Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens

Ohler - Die Gleichung des LebensGastrezension von Odette

 

Alles im Fluss

 

Norman Ohler

Die Gleichung des Lebens

KiWi, erschienen September 2017, 416 Seiten, HC 22,00 €

 

Umweltzerstörung, Migration und Mord sind die spannenden Inhalte für diesen historischen Krimi, welcher im Sommer 1747 im Oberbruch spielt. Der Mathematiker Leonard Euler wird vom König Friedrich dem Großen gleich um drei Dinge gebeten. Einen Mord aufzuklären, die Trockenlegung des Oderbruches fertigzustellen und die neue Superfrucht Erdtoffel in der Bevölkerung zu etablieren. Das Ganze soll der Untertan seiner Majestät nicht am Schreibtisch der Berliner Akademie klären, sondern vor Ort im Oderbruch, einem Sumpfgebiet östlich von Berlin. Und so reist der Schweizer Gelehrte etwas missmutig in das noch halbwegs unberührte Gebiet der aufrührerischen Wenden. Deren Leben ist noch eng verbunden mit der Natur, in dem vom Fischreichtum beglückten preußischen Amazonas, der Oder. Doch die Zerstörung ihres Biotops hat bereits begonnen. Der Oder-Kanal wird gebaut, auch wenn der leitende Ingenieur ermordet worden ist. Der Preußenkönig Friedrich II. benötigt das Land für die Ansiedlung von Kolonisten aus anderen Teilen Deutschlands. Diese sollen das Land zu fruchtbarem Ackerland umgestalten, um die steigende Bevölkerung in Berlin zu ernähren. Der Anbau von Kartoffeln ist ertragreicher als der Anbau von Getreide, welches stärker den Witterungseinflüssen ausgesetzt ist.

 

Unterschiedliche Interessenlagen behindern die Umsetzung des Projektes. Da sind die wendischen Fischer, welche Angst um ihre Natur haben, die Hechtreißer in Wriezen, die ihren florierenden Fischhandel in Gefahr sehen und der Adel beklagt das Ende der Leibeigenschaft, da die Kolonisten freie Bauern unter Schutz des Königs sind. Die Angst der Einheimischen vor dem Fremden ist bis heute ein aktuelles Thema. Die Neusiedler wurden vom König bevorteilt und diesen Status missgönnten die Untertanen den Fremden. Das Buch ist vom Autor hervorragend recherchiert. So erfährt man in diesem Roman viel über Gebräuche, Lebensweisen, Essgewohnheiten, Kleidung und Riten wie dieses Zitat zeigt.

Musste man sich wirklich zweimal pro Tag die Zähne putzen, auch auf Reisen? Katharina hatte ihm diese Zubereitung mitgegeben, angeblich gesund für das Zahnfleisch. Er schraubte den Deckel auf, roch daran – ein Hauch von Schilf-, drückte eine erbsengroße Menge auf ein für diesen Zweck zurechtgeschnittenes Läppchen und rieb seine Zähne ein.   (Seite 153)

Die Inhalte des Buches sind sehr komplex. Sie sprengen den Rahmen für nur eine Geschichte, die leider im Laufe des Buches nur noch zum Krimi verkümmert. Für die Lösung des Mordes kommt der preußische Sklavenhandel an der afrikanischen Goldküste ins Spiel. Von hier kommen die Tatwaffen für die Morde an dem Ingenieur, dem Vorarbeiter und den fünf Arbeitern. Dagegen lenken Beschreibungen wie zum Beispiel über den Streit zwischen König Friedrich und Euler, um die Beschaffung der Wasserrohre für den Bau der Fontänen in Sanssouci, ab. Auch das Thema Umweltschutz kommt mir im Buch zu kurz.

Die Zitate im Roman sind von Norman Ohler nicht mit Quellenhinweisen versehen. So weiß man nicht, ob sie historisch verbirgt oder frei erfunden sind. Dies empfinde ich als großes Manko des Buches. Handelt es sich doch bei einigen zitierten Personen, um existierende Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie neben Leonard Euler und Friedrich dem Großen auch um den holländischen Wasserbauer Simon Leonhard von Haerlem. Gerade für historisch interessierte Leser sind diese Stellen wichtiger, als die sehr real beschriebene schwüle Luft, das Rauschen der tödlichen Mücken und das Schmatzen des Schlammes auf den Wegen.

 

So verdeutlicht uns der Titel des Buches Die Gleichung des Lebens:

Alles ist im Fluß(ss) und Alles hängt miteinander zusammen.“

 

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© Urban Zintel

Der Autor Norman Ohler wurde 1970 in Zweibrücken geboren. Er besuchte die Hamburger Journalistenschule und arbeitete für die Zeitschriften Spiegel, Stern und Geo. Hier begründet sich auch sein Interesse für die Recherchearbeiten, wie man sie in dem Buch verarbeitet findet. 1993 zog der Autor nach New York. 1995 erschien sein Roman „Die Quotenmaschine“. Dieser ist mit Hyperlinks versehen und gilt als erster Online Roman der Geschichte. Zurück in Berlin befasste er sich mit den Thema Metropolen und schrieb eine Art Metropolentrilogie. Sein erstes Sachbuch schrieb er 2015. Der Titel „Der Totale Rausch“ Inhalt ist die Drogenpolitik im Dritten Reich. Im Bereich Film schrieb er mit Wim Wenders das Drehbuch zum Film „ Palermo Shooting“.

Quelle:   KiWi

 

Weitere Infos:   www.kiwi-verlag.de/buch/die-gleichung-des-lebens/978-3-462-04968-8/,    www.kiwi-verlag.de/autor/norman-ohler/1720/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.kiwi-verlag.de/ifiles/autor/large/autor_1720.jpg

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