Bruno Preisendörfer – Als unser Deutsch erfunden wurde

Bruno Preisendörfer - Als unser Deutsch erfunden wurdeGastrezension von Odette

Eine Reise in die Lutherzeit

 

Bruno Preisendörfer

Als unser Deutsch erfunden wurde

KiWi, erschienen Juni 2016, 480 Seiten, HC 24,99 €

 

2017 – 500 Jahre Reformation – Grund genug, ein Buch über das Leben zur damaligen Zeit zu lesen. Dazu noch der Bonus, dass in jedem Kapitel Martin Luther direkt oder indirekt vorkommt. Auf jeden Fall sollte man sich, für dieses gut recherchierte Buch, Zeit nehmen. Einfach als Bettlektüre ist es nicht geeignet und so nahm ich mir Stift und Zettel, setzte mich an den Schreibtisch und begann die ersten Seiten des Buches zu studieren. Der Innenumschlag zeigt die Stadt Wittenberg, die Wirkungsstätte Martin Luthers. Geboren und durch einen Rechtsstreit der einheimischen Fürsten wieder in seine Geburtsstadt gezwungen, um dort zu sterben, ist er in der Stadt Eisleben.

Nach einer Einleitung ist das Buch in dreizehn Kapitel gegliedert, welche wiederum zahlreiche Artikel beinhalten. Das Buch endet mit einem über 63-seitigen Anhang, in dem neben dem üblichen Quellen- und Literaturverzeichnis, lustiger weise auch ein Schimpfwörter-ABC abgedruckt ist. Schimpfwörter, von Ars bis Zwelffesel und Fatzmann (Schelm) bis Trumpelmetze (Landknechtshure) sind darin aufgenommen. Für Zeitreisende folgt noch ein kleines Latinum. Auch werden Gruppenbilder von Humanisten, Reformatoren, Päpsten und Drucker u.a. vorgestellt und die einzelnen Stände werden ausführlich beschrieben. Also nicht nach dem dreizehnten Kapitel aufhören. Alle Kapitel lassen sich auch einzeln lesen bzw. helfen bei Recherchen zu einem bestimmten Thema. Besonders das Literaturverzeichnis ist für Recherchezwecke sehr nützlich.

 

Auf in die Zeit des Umbruchs

Der Autor Bruno Preisendörfer beleuchtet das ganze Leben zur Lutherzeit. In allen Facetten wird diese lebendige Zeit des Umbruchs, in der die Wissenschaften neue Freiheiten bekamen, geschildert. Zahlreiche Details aus dem alltäglichen Leben der Menschen unterschiedlicher Stände werden erfrischend und im Wortlaut ihrer Sprache geschildert. Dies erfordert besondere Konzentration. Denn folgende Sätze sind nicht einfach schnell zu lesen: S. 294: „ Truhenkisten, darein man dut/ hemd, wames, kitel, peltz und schauben,/sock, zipfel, baret, hut und hauben, / gurtel,/peutel, tasche und pruch,/ wuschtucher, neser (Seckel, Säckchen) und hentschuch“. Damit ist das Inventar einer Truhe nach der Nürnberger Kleiderordnung 1536 gemeint.

Für Leipziger besonders interessant ist die Seite 142 auf der die Herstellung der Leipziger Lerche, eine Gebäckspezialität, erläutert wird. Natürlich ist für Leser aus anderen Regionen auch etwas dabei. Besonders beeindruckend fand ich die Schilderung des Lebens um das Jahr 1500 in Wissenschaft, Architektur, Mode sowie Gesundheit und Sitten. Vergleiche mit der heutigen Zeit werden durchgeführt, denn viele Redewendungen und Begriffe, welche wir heute noch verwenden, stammen aus dieser Zeit.

 

Vom Einfluss der Kirche

Die katholische Kirche hatte zu dieser Zeit noch einen starken Einfluss im Alltag der Menschen. Die Angst, in die Hölle zu kommen ist ein ständiger Begleiter. Natürlich wird diese Tatsache von den Herrschenden ausgenutzt. Da sind Luther, mit seiner Herausbildung des Protestantischen Glaubens, und Gutenberg, der diesen in unglaublich gedruckter Auflagenhöhe unter die ganz gewöhnlichen Leute bringt, nicht sehr beliebt. Die deutsche Sprache gab es bereits, wenn auch in unterschiedlichen Dialekten. Doch Luthers verbreitete Gedanken verschafften dem Volk eine Identität. Durch sie und mit Hilfe einer gemeinsamen Grundsprache dem Deutsch, kam es zur Bildung einer Nation.

Um das Gelesene noch authentischer zu machen, betritt man gemeinsam mit dem Autor Luthers Pfarrhaus, Dürers Atelier und Götz von Berlichingen mit seiner eiserner Hand, reitet an einem vorüber. Man spürt den täglichen Überlebenskampf unter katastrophalen hygienischen Zuständen, die zu Pest und anderen Seuchen führten. Da es bei der Ernährung oft zu Blähungen kam, wurde den edlen Damen geraten ein Schoßhündchen bei sich zu führen, damit sie die unangenehmen Gerüche auf den Hund schieben konnten.

Die Zeitgenössischen Zitate werden teilweise in ihrer ursprünglichen Textgestalt als auch in unserem heutigen Deutsch wiedergegeben. Sechzehn Abbildungen – z.B. das Selbstbildnis Albrecht Dürers, das „Feldtbuch der Wundartzney“, das zeigt, wie Knochenteile aus einem eingeschlagenen Schädel zu holen sind, und eine Graphik über die Plünderung des Klosters Weißenau, sind Inhalte des Buches. Jährlich wiederkehrend, am Dreikönigstag wird in katholischen Gegenden von drei als Könige verkleideten Kindern, C+M+B und der zweigeteilten jeweiligen Jahreszahl mit Kreide über die Haustür gemalt. Natürlich sind das nicht, wie die Heiden häufig denken, die Initialen der Heiligen Drei Könige, sondern bedeutet: Christus Mansionem Benedicat – Christus segne dieses Haus. Und noch eine Wissenslücke lässt sich elegant schließen. Wer endlich mal über die Vielzahl der zur damaligen Zeit verfassten Erlässe einen Überblick gewinnen will, dem ist das Studium des im Anhang befindlichen Kapitels zu empfehlen.

 

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© David Biene

Bruno Preisendörfer ist 1957 geboren. Er arbeitet als Publizist und Schriftsteller und ist Herausgeber einer eigenen Internetzeitschrift, welche man unter www.fackelkopf.de lesen kann. Neben diesem Buch Als unser Deutsch erfunden wurde hat er bereits 2015 das Buch „Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit“ geschrieben, welches zum Spiegel-Bestseller wurde.

 

Aus dem letzten Kapitel zum Thema Tod, möchte ich folgenden Satz zitieren:

Du bist tot, wenn du vergessen bist“ und das lässt sich nicht mit dem damals noch von Luther bekämpften Ablasshandel erkaufen, sondern ist eine eigene Leistung. Das vorliegende Buch ist eine Lebensleistung und wird den Autor unvergesslich machen.

 

 

Weitere Tipps zum Thema Reformation:

Besuch der Lutherstadt Wittenberg und des ASISI-360° Panoramas „Luther 1517“

Der umfangreiche geistige Genuss von Preisendörfers Ausführungen regt regelrecht dazu an, die erwähnten Orte zu besichtigen. Und somit lade ich euch unter der Rubrik Lesevergnügen unterwegs zum Stadtspaziergang durch die Lutherstadt Wittenberg ein. Hautnah könnt ihr das Gelesene auch im Asisi-Panorama Wittenberg „Luther 1517“ erleben, welches anlässlich des diesjährigen Jubiläums „500 Jahre Reformation“ gestaltet wurde.

 

Mosaik - Logo Abrafaxe & Luther.jpgMit dem MOSAIK auf Luthers Spuren

Wer die Geschichte der Lutherzeit etwas entspannter und in Bildern erleben möchte, kann sich monatlich mit dem Comic-Magazin MOSAIK auf Abenteuerreise begeben. Die drei Abrafaxe sind bereits seit Februar 2016 (Folge 483) auf Luthers Spuren und haben viele Abenteuer im Mansfelder Land sowie dessen Umgebung erlebt.

Während ihrer unglaublichen Reise in die Reformationszeit sind sie schon Luther, Melanchthon, Cranach & Co. begegnet. Im Herbst feiert die Welt dann den 500sten Jahrestag des Thesenanschlags. Unter den Wissenschaftlern ist es bis heute umstritten, ob Luther wirklich die 95 Thesen angenagelt hat.

Im MOSAIK findet ihr die Auflösung. Also, dran bleiben und die nächsten Ausgaben des MOSAIK am Kiosk kaufen, um Geschichte kurzweilig und hautnah zu erleben.

 

 

Weitere Infos:    www.kiwi-verlag.de/buch/als-unser-deutsch-erfunden-wurde/978-3-86971-126-3/,   www.kiwi-verlag.de/autor/bruno-preisendoerfer/1530/,   www.ekd.de/reformationstag/wissenswertes/martin_luther_biografie.html,    http://www.wittenberg.de/,   www.wittenberg360.de

Bildquelle:   Jacqueline Böttger,   http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/autor/large/autor_1530.jpg,   Mosaik – Logo Abrafaxe & Luther.jpg

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