben und somit nur wenige Mitmenschen Anteil nehmen. Die Hintergründe liegen zum Teil auch in der Kindheit von James. Er hatte als Kind kaum Freunde, war als Asiate immer der Außenseiter und schämte sich für die Herkunft seiner Eltern. Bei seinen Kindern versucht er seine misslungene Kindheit zu kompensieren, in dem er seine Wünsche und Vorstellungen auf das Leben seiner Kinder projiziert. James und Marilyn sind gleichermaßen nicht fähig, ihren Kindern gegenüber Gefühle zu zeigen, sie in den Arm zu nehmen und einfach Liebe zu zeigen. Ihr Ziel ist es, ihre Kinder nach ihren Vorstellungen zu formen, damit sie ihren Idealen entsprechen.

 

Rückblick

Nach dem Tod von Marilyns Mutter, die Kinder Nath und Lydia sind noch klein, entrümpelt Marilyn das Haus und das Einzige was sie behält, ist ein Buch. Ein altes Kochbuch, deren Ideal als Hausfrau ihre Mutter immer entsprechen wollte. In diesem Moment wird Marilyn ihr Verzicht auf das Studium zur Ärztin, welches sie nach der Geburt von Nath aufgegeben hat, intensiv bewusst. Ohne von ihrer Familie Abschied zu nehmen, geht sie fort um ihr Studium fortzusetzen. Eine wochenlange Suchaktion der Polizei beginnt und diese hinterlässt besonders bei der kleinen Lydia ein unglaubliches Verlustgefühl. Marilyns unerwartete Schwangerschaft mit der kleinsten Tochter Hannah zwingt sie nach neun Wochen schließlich zur Rückkehr.

Zu Hause angekommen, verspricht Marilyn sich im Stillen alles für Lydia zu tun. Sie sollte Ärztin werden und somit Marilyns eigenen Lebenstraum verwirklichen. Da Lydia immer unter Verlustängsten litt, entdeckt sie, dass sie nur den Wünschen der Mutter entsprechen muss, damit diese nie mehr fortgeht. Diese Last wiegt, wie sich im Verlauf der Geschichte zeigt, sehr schwer auf Lydia und der gesamten Familie Lee.

 

Lydias Sicht

Im Folgenden erzählt Lydia die Geschichte aus ihrer Sicht. Sie wird zum unfreiwilligen Mittelpunkt der Familie, hält diese zusammen. Darüber entwickelt sich ihre Angst, den Anforderungen der Eltern nicht zu entsprechen. Eine tiefe Persönlichkeitsspaltung wird sichtbar. Auch bei ihren Freunden hatte sie immer das Gefühl „sie gehörte nie dazu“ – eine Chinesin mit schwarzem Haar und blauen Augen. Sie fiel immer auf und wurde ausgegrenzt, obwohl sie sich selbst nie so „anders“ sah. In der Freundschaft zu Jack sucht sie Liebe und Verständnis. Doch ihre Hoffnung wird durch Jacks Offenbarung jäh zerstört. In der folgenden Nacht trifft Lydia eine Entscheidung.

Der Roman Was ich euch nicht erzählte hat mich sehr bewegt. Er zeigt wie sehr sich die Bedürfnisse von Eltern und Kindern doch unterscheiden können. Ohne Gefühle und offene Kommunikation kommt es schlussendlich zur Eskalation.

 

 

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© Kevin Day Photography

Celeste Ng (sprich: Ing) wuchs auf in Pittsburgh, Pennsylvania und in Shaker Heights, Ohio. Ng studierte in Harvard und machte ihren Master an der University of Michigan. Sie schrieb Erzählungen und Essays, die in verschiedenen literarischen Magazinen erschienen und mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet wurden. ›Was ich euch nicht erzählte‹ ist ihr erster Roman, ein New York Times-Bestseller, der, vielfach prämiert, in 20 Sprachen übersetzt wurde und auch verfilmt wird.

Quelle: dtv

 

Weitere Infos:   https://www.dtv.de/buch/celeste-ng-was-ich-euch-nicht-erzaehlte-28075/,   https://www.dtv.de/special-celeste-ng-was-ich-euch-nicht-erzaehlte/start/c-891,   https://www.dtv.de/celeste-ng/c-892,   http://www.celesteng.com/

Bildquellen: Jacqueline Böttger – Cover,  https://www.dtv.de/_images_media/cms_uploads/ckeditor/celeste-ng_031907.jpg

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