A.L. Kennedy – Der letzte Schrei

Der letzte Schrei - Cover.jpgGastrezension von Odette

 

Erzählungen mit Beipackzettel

 

Alison Louise Kennedy

Der letzte Schrei

Hanser Verlag, erschienen März 2015, 208 Seiten, HC 19,90 €

 

Die Erzählungen von A.L. Kennedy sind keine Guten-Nacht-Geschichten, deshalb sollte man sie mit viel Ruhe lesen. Hinter den Sätzen verbergen sich Geheimnisse und Hintergründe über die Abgründe in der Welt der Liebe. Wenn das Buch statt eines Klappentextes einen Beipackzettel hätte, sollte auf ihm stehen: „nur eine Geschichte pro Tag, mehr ist psychisch nicht verträglich“. 

In die Beziehungs- und Liebesgeschichten kann man sich leicht hineinversetzen. Schwieriger wird es bei der Erzählung über einen Jungen, der sich seinem Welpen widmet, während ein Schwimmer gegen die Brandung ums Überleben kämpft. Der originelle Schreibstil, wie in der Erzählung Der letzte Schrei von der ich kurz berichten möchte, ist faszinierend.

Der letzte Schrei thematisiert das klassische Parallelleben in einer Beziehung. Die Flucht des Mannes aus dieser in eine Affäre mit einer jüngeren, nicht so einnehmenden, unerfahrenen und im Alltag noch nicht angekommenen Frau. Natürlich ist diese Beziehung zum Scheitern verurteilt. Das Ende und den Anfang der Beziehung nimmt die Ehefrau zielsicher in die Hand und so wird sich der Mann nur weiter in Depressionen verlaufen, weil er nicht lernt, seine Gefühle auszusprechen. Stilistisch gibt es einen Dialog zwischen dem Ich-Erzähler, in kursiver Schrift, und dem Erzähler. Gefühle und Tatsachen wechseln sich ab. Genial, wie Kennedy sich perfekt in die Gefühlswelten der Personen einarbeitet, ob es sich um Mark, der Hauptperson handelt, Pauline seiner abgeklärten Ehefrau oder die süße junge Emilie, mit der Mark den „Selbstmord als Alternative zur Ehe“ sucht. Emily ist laut seiner Aussage wie für ihn gemacht und wird ihm 3 Tage nach seinem vierzigsten Geburtstag an der U-Bahn-Station „geschenkt“. Doch auch sie wird nach Jahren fordernd und so möchte sie nicht nur die Nächte sondern das Leben mit ihm verbringen. Dieses Erwachsenwerden wird zum Problem, da er nie zwei Ehefrauen sondern nur Liebe suchte, wie damals in seiner Kindheit. Insgesamt eine sehr hinreißende Erzählung, in der man als Frau den Mann zwar sachlich begreift, doch rational nie verstehen wird.

 

Odette - Literaturhaus StuttgartEine weitere lesenswerte Erzählung ist „Baby Blue“. Hauptperson, eine Frau, die uns Lesern etwas berichten möchte. Sie beginnt mit einer Geschichte über Flugzeuge, Hotels, fremde Städte, Schnee und rosa bekleidete Enkelinnen, dann der Bruch. Nein, es gab kein Flugzeug, kein Hotel und auch da wollte sich die Erzählerin wohl selbst nicht wiederfinden – im Erotik Shop mit Mandy, der Verkäuferin. Eine witzige verwirrende Geschichte aus der Welt der erotischen Spielzeuge – da hilft nur kaufen und raus hier. Dann erneut ein Bruch in der Erzählung, alles nur absurde Gedankenspiele. Am Ende wollte sie nur eine Liebesgeschichte schreiben, für einen Mann, den sie verlassen hat. Sehr verwirrend!

 

Einige der 13 Erzählungen, wie zum Beispiel „Die Auswirkungen der guten Regierung auf die Stadt“ muss man mehrmals lesen und behält dann immer noch Zweifel, ob man sie richtig interpretiert. Aber vielleicht sollte man das gar nicht und stattdessen lockerer mit den Erzählungen umgehen.

Mein Fazit: wirklich spannende, anspruchsvolle Literatur für leise Stunden und am besten ohne Partner. Zum Schluss noch ein großes Lob für die hervorragende Buchgestaltung des Umschlages und der Kapitel.

 

http://www.thetimes.co.uk/tto/multimedia/archive/00339/113746002_339940c.jpgA.L. Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, wurde bereits mit ihrem ersten Roman Einladung zum Tanz (2001) berühmt und zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen englischen Autorinnen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Kennedy lebt in London und unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Warwick.

Quelle: Hanser Verlag

 

 

 

Weitere Infos: http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-letzte-schrei/978-3-446-24720-8/, http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/al-kennedy/

Bildquelle: Jacqueline Böttger – Der letzte Schrei – Cover.jpg,   http://www.thetimes.co.uk/tto/multimedia/archive/00339/113746002_339940c.jpg

 

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