Christopher Kloeble – Die unsterbliche Familie Salz

Fürstenhof und BuchGastrezension von Odette

 

Über ein Leipziger Original

 

Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz

dtv, erschienen August 2016, 440 Seiten, HC 22,00 € – ab April 2018 als TB erhältlich

 

Jeder Leipziger kennt es, das Hotel Fürstenhof im Herzen der Stadt am Tröndlingring. Fast täglich fährt der Leipziger mit der Straßenbahn oder dem Auto vorbei. Auf die Geschichte des Hauses wurde ich allerdings erst durch Alfred E. Otto Pauls Buch Die Kunst im Stillen – Band 6 über das Grab der Familie auf den Südfriedhof aufmerksam. Anlässlich einer Lesung aus seinem Buch, las er das Kapitel über die Familie Erwig vor und wies auf die Buchvorstellung des Buches „Die unsterbliche Familie Salz“ einen Tag später im Fürstenhof hin. Leider konnte ich an dieser Lesung nicht teilnehmen, doch ich kaufte mir das Buch. Der Fürstenhof ist das älteste Luxushotel der Stadt und gehört längst keinem privaten Besitzer mehr, sondern wird von einer internationalen Hotelkette betrieben. 1877 erbaute es der Leipziger Bankier Eberhard Heinrich Löhr als Wohnhaus. Ab 1889 wurde das Palais als Hotel genutzt. Das heutige Aussehen erhielt es nach einer Rekonstruktion 1913 und damit auch seinen Namen „Erwigs Hotel Fürstenhof“. Ab diesem Zeitraum beginnt auch die Handlung im Buch.

 

Der Roman Die unsterbliche Familie Salz beginnt mit dem Blick der jungen Lola über das nächtliche Leipzig. Mit auf dem Dach ihr Schatten Maria, der sie noch vor Weihnachten zu einer Tat bewegt, welche ihr zukünftiges Leben verändern wird.

Eine große Familiensaga, die nicht die wirkliche Geschichte der Besitzer des Fürstenhofes wiedergibt und mit dem Tod der 110-jährigen Lola im Hotel Fürstenhof endet. Die fiktive Familie in diesem Roman heißt Salz. Im Mittelpunkt steht Lola Salz. Ihr Vater hat den Fürstenhof gekauft und zieht mit seiner Frau sowie den zwei Mädchen von München nach Leipzig. Der Lebemann wurde in München wegen Bierpreisbetrug angeklagt. Im Fürstenhof wird der einzige männliche Erbe geboren. Nach der Geburt will sich die Mutter nicht mehr erholen und verstirbt. Für den Tod der Mutter macht der Vater Lola verantwortlich und schiebt sie in ein Internat ab. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens wird Lola wieder im Fürstenhof leben. Bis dahin lebt sie ein aufregendes Leben, welches nicht in Leipzig und nicht im Fürstenhof spielen wird. Deshalb ist der Roman auch kein Leipzig Roman und man erfährt nicht viel über den Fürstenhof.

Vieles was das Hotel betrifft gibt es in Wirklichkeit nicht, bis auf den einzigartigen Serpentin Saal, in dem sich die Familie trifft. Lola, die schon als Kind sehr viel Fantasie hat, wird Theaterschauspielerin und heiratet Alfons Erwig. Hier gibt es einen namentlichen Hinweis auf die wahre Fürstenhofdynastie. Die Erwigs bekommen zwei Kinder und erleben die Schrecken des zweiten Weltkrieges an der Front. Auf der Flucht wird Lolas Schwester, von einem amerikanischen Soldaten der keinen Schatten hatte, vergewaltigt und getötet. Dies ist ein Schlüsselerlebnis des Buches. Ein sicherer Zufluchtsort hätte der Fürstenhof, welcher auch in der Realität im zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, für Lolas Familie sein können. Doch der Stolz der Lola Salz lässt es nicht zu, dass sie zu ihrem Vater zurückkommt. In den einzelnen Kapiteln des Buches wechseln die Erzähler. Die Zeit bis nach dem Krieg wird von Lolas Mann sehr emotional und stark geschildert. Dann übernimmt ihre Tochter Aveline und ihr Sohn Kurt die Erzählung über Lola. Aus ihrer Sicht erhält man andere Einblicke auf das Leben der starken Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes in das Familiengetränk „Löwenbräu“ stürzt und zusehends verbittert. Ursprünglich stammt sie wie die wahre Familie des Fürstenhofes aus einer Sippe, die den Löwenbräukeller in München gepachtet hatte. Mit ihrem steigenden Alkoholkonsum wird sie zum Tyrannen und beeinflusst ihre Tochter Aveline. Immer wieder erzählt sie das Erlebnis der Vergewaltigung ihrer Schwester und macht ihr Angst vor Männern ohne Schatten. So unterdrückt, versucht sie ihrer Mutter durch eine frühe Heirat und Mutterschaft zu entkommen. Doch Lola lässt ihre Tochter nicht los und zerstört ihre Beziehung.

Kurt, der Sohn zieht sehr früh aus und lebt sein eigenes Leben. Lola hofft, dass er irgendwann das Hotel übernehmen wird. Kurt wird zwar Hotelmanager, aber nie im eigenen Hotel. 1989 gelangt das Hotel wieder in den Besitz der Familie. Kurt heiratet und setzt die weibliche Erzähllinie des Romans durch seine Tochter fort. Ein weiteres Thema des Romans Die unsterbliche Familie Salz sind Schatten. Bereits Lolas Mutter verewigt die Familienmitglieder durch Scherenschnitt und hängt sie wie Schatten an die Wand. Schatten sind in vielen Kulturen ein Begriff für das Spiegelbild der Seele und das zweite Ich. Der sichtbare Schatten gilt im Volksglauben als lebenswichtiger Bestandteil, welcher zum Wesen eines Menschen dazugehört. Der Verlust des persönlichen Schattens ist ein psychologisches Grundmotiv in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Lange Schatten können ängstigen.

 

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© Jens Oellermann

Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, ›Unter Einzelgängern‹, und für das Drehbuch zu ›Inklusion‹ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge (GB) sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er viel beachtet den Roman ›Meistens alles sehr schnell‹, der u.a. auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi.

Quelle:   dtv

 

Der Autor Christopher Kloeble schreibt, als Mitglied der Fürstenhof Familie Erwig, einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte. Er verwirklicht sich in der Figur der Tara, welche ebenfalls in Indien lebt und die Familiengeschichte der Salz zum Abschluss bringt. Tara wird den Schatten 2027 für ihre Mutter finden und damit endet der Roman.

 

 

Foto Odette Nathke Grab mit BuchDie Kunst im Stillen – Band 6

Parallel zum Roman sollte man das Sachbuch „Die Kunst im Stillen – Band 6“ von Alfred E. Otto Paul lesen. Hier erfährt man die wahre Geschichte der Fürstenhofhoteldynastie um Peter Mathias Erwig. Dieser lebte von 1873 bis 1956. Wie schon in der Rezension beschrieben, wurde das Hotel nicht als Hotel gebaut, sondern als klassizistisches Wohnpalais des berühmten Leipziger Bankiers und Ratsherrn Eberhard Heinrich Löhr. Besitzerwechsel folgten, bevor das Hotel am 08. November 1913 in die Hände des Münchner Gastwirts Mathias Erwig gelangte. Dieser eröffnete wenig später die noble Herberge unter den Namen „Erwigs Hotel Fürstenhof Leipzig“. Der neue Besitzer, ein gebürtiger Rheinländer, war ein Aufsteiger in der Gastronomiebranche. Seine Karriere begann als Oberkellner im Münchner Bamberger Hof und erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt mit der Heirat der Gastwirtimperiumerbin Rosa Clara Johanna Oberwerther, deren Eltern das feinste Münchner Hotel, den „Bamberger Hof“ betrieben und Pächter des Löwenbräukellers am Hauptbahnhof waren. 1903 wurde er dann selbst Pächter des Löwenbräukellers. 1905 wurde die zweite Tochter Rosa Maria geboren. Im oben genannten Roman verkörpert sie die Figur der Lola. Die Eheleute verdienten sehr gut und nutzen die Möglichkeit das Hotel Fürstenhof in Leipzig zu übernehmen. Von einer Flucht wegen Bierpreisbetrug wie im Roman ist nichts bekannt. 1913 analog zum Roman wurde ihnen der lang ersehnte Sohn Curt geboren. Hier gibt es Parallelen zum Roman. Die Ehefrau verstarb nicht im Kindbett, sondern herrschte als Patronin im Hotel. Sie lebten im Luxus und das Familienvermögen stieg.

 

Unerwartet, mit 55 Jahren, verstarb die Ehefrau Rosa am 21.12.1935, wie im Roman zu Weihnachten. Sie wurde am Heiligabend in der XXIII. Abteilung auf den Südfriedhof begraben. Ein imposantes bronzenes Grabkreuz im Stil des Art deco ziert das Grab. Die Trauer des Witwers Mathias Erwig dauerte nicht lange, zwei Jahre später heiratet er die 31 Jahre jüngere Luise Minne Höhne. Nun entwickelte sich aus den redlichen Leben der Familie ein Klatschroman. Die Heirat der Beiden fand ausgerechnet am 24. Geburtstag des Sohnes Curt statt. Der sicherlich nicht über das Geschenk, welches ihm sein Erbe wegnehmen sollte, erfreut war. Die Gesundheit seines Vaters verschlechterte sich und die junge Schwiegermutter übernahm die Leitung des Hotels. 1948 erlitt Mathias Erwig einen schweren Schlaganfall. Da das Hotel, wie auch im Roman beschrieben, den zweiten Weltkrieg und die Bombenangriffe auf Leipzig unbeschädigt überstand, konnte es durchgängig betrieben werden. Allerdings wurde es ab 1949 von der volkseigenen Handelsorganisation HO betrieben und erhielt den Namen Hotel International. Die Erwigs lebten weiterhin sehr luxuriös und erhielten eine jährliche Mietzahlung für das Hotel. Am 11.06.1956 verstarb Mathias Erwig. Mit Testamentseröffnung stellte sich heraus, dass die zweite Ehefrau, die ungeliebte Stiefmutter, die Alleinerbin eines unglaublichen Vermögens von 1,7 Millionen Mark ist. Die Kinder brachten noch innerhalb eines Jahres eine Anfechtungsklage auf den Weg, allerdings ohne Erfolg. Auch das Berufungsverfahren blieb erfolglos. Die Gerechtigkeit kam auf biologischen Weg. Die Kinder mussten bloß die Schwiegermutter überleben.

Nach dem Tod der Luise Erwig 1977 übernahmen die Kinder die Nacherbschaft. Sie ließen den Grabhügel der Schwiegermutter einebnen und eine Natursteinplatte darüberlegen, damit man besser zum Grabkreuz kommt. Kürzlich brach der Stein ein und sank in das Grab der Luise Erwig. Die Erinnerung an das Familiendrama wurde präsent und der Autor Alfred E. Otto Paul schreibt:

Die irdischen Turbulenzen im Leben der hier Begrabenen – Mathias Erwig mit seinen Frauen Rosa und Luise – sind längst Vergangenheit. Das schöne Kreuz mit seiner Gläubigen Botschaft (Soli in deo mea spes – Allein in Gott ruht meine Hoffnung) aber erhebt sich über sie alle und mahnt auch nachfolgende Generationen, sich zu erinnern und wohl auch zu vergeben.

Die Vergebung erfolgte über die Paul-Benndorf Gesellschaft zu Leipzig e. V., welche das Grab restaurierten. Der hoch anzurechnende Verdienst des Autors Alfred E. Otto Paul ist es, dass er durch die Beschreibung der Gräber und deren Verstorbenen in seiner Publikationsreihe „Die Kunst im Stillen“ so manch vergessene Geschichte über Leipziger Persönlichkeiten der Wirtschaft und Kultur wieder zu Tage befördert. Der Leser erhält Einblicke in die Berufs- und Tätigkeitsfelder der Familien und ihr Denken und Handeln. Die Bücher sind ein Verzeichnis über die Schaffenswerke der einheimischen Bildhauer und ihrer Werke. Den Autor kann man auch persönlich bei seinen Führungen durch Leipziger Friedhöfen kennenlernen, was ich wärmstens empfehlen kann.

 

Weitere Infos:   www.dtv.de/buch/christopher-kloeble-die-unsterbliche-familie-salz-28092/,    www.dtv.de/autor/christopher-kloeble-13087/,    https://friedhofsfreunde.blogspot.de/2016/10/kunst-im-stillen-no-6.html

Bildquellen:   Odette Nathke,   https://www.dtv.de/_files_media/cms_uploads/autorenfotos/500b/5533.jpg

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