Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Mareike Fallwickl - Dunkelgrün fast schwarzEin Meer aus Farben

 

Mareike Fallwickl

Dunkelgrün fast schwarz

FVA Frankfurter Verlagsanstalt, erschienen 05. März 2018, 480 Seiten, HC 24,00 €

 

Mareike Fallwickl ist vielen als Bloggerin des Bücherwurmlochs bekannt. Schon lang schwirrte ihr die Geschichte zu Dunkelgrün fast schwarz im Kopf umher. Nun hat sie ein Romandebüt mit meisterhaftem Spannungsbogen vorgelegt, welches mich von der ersten bis zur letzten Seite fesselte.

Die Handlung führt uns nach Hallein. Einem kleinen Örtchen im Salzburger Land, das wie so oft seine Eigenheiten hat und jedem Zugezogenen zunächst kritisch gegenübersteht. So auch unseren Protagonisten, dem dunklen Lockenkopf Moritz, seiner Mutter Marie und Johanna. Sie erzählen im Wechsel und in zeitlichen Rückblenden. Raffael, dem Vierten im Bunde, räumt die Autorin dieses Privileg nicht ein. Obwohl gerade seine Person zum Mittelpunkt des Romans wird.

Ihre Charaktere zeichnet Fallwickl klar differenziert, mit einer beeindruckenden Tiefe. Moritz, Raffael und Johanna könnten unterschiedlicher kaum sein und somit kommt mir sofort das Sprichwort „Gegensätze ziehen sich an“ in den Sinn. Gemeinsam bilden sie ein brisantes Dreieck mit scharfen Ecken, aber auch sehr verletzlichen Seiten. Geprägt von Angst, Zuneigung, Liebe und Hass.

Ihrem Hauptdarsteller Moritz gibt Mareike Fallwickl zudem eine besondere Begabung. Er sieht die Welt in einem Meer aus Farben. Menschen und Emotionen zeigen sich in liebevollem Gelb über bedrohlichem Rot bis hin zu angsterfüllten dunklen Farben und letztlich schwarz. So beschreibt Moritz beispielsweise seine Kindheit als Jahre der silbernen Leichtigkeit, den Wald dagegen als braun.

Erschreckend am Braun war nicht die Farbe, sondern dass es lebte.

Zitat S. 40

Diese besondere Form der Wahrnehmung bezeichnet man als Synästhesie, welche verschiedene Ausprägungen hat. Im vorliegenden Roman werden den Personen prägnante Farben als auch Effekte, die sie umgeben, zugeordnet und somit die Gefühle intensiviert. Interessant auch wie Gegenstände, die ansonsten nur dinglich sind, sinnlich wahrnehmbar werden. Die Literatur verwendet die Synästhesie auch als Stilmittel, um die Vermischung von Sinneseindrücken wie riechen, hören und fühlen zu verstärken. Genau dieser Wirkung bedient sich Mareike Fallwickl hervorragend. Sie lässt uns tief in die Gefühlswelt von Moritz eintauchen und somit seine Empfindungen, nicht nur lesen sondern nachhaltig erleben. Nach diesem kurzen Ausflug in die psychologische Welt, nun aber zurück zum eigentlichen Roman.

 

Ein brisantes Dreieck

Bereits im Kindesalter lernen sich Moritz und Raffael im Buddelkasten kennen. Der zurückhaltende , eher fremdelnde Moritz trifft auf den Draufgänger Raffael, welcher keinen Zweifel aufkommen lässt und eindringlich das Zweierbündnis ihrer Freundschaft mit den Worten „Motz ist jetzt mein Freund“ besiegelt. Wie sehr diese erste Begegnung ihr Leben fortan prägen wird, scheint zumindest Moritz noch nicht bewusst. Ihre Mütter, welche das Schicksal der angeheirateten Zugezogenen teilen, pflegen auf dieser Basis eine lockere Freundschaft. Doch schnell wird diese von Maries Erkenntnis überschattet. Sie spürt die besondere Verbindung der beiden Jungen und erkennt Raffaels dominante Seite. Es geht ein eiskaltes, berechnendes Verhalten von ihm aus.

Doch Moritz ist von Raffael fasziniert. Er fühlt sich zu ihm hingezogen, spürt dennoch seine Distanz. Ein Wechselbad der Gefühle von Liebe, Vertrauen und Hass beginnt.

Das Grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. Es füllt den Raum, bis an die Decke strahlt es. Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel.

Zitat S. 39

Der selbstsüchtige blonde Raffael, mit seinen eiskalten blauen Augen, ist sich seiner besonderen Anziehungskraft bewusst. Er zieht jeden Menschen in seinen Bann, erkennt ihre Schwächen und versteht es, sie gezielt zu manipulieren. Er sieht Moritz‘ Angst und nutzt dennoch sein Vertrauen körperlich als auch seelisch aus. Als Achtjähriger besiegelt er im dunklen Wald ihre Blutsbrüderschaft mit den eher bedrohlich klingenden Worten „du gehörst jetzt mir!“. Die Dritte im Bunde ist Johanna. Sie zieht als Teenager, nach dem Unfalltod ihrer Eltern, zur Tante nach Hallein. Der Schicksalsschlag machte sie hart, sie vervollständigt das geheimnisvolle Dreiergespann. Schnell bemerkt sie die besondere Verbindung der beiden Jungs. Sie bewegen sich im Gleichschritt, Raffael führt und Moritz folgt. (S.182)

Moritz ist sofort in sie verliebt und wählt sie zur Freundin. Doch Johanna kann sich Raffaels einnehmender Anziehungskraft nicht wiedersetzen.

Die Farben flossen ineinander. Jos Gelb, hell und stromlinienförmig, einen Meter von ihm entfernt, war verflochten mit Rafs Grün, ein zweifarbiger Zopf, ein Bogen, ein gemeinsamer Schwung.

Zitat S. 242

Die kommenden Ereignisse werfen die Teenager in unterschiedlicher Ausprägung aus der Bahn. Raffael, später auch Johanna verschwinden aus Hallein. Moritz bleibt zurück. Der Kontakt reißt ab.

Nach 17 Jahren treffen die drei schließlich in Moritz` Wohnung aufeinander. Ob geplant oder ungeplant bleibt offen. Wie ein Dreieck, dass sich aneinander reibt, wiederholt sich die damalige Situation von Neuem. Das Spiel „Wahrheit oder Pflicht“, welches sie während einer eingeschlossenen Nacht in der Schule spielten, soll alle Distanzen ans Licht bringen. Zum Vorschein kommt schließlich ein Erlebnis, welches ihre Entwicklung nachhaltig beeinflusst hat. Es wird zum zentralen Punkt des Romans.

 

Mareike Fallwickl gelingt es in Dunkelgrün fast schwarz perfekt, das Geschehene während der Handlung niemals eindeutig zu benennen. Somit beflügeln mich die verschiedensten Ideen und meine Fantasie trägt mich in einem sehr angenehmen Lesefluss bis zum Ende des Romans. Knisternde Spannung ist bis zum Schluss garantiert, erst auf den letzten Seiten wird das Geheimnis gelüftet.

Chapeau, für dieses Romandebüt!

Ob die Handlung auch autobiografische Züge trägt, schließlich ist die Autorin in Hallein geboren, werde ich auf der Leipziger Buchmesse in Erfahrung bringen. Dort werde ich die Autorin während einer gemütlichen Wohnzimmerlesung kennenlernen und euch natürlich davon berichten.

Nachtrag: Den Bericht zur Leipziger Buchmesse und zur Wohnzimmer-Lesung findet ihr hier!

 

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© Gyöngyi Tasi

Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, arbeitet als freie Texterin und Lektorin, schreibt für eine Salzburger Zeitung eine wöchentliche Kolumne und betreibt seit 2009 einen Literaturblog. Für ihr literarisches Debüt »Dunkelgrün fast schwarz« erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Bundeskanzleramts Österreich. Mareike Fallwickl lebt im Salzburger Land.

Quelle: FVA

 

Weitere Infos:   www.fva.de/Buecher/Neuerscheinungen/Dunkelgruen-fast-schwarz.html,   www.buecherwurmloch.at/,   http://mareikefallwickl.at/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger,   https://www.fva.de/out/pictures/promo/mareikefallwickl_web.jpg

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