Arno Geiger – Unter der Drachenwand

Arno Geiger - DrachenwandGastrezension von Odette

Vom Lebensgefühl einer Generation

 

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Hanser Literaturverlage, erschienen Januar 2018, 480 Seiten, HC 26,00 €

 

Gleich vorneweg, das Buch hat mir wahnsinnig gut gefallen. Es war nach langer Zeit wieder ein Lesevergnügen, geschrieben von einem Schriftsteller, der sein Handwerk meisterlich versteht. Als ich den Klappentext des Buches las, dachte ich zunächst, wieder ein Buch über den Krieg und das Leiden. Nach dem Roman Das kalte Blut von Chris Kraus, welcher mich sehr bewegte, konnte wohl nichts mehr dieses Zeitgeschehen besser beschreiben. Doch schon nach den ersten Seiten fand ich mich sitzend am Mondsee wieder. Verschnaufend, dem Krieg gerade entkommen zu sein. Ich bin beeindruckt, wie Arno Geiger solch ein Gefühl bereits auf den ersten Seiten des Buches erzeugen kann.

Der 24-jährige Veit Kolbe ist die Hauptfigur des Romans. Bereits als Jugendlicher zog er in den Krieg, obwohl er eigentlich Elektrotechnik studieren wollte. Über 1800 Tage kämpft er aktiv im Krieg, war an der Vernichtung von Dörfern beteiligt und hätte wahrscheinlich auch an Massenerschießungen teilgenommen, wenn er dazu abkommandiert worden wäre. Im Frieden spürt er den Krieg als Dämon und denkt über seine Schuld während der letzten fünf Jahre nach. Die Verletzung, hervorgerufen durch einen Granatsplitter, verschafft ihm die Auszeit am Mondsee. Nun besteht der Krieg für ihn nur noch im Überflug feindlicher Bomberverbände in den deutschen Luftraum. Sorgsam legt er sich am ersten Tag Stift und Notizbuch auf den kleinen Tisch seiner Kammer bereit und dokumentiert sein Leben vor Ort.

In der Kammer nebenan, lebt die junge Darmstädterin Margot mit ihrem kleinen Baby. Auch sie ist den Angriffen auf die Zivilbevölkerung entgangen, indem sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter, das Exil am Mondsee suchte. Weitere Exilanten kommen hinzu. Es gibt einen Gasthof in Schwarzindien, in dem Wiener Mädchen mit ihrer Schulleiterin als Landverschickte leben. Alle haben eins gemeinsam, sie sind den Gräuel des Krieges entkommen. Ihre Zufluchtsorte Mondsee, Drachenwand und Schwarzindien sind real existierende Orte im Salzkammergut, die nach Exotik und Fernweh klingen. Weit weg von einem Planeten Erde, auf dem Krieg herrscht. Die Drachenwand ist die Trennwand.

Geschickt wird diese Harmonie durch zwei Ideen des Autors unterbrochen. Da ist die junge Wienerin Nanni. Sie ist Teil der Gruppe der Mädchen, welche im Gasthof Zuflucht gefunden haben. In Briefen wird ihre erste Liebe zu Kurt dokumentiert. Beide träumen von einander, berichten sich ihren Tagesablauf und sehnen sich nach den Küssen des jeweils anderen. Wie sich später herausstellt ist Kurt ihr Cousin und älter als seine Cousine Nanni. Die Eltern der Beiden unterbrechen die romantische Beziehung. Schriftlich teilt die Mutter ihrer Tochter mit, wie enttäuscht sie von ihr ist. Danach verschwindet Nanni spurlos.

Margot und Veit erhalten ebenfalls Briefe aus dem zerstörten Deutschland und Österreich. Unverständlich der Wunsch der Schreibenden, das die Exilanten sie doch kurz besuchen und aus dem Paradies in die Hölle fahren sollen. Veit Kolb wohnt in Wien in der Possinger Gasse, ebenfalls in dieser wohnte der Jüdische Zahntechniker Oskar Meyer. Sein Fluchtschicksal wird durch Briefe in den Roman eingewebt. Er hat mit seiner Familie, im Gegensatz zu den Exilanten, die Flucht zu spät angetreten und wird sie nicht überleben.

 

Ruhig ist das Leben am Mondsee. Hier leben ganz normale Leute, die an den Sieg des Führers glauben. Es gibt einen Onkel, der Dorfpolizist ist. Die ewig schimpfende und tratschende Quartiersfrau, die Post und den Brasilianer. Eigentlich müsste dieser Ökobauer den Vegetarier H. (Hitler) unterstützen, flucht aber über die Unfähigkeit des F. (Führers). Vom Onkel wird er dafür ins Gefängnis gesteckt. Margot und Veit übernehmen die Pflege seiner Pflanzen. Beim nächtlichen Plattenspieler hören im Gewächshaus kommen sich beide näher. Eine romantische Liebe beginnt, die Lohn zweier Menschen ist, die rechtzeitig den Schritt aus dem Krieg heraus gewählt haben. Veit weiß, dass er nicht bis zum Ende des Kriegs in dieser Idylle verweilen kann. Seine Sorgen unterdrückt er mit der Wunderpille der Wehrmacht – dem Aufputschmittel Pervitin.

Immer wieder wird in Form von Feldpostbriefen aus den Krieg an das Leid der Zivilbevölkerung erinnert. Sie wiederspiegeln das Lebensgefühl der Generationen und sind im Ton der Zeit geschrieben. Diese Briefe sind Erfindungen und nicht ein Projekt, wie bei Walter Kempowski, welcher im zehnbändigen Buch „Das Echolot“ originale Briefe und Texte aus den 40-er Jahren sammelte und veröffentlichte. Bei Arno Geiger existieren die Personen nicht, ihre Authentizität ist seiner künstlerischen Leistung zu verdanken.

Das Jahr am Mondsee endet, wie es angefangen hat, im Winter und im Krieg. Auf den Leser wartet ein Kapitel Nachbemerkung, in dem das Schicksal aller Protagonisten des Buches aufgeklärt wird.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Geiger_2017_(c)-Heribert-Corn_hf_i.jpg

© Heribert Corn

Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wolfurt und Wien. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt Alles über Sally (Roman, 2010), Der alte König in seinem Exil (2011), Grenzgehen (Drei Reden, 2011), Selbstporträt mit Flusspferd (Roman, 2015) und Unter der Drachenwand (Roman, 2018). Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011), den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011) und den Alemannischen Literaturpreis (2017).

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/buch/unter-der-drachenwand/978-3-446-25812-9/,    www.hanser-literaturverlage.de/autor/arno-geiger/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Geiger_2017_(c)-Heribert-Corn_hf_i.jpg

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.