Anne Reinecke – Leinsee

Anne Reinecke - LeinseeFarbenspiele

 

Anne Reinecke

Leinsee

Diogenes, erschienen Februar 2018, 368 Seiten, HC 24,00 €

 

Eines muss ich vorwegnehmen, vor Leinsee las ich Mareike Fallwickls Dunkelgrün fast schwarz, welches mich mit ihrer farbigen Darstellung der Synästhesie, eingebettet in eine brisante Teenie-Dreiecksgeschichte, fesselte. Nun begegnen mir Reineckes Farben verpackt in Kapitelüberschriften, die sich irgendwo im Text wiederfinden. Doch mit der Intensität von Dunkelgrün fast schwarz kann Leinsee nicht mithalten. Reinecke versucht ihrer Geschichte, eine gewisse Lässigkeit zu verleihen. Die „farbigen Überschriften“ verleiten zur Suche des Farbbegriffs im Kapitel. Doch leider wirken diese Formulierungen im Text zunehmend gequält und absurd, ohne dass sie wirklich zum Sinn beitragen. Der gutgemeinte Ansatz geht somit verloren, beginnt mich zu langweilen. 

Beide Autorinnen legen hier ihr Romandebüt vor. Doch ihre Wirkung auf mich kann unterschiedlicher kaum sein. Dunkelgrün fast schwarz fesselte mich von der ersten bis zur letzten Seite, dafür legte ich sogar Paul Austers „4321“ zur Seite. Bei Leinsee fand ich mich dagegen schwer rein. Vielleicht wäre es unter anderen Umständen besser gelaufen.

 

Die Geschichte führt uns ins Künstlermilieu, welches den wenigsten von uns vertraut ist. Doch leider fehlt es an Background, die dem Künstlerdasein Leben einhaucht und uns teilhaben lässt. Stattdessen erfahren wir, dass der Protagonist Karl ein bekannter, natürlich in Berlin lebender Künstler für vakuum-präparierte Objekte ist, der an der Schwelle zu seiner ersten großen Ausstellung steht. Ein familiärer Vorfall, dem der Leser von nun an folgt, trägt zu seinem Erfolg bei. Ein unverhoffter Anruf lässt Karl in das Haus am Leinsee, dem Domizil seiner bekannten Eltern zurückkehren. Mit ihren Figuren aus Harz samt Einschlüssen zerkleinerter Materialien, hat es das Künstlerpaar Ada und August Stiegenhauer zu internationaler Anerkennung gebracht.

Nur ist es kein gewöhnlicher Familienbesuch. Während sich seine an einem Hirntumor erkrankte Mutter einer lebensbedrohlichen Operation unterzieht, nimmt sich sein Vater das Leben. Karl muss sich der Situation stellen, obwohl er nach jahrelangen Internatsaufenthalten nie ein richtiges Familienleben kannte. Seine Eltern begründeten diese Aufenthalte damit, ihm ein normales Leben ohne den Promi-Status seiner erfolgreichen Eltern, zu ermöglichen. Doch wie sich schnell herausstellt, waren sich seine Eltern als Künstlerpaar allein genug. Sie bildeten eine ungewöhnliche Zweisamkeit, eine Symbiose ihrer gemeinsamen Interessen, in der die Liebe zu einem Kind keinen Platz fand. Somit sind Karl die Eltern fremd, eine Kindheit wie er sie sich wünschte mit Liebe, Geborgenheit und gemeinsamen Erlebnissen fand nicht statt.

Beim Bezug des Anwesens am Leinsee trifft er auf Buddy Holly, ein junger Gehilfe seiner Eltern, der gewissermaßen seine Stellung einnahm, und verweist ihn umgehend des Hauses. Kurze Zeit später erblickt er erstmals die achtjährige Tanja, welche ihn in ihren Bann zieht. Sie taucht plötzlich im Garten auf, verschwindet genauso unerwartet wieder. Ob diese ungewöhnliche Form der Annäherung auf Karls Reflektion seiner Kindheit beruht oder gar pädophile Züge trägt, liegt im Auge des Betrachters und wird von Anne Reinecke nicht thematisiert. Diese Schilderungen nehmen einen Großteil des Romans ein und auch hier plätschert es leider so dahin.

Des Weiteren verwirrt mich Karls Begegnung mit seiner Mutter Ada. Nach der OP hält sie Karl für ihren geliebten Mann August. Er spielt die Situation mit, doch als es zum richtigen Kuss kommt, der in mir zwiespältige Emotionen auslöst, bleibt dies unerwähnt und die Oberflächlichkeit der Erzählung setzt sich fort. Kurze Zeit später stirbt Ada. Somit hat sich dieser Teil der Geschichte rund um das Thema Amnesie und der Umgang der Angehörigen mit diesem Aspekt, auch schnell erledigt. Nach einem Zwischenfall mit Karls Freundin Mara, die die ungewöhnliche Beziehung zu Tanja thematisiert, kehrt das Mädchen nicht mehr auf das Anwesen zurück. Kein geschmückter Kirschbaum, keine Steinplatten-Kontinente im Garten als auch das von Karl hergerichtete Bootshaus erfüllen seinen sehnlichsten Wunsch nach einem Wiedersehen nicht. Infolgedessen verlässt Karl Leinsee, kehrt zu Mara nach Berlin zurück. Doch nach zehn Jahren ist alles vorbei – das Paar trennt sich. Karl ist weiterhin erfolgreich, doch seine Werke füllen ihn auf Dauer nicht aus. Zudem lastet das Erbe seiner Künstlereltern nach wie vor auf seinen Schultern. Kurzerhand fährt er nach Leinsee, um mit diesem Kapitel seines Lebens abzuschließen. Dort trifft er wieder auf die mittlerweile 14-jährige Tanja und ein ungewöhnliches Spiel setzt sich fort.

 

Der Roman Leinsee spielt in einem außergewöhnlichen Milieu mit Potential für besondere Akzente, doch bleibt im Ganzen zu oberflächlich. Genres und persönliche Beziehungen werden zwar dargestellt, jedoch fehlt es den Charakteren an Tiefe. Anne Reinecke baut eine Welt auf, die schnell an Intensität verliert und ebenso geschwind zusammenbricht. An ihrem Schreibstil-Debüt vermisse ich die Reflexion, um ihre Ambitionen stärker zu erkennen. Sehr schade, aber dennoch sehe ich Potential und wünsche viel Erfolg, für einen weiteren Roman.

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Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag

Anne Reinecke, geboren 1978, hat Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet. ›Leinsee‹ ist ihr erster Roman. Für das Manuskript wurde sie mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.Quelle: Diogenes

 

 

 

 

Besuch des Ocelot-Lesekreises

Zur Besprechung dieses Buches, besuchte ich erstmals einen öffentlichen Literaturkreis. Dieser fand in der Berliner Buchhandlung „Ocelot, just not another bookstore“ statt. Hier ist nicht nur der auffällige Name Programm, denn das Ocelot hat bereits eine bewegte Geschichte samt Inhaberwechsel hinter sich. Das besondere Konzept mit ungewöhnlich viel Platz für eine tolle Buchpräsentation sowie einem Cafè-Bereich, der zum Lesen und Stöbern einlädt, hat Maria-Christina Piwowarski von ihrem Vorgänger übernommen. Inzwischen betreibt sie das Ocelot schon seit 2012, hat regelmäßig stattfindende Lesungen, den Lesekreis als auch den jährlichen Indie-Bookday, mit einem aufwändigen Programm, etabliert.

Neben Anne Reineckes Leinsee besprachen wir auch Mareike Fallwickls Dunkelgrün fast schwarz. Da ich beide Romane erst kurz zuvor gelesen hatte, sprach mich der inzwischen fünfte Ocelot-Lesekreis sofort an. In einer literaturbegeisterten Runde von mehr als zwanzig Buchmenschen, mit dabei natürlich das Ocelot-Team, wurde zwei Stunden lang kontrovers diskutiert. Auch neue Gesichter so wie ich sind gern gesehene Gäste. Ohne Anmeldung kann man sich jederzeit dem Ocelot-Lesekreis anschließen. Die neuen Termine sowie die zu lesenden Bücher werden regelmäßig auf der Website als auch via Facebook kommuniziert. Der Eintritt ist frei. Eine hervorragende kulinarische Versorgung ist garantiert und macht diesen Abend zu einem rundum entspannten Erlebnis.

 

 

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/anne-reinecke/leinsee-9783257070149.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/r/anne-reinecke.htmlwww.genialokal.de/buchhandlung/berlin/ocelot/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   Pressebild_AnneReinecke_cFoto-Alberto-Venzago-Diogenes-Verlag_72dpi[1].jpg

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