Ein Networker, ein Pascha und der Domschatz

Gleimhaus mit AnbauGastbeitrag von Odette

Das Gleimhaus in Halberstadt

Sonderausstellung „Harz und Arkadien“

11. Juni – 17. September 2017

 

Im Harzvorland liegt die idyllische Stadt Halberstadt. Schon von weitem sieht man den Halberstädter Dom und ganz im Hintergrund kann man bei guter Sicht den Brocken erahnen. Durch die Stadt fahrend, vielleicht einen Zwischenstopp in der 1883 gegründeten Halberstädter Wurstfabrik einlegend, erreicht man den Domplatz oberhalb der Stadt. Die Stadt liegt einem zu Füßen. Bequem parkt man sein Auto auf dem Parkplatz. Links liegt nun der Dom und rechts die Liebfrauenkirche. Der Domplatz ist von schattenspendenden Linden umgeben. Man überquert ihn und merkt sich dabei das Restaurant Stephanus für einen Besuch am Nachmittag vor. Die leckeren Torten in der Auslage laden dazu ein. Am Stadtmuseum vorbeigehend, steht man mit zwei Besuchern aus Stein vor dem Gleimhaus. 

 

Gleimhaus, eines der ältesten Literaturmuseen

Gleimhaus mit steinernen Besuchern Blick zum DomHier lebte und wirkte der Dichter Johann Wilhelm Gleim. Die Hochschule Harz bezeichnet Johann Wilhelm Gleim (1719-1803) augenzwinkernd als „Erfinder von facebook“. Hintergrund ist seine umfangreiche Portraitgalerie von Dichtern und bedeutenden Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts. Seine Stellung als Domsekretär machte das Treffen mit so vielen bekannten Persönlichkeiten möglich. Nun hängen die Porträts seiner Freunde, wie die von dem Leipziger Adam Friedrich Oeser, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und Anton Graff in seinem Haus. Während er Briefe an seine Freunde, welche auf den Porträts abgebildet waren schrieb, saß er in einem eigens für diesen Zweck und nur für ihn angefertigten Stuhl. Diesen Stuhl kann man, wie den Freundschaftstempel und die Handschriftensammlung im Gleimhaus bewundern. Das Gleimhaus ist eines der ältesten deutschen Literaturmuseen. Das leicht schräg geneigte Haus wirkt sehr authentisch und man könnte denken, Gleim ist nur kurz außer Haus gegangen. Der moderne Anbau erfolgte 1995. In den Jahren 2004 bis 2008 erfolgte eine Komplettsanierung.

Schon 1862 nutzte man das Wohnhaus des Dichters und Sammlers, um das Museum hier zu etablieren. Sein Handschriftenarchiv und seine 12.000 Bände umfassende Bibliothek dokumentieren sein Netzwerk zu Zeiten der Aufklärung, dass aus zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten wie Lessing, Herder, Klopstock und Friedrich II. bestand.

Auch der Maler Pascha Johann Friedrich Weitsch (1723 – 1803) war ein gern gesehener Gast auf dem Weg in den Harz. Von ihm befindet sich in den Räumen der ehemaligen Bibliothek und den Wohnräumen die Sonderausstellung „Harz und Arkadien“. Gleim und Weitsch waren Altersgenossen, es verband sie eine langjährige Freundschaft bis zum Tod. Diese Freundschaft inspirierte Weitsch für seine romantischen Naturmalereien. Weitsch’s Arkadien liegen nicht wie üblich in Italien, sondern im heimischen Mitteldeutschland. Das Zentrum der Arkadien bilden die Hirten. Sie symbolisieren ein anspruchsloses, friedliches und Muse volles Leben, frei von Gesellschaftszwängen. Vorbilder für seine Landschaftsmalerei sind Jacob von Ruisdael und Nicolaus Brohem. Die Bildmotive von Ruinen, Vieh und Hirten liegen ab der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts im Trend. Weitsch’s Gemälde wurde sehr nachgefragt, da er für seine Ansichten Bildmotive aus seiner nächsten Umgebung wählte. Sie bilden später die Grundlage seines Spätwerkes, der Eichenwaldmalerei. Die meisten seiner Gemälde stellen komponierte Ansichten mit originalen Details der vorhandenen Topographie dar. Interessant der Einbau von Lichtachsen in die Landschaft. Mit diesem Trick gestaltete er Natur zu romantischen Landschaftsgärten.

Ein bekannter Ansichtsmaler der damaligen Zeit war der Venezianer Canaletto. Dieser wählte die Ansicht von Dresden als Motiv. Weitsch wiederum nahm das Braunschweiger Land als Vorlage. Der Harz gehörte zum Braunschweiger Territorium. Bei den häufigen Studienreisen in den Harz und auf den Brocken entschied er sich für Motive, wie den Regenstein bei Blankenburg, das Bodetal und die Rosstrappe. Mittel- und Hochgebirge wurden im 18. Jahrhundert zum Erlebnis- und Forschungsgebiet der Menschen.

 

 

Landschaftsmalerei

Seine Landschaftsmotive werden von einem hellen Lichteinfall erleuchtet. Dieser betont in den Bildern die Details von denen es nur so wimmelt. Kleine Vögel sitzen auf den Ästen, Frauen melken Kühe und auch der Maler portraitierte sich gern als Bestandteil des Gemäldes. In der Realität weideten in den Eichenwäldern Schweine, welche die nach unten fallenden Eicheln fraßen, um das Fleisch schmackhafter zu machen. Doch Schweine waren nicht bildwürdig und wurden so durch Rinder ersetzt. Ein Markenzeichen Weitsch’s sind die raffinierten Durchblicke zwischen den Eichen – Weitsch’s berühmte Luftperspektive. Da ein Eichenwald am Besten großformatig wirkt, bot er dem russischen Zaren ein Gemälde von zweieinhalb Meter Breite an. Dieses Werk wurde später von seinem Sohn Friedrich Georg Weitsch umgesetzt, ging aber leider im zweiten Weltkrieg verloren.

Eine Erweiterung im Schaffen des Eichenwaldinteriers bildet das Memorialbild. Das am Besten zur Sonderausstellung passende, von Weitsch konzipierte und von seinem Schüler Ramberg fertiggestellte Werk, ist das Gedenkbild für Gleim. Maßstab der Denkwürdigkeit war nicht die hohe Geburt, sondern die Lebensleistung. Das Epitaph als Bestandteil der Denkmalskultur der Aufklärung wird nicht mehr im Kirchenraum präsentiert, sondern im Landschaftsgarten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Pyramidengrab Fürst Pücklers in Branitz. Weitsch malte zahlreiche Memorialbilder für verschiedene Persönlichkeiten unter anderen auch für den Preußenkönig. Die Symbolik spielt in den Gedenkbildern eine große Rolle. Eine vom Blitz zerstörte Eichen gilt als besonders heilig und steht für den verblichenen Helden. Junge Eichen dagegen stehen für den Thronfolger. Als christliches Motive wird der Regenbogen gewählt. In der Ausstellung ist das Memorialbild für Gleim zu sehen. Weitsch und Gleim hatten vereinbart, das derjenige der den anderen überleben würde, ihm ein Denkmal setzt. Am 18. Februar 1803 starb Gleim. Weitsch grundierte bereits die Leinwand verstarb allerdings am 6. August 1803. So oblag es seinen Schüler Ramberg, das Bild nach den Ideen zu vollenden. Auch hier vermittelt die Symbolik das Lebenswerk. Eine Harfe mit zerrissenen Saiten symbolisiert den verstummten Dichter Gleim und der Sonnenuntergang dessen Lebenswerk.

Weitsch war auch als Porzellanmaler tätig. Er arbeitet für die Porzellanmanufaktur Fürstenberg. In der Ausstellung sind Exponate aus seiner Schaffenszeit in den Bereich Porzellanmalerei und der Stobwasserschen Lackkunst zu bewundern. Damals wurde viel Wert auf die künstlerische exklusive Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, wie zum Beispiel Tabakdosen gelegt. Für diese Art der Malerei war ein großes handwerkliches und technisches Wissen notwendig. Merkte man doch erst nach dem Dekorbrand die entstandene Farbigkeit.

 

 

Gemeinsam sind Gleim und Weitsch sicherlich oft zusammen den Weg von seinem Haus in den Dom gegangen. Baumaßnahmen bedingt befindet sich aktuell der Eingang zum Dom St. Stephanus und St. Sixtus am Domplatz. Gleim und Weitsch gingen früher einfach über die Straße und standen Minuten später im Dom. Auch heute steht man nach Betreten des Dom wie gebannt vor der Triumphkreuzgruppe. Diese ist älter als die ganze Kirche. Der Dom wurde zwischen 1236 und 1486 nach dem Vorbild der französischen Kathedralen errichtet. Die Triumphkreuzgruppe stammt aus dem ottonischen Vorgängerbau um 1210/20. Nach einer ausgiebigen Besichtigung des Domes, schließt sich der Besuch des Domschatzes an. Der Domschatz lädt in die Welt des Mittelalters ein und ist einer der bedeutendsten und kostbarsten Domschätze Europas.

Um diese reiche Sammlung von Reliquien, prächtigen Gewändern, Elfenbein- und Bergkristalschnitzerein und Skulpturen in Ruhe genießen zu könnten, sollte man gute zwei Stunden einplanen. Den Ursprung für diesen Domschatz legte Carl der Große. Das Bistum Halberstadt wurde im 9. Jahrhundert als Missions- und Verwaltungsmittelpunkt im neu eroberten sächsischen Stammesgebiet errichtet. In der Reliquiensammlung entdeckt man Teile einer Schädeldecke, heilige Knochensplitter, Steine der Steinigung Stefanus und gigantische Bilderteppiche. Ein Höhepunkt sind die 40 Altarbilder. Um diese Schätze zu sehen kamen Pilger und Wallfahrer in Strömen. Heute pilgernd die Touristen und bestaunen die Souvenirs, welche die Geistlichen damals von ihren Reisen mit brachten und damit den Domschatz immer mehr vergrößerten. Kunstwerke mit hohen spirituellen Wert wurden bevorzug versammelt. Bis 1810 teilten sich die Protestanten und Katholiken den Dom als gemeinsames Gotteshaus. Aus diesem Grund sind Werke beider Konfessionen zu sehen. Im zweiten Weltkrieg wurde der Domschatz in eine Höhle bei Quedlinburg ausgelagert. Eine gute Entscheidung, denn 80 % der Stadt wurden von amerikanischen Bombern in den letzten noch verbleibenden Kriegstagen zerstört. Bis zum heutigen Tag wird der Dom saniert.

Zum Schluss folgt noch die Aufklärung. Pascha Johann Friedrich Weitsch war nie im Orient und wurde von keinem Sultan zum Pascha geschlagen. Pascha ist die Kurzform von Paschalis dem heutigen Pascal.

 

Weitere Infos:   https://www.halberstadt.de/http://www.die-domschaetze.de/de/dom-und-domschatz-halberstadt/domschatz.html,   http://www.gleimhaus.de/ausstellungen-veranstaltungen/sonderausstellungen/harz-und-arkadien-pascha-johann-friedrich-weitsch-1723-1803.html

Bildquellen/Quellen:   Odette Nathke,  Buch „Harz und Arkadien – Pascha Johann Friedrich Weitsch (1723 – 1803) Landschaftsmaler der Aufklärung“ Mitteldeutscher Verlag – ISBN 978-3-95465-903-9,   Annedore Müller-Hofstede – Werksverzeichnis

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.