Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Bendedict Wells - Ende der Einsamkeit - Cover.jpgAuf der Suche nach dem Unveränderlichen

 

Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

Diogenes, erschienen Februar 2016, 368 Seiten, HC 22,00 €

 

Berlin +++ Clinker Lounge in der Backfabrik +++ Lesung +++ organisiert von BUCHBOX und Diogenes. Heute möchte ich mit meinen Eindrücken von einem wunderbaren Abend beginnen. Benedict Wells betritt pünktlich ohne Star-Allüren, welche man ihm sogar bei dem aktuellen Rummel um seine Person verzeihen würde, die Bühne. An seiner Seite sein Freund und Singer/Songwriter Jacob Brass mit seiner Akustik-Gitarre. Eine schöne Idee, die bereits verspricht, ein ungewöhnlicher Abend zu werden.

Seine Ausstrahlung ist jugendlich und er wirkt nicht so nachdenklich wie ich es nach dem Lesen seiner Romans Vom Ende der Einsamkeit vermutet habe. Erstaunlich, welch Lebenserfahrung Benedict Wells, mit gerade mal zweiunddreißig Jahren, in seinem Roman ausstrahlt. Zum Einen liegt dies sicher an seinem eigenen Internatsaufenthalt, welcher allerdings nicht vergleichbar mit dem Background seiner Romanfiguren ist, ihn aber sicher geprägt und bewogen hat, seine eigenen Erfahrungen einzubringen.

Wells kommt witzig, intelligent und gefühlvoll rüber. Er versteht es, Situationen einfühlsam und bildhaft zu schildern. Als Benedict Wells mit diesem Roman begann, wollte er eine witzige Teenager-Geschichte schreiben. Dies ist ihm auf den ersten Seiten des Buches auch gelungen und so wird „stark im Ei“, das Motto der Romanfiguren, zu einer witzigen Pointe des Abends. Das Ergebnis ist allerdings nach vielen Streichungen der ursprünglich achthundert Seiten, eine tiefgründige melancholische Geschichte.

 

Geborgenheit ist das Gegenteil von Einsamkeit

Vom Ende der Einsamkeit wird in der Retrospektive, aus der Sicht von Jules, dem Jüngsten von drei Geschwistern der Familie Moreau, erzählt. Im Mittelpunkt stehen die Teenager Liz, Marty und Jules, im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren, welche durch einen tragischen Verkehrsunfall plötzlich ihre Eltern und somit ihre Zukunft verlieren. Sie kommen ins Internat.

Die Geschwister sind diesem tiefen seelischen Einschnitt, der in der Entwicklung ihrer zum Teil gespaltenen Persönlichkeiten ihren Ausdruck findet, nicht gewachsen. Die beiden Älteren Liz und Marty müssten Verantwortung füreinander übernehmen, aber sie sind dazu aufgrund ihrer eigenen Pubertät, mit den einher gehenden Problemen sich zu behaupten und nicht ausgegrenzt zu werden, nicht in der Lage. Dies drückt sich besonders in ihrer ausgeprägten Antihaltung, welche Liz mit Drogen und Sex kompensiert und Marty zum Nerd werden lässt, aus. Selbst die Anonymität des Internats führt nicht zum Zusammenhalt, sondern zur weiteren Entfremdung der Geschwister, die durch den Schicksalschlag eigentlich ihre gegenseitige Zuneigung bräuchten.

Im Internat trifft Jules auf Alva. Sie ist klug, in sich gekehrt und liest gern z.B. Harper Lee`s „Wer die Nachtigall stört“. Schnell merkt sie, dass Jules Probleme hat, sich zu integrieren und Freunde zu finden. Alva fühlt sich zu ihm hingezogen, denn auch sie erlebte einen schweren Schicksalsschlag, an dem ihre Familie regelrecht zerbrach. Die blasse Alva, rothaarig und mit leuchtend grünen Augen, wird Jules „Seelenverwandte“.

Beim Lesen fragte ich mich, ob es ein stilistisches Mittel in der Literatur ist, dass die Vornamen problematischer, weiblicher Charaktere oft mit dem Buchstaben A beginnen oder dies einfach nur Zufall ist. So heißen die Protagonistinnen in Juli Zehs „Spieltrieb“ Ada und in Pamela Erens „Die Unberührten“ Aviva. Auch diese Mädchen wirken sehr geheimnisvoll, versprühen eine gewisse Neugier und Anziehungskraft.

Doch Alva lebt in einer zerrütteten Gefühlswelt, ist zu einem Beziehungsaufbau nicht in der Lage und so löst sie die Verbindung zu Jules. Auch die Geschwister verlieren sich nach dem Internatsaufenthalt aus den Augen und durchleben, jeder auf seine Weise, Höhen und Tiefen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sein Leben zu ordnen, nimmt Jules wieder Kontakt mit Alva auf. Er folgt ihrer Einladung in ein Schweizer Chalet, wo sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Alexander Romanow in Abgeschiedenheit lebt. Fortan teilen sie wunderbare Erinnerungen, wobei sich Jules zu einem Versprechen „Buch gegen Frau“ hinreißen lässt. Nun folgt das, was Wells als das Unveränderliche bezeichnet, wobei ich Details an dieser Stelle nicht vorweg nehmen möchte.

 

Bildhafte Kapitelüberschriften

Die Überschriften der einzelnen Kapitel beschreiben in anschaulicher Sprache das nachfolgende Geschehen. So wird der Unfall der Eltern als einschneidendes Erlebnis mit „An der Weiche“ beschrieben und birgt bereits die Veränderung in sich. Auch „Die Entstehung der Angst“ lässt auf etwas Unausweichliches und Alternativloses schließen.

Was wäre anders gelaufen, wenn dieses Ereignis nicht eingetroffen wäre. Dies ist der essentielle Bestandteil des Buches. Wie verändern wir uns durch persönliche Erfahrungen und was prägt unsere Entwicklung?

Um sein wahres Ich zu finden, ist es notwendig, alles in Frage zu stellen, was man bei der Geburt vorgefunden hat. Manches davon auch zu verlieren, denn oft lernt man nur im Schmerz, was wirklich zu einem gehört… Es sind die Brüche, in denen man sich erkennt.

Zitat S. 276

Besonders angetan war ich von Benedict Wells anschaulicher Formulierungen, in dem er zum Beispiel Heimweh als eine verblassende Narbe beschreibt. Immer wieder gibt es schöne Momente, die dem Roman trotz seiner melancholischen Grundstimmung, hoffnungsvoll und lesenswert machen.

 

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Foto: © Bogenberger / autorenfotos

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.

Quelle:   Diogenes

Ergänzend zu seiner hier dargestellten Vita, möchte ich euch noch sein Interview mit der Klappentexterin empfehlen. Sehr lesenswert!

 

 

Weitere Infos:   https://de-de.facebook.com/pages/Benedict-Wells,   http://www.diogenes.de/leser/neuheiten/hardcover/alle/9783257069587/buch,   https://www.facebook.com/jacob.brass.music/,   http://www.buchboxberlin.de/

Bildquellen:   http://www.diogenes.de/media/author_portraits/130_175/700110960.jpg,   Jacqueline Böttger – Cover und Lesung

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