Besuch der Deutschen Nationalbibliothek

Führungen_Gastbeitrag von Odette

 

Tag der offenen Tür – am 07. Mai 2017

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

 

Mit dem ICE ging es lesefreundlich zum Tag der offenen Tür der Deutschen Nationalbibliothek nach Frankfurt am Main. Ich bin in Leipzig geboren und mit dem Älteren der beiden Standorte, der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, aufgewachsen. Noch nicht einmal während meines Studiums, kam ich mit dem Standort in Frankfurt am Main in Berührung. Umso neugieriger trat ich die Reise in die Mainregion an. Das Wetter passte perfekt zu dem Tag in den heiligen Hallen der Bücher, es regnete und der Himmel war grau. 

Grau war auch mein erster Eindruck des Gebäudes. In Leipzig ist man, ein an den Jugendstil anmutendes Gebäude samt modernem Erweiterungsbau gewöhnt. In Frankfurt begrüßte mich ein Haus, gebaut im Stil der Moderne, welches eine Backsteinskulptur des Künstlers Per Kirkeby umschließt. Die weite Fläche des äußeren Eingangsbereiches verkleinert das Kunstwerk optisch. Am Eingang wurde ich von den freundlichen Mitarbeitern der Deutschen Nationalbibliothek begrüßt. Meine fünf Eintrittskarten für die Führungen in den Händen haltend, betrat ich den lichtdurchfluteten Innenraum des Gebäudes. In der Mitte steht die Skulptur von Georg Baselitz. In ihrer Farbigkeit erinnert sie an Papier und Bücher und passt deshalb prima in das Haus.

 

Die heiligen Hallen – das Büchermagazin

Am Tag der offenen Tür wurden Führungen zu verschieden Themen rund um die Buchsammlungen, die Kunstwerke, die Technik, die IT und das Gebäude angeboten. Strategisch gut geplant, begann ich meine erste Führung mit der Architektur des Gebäudes. An einem Modell verschafften sich die Teilnehmer der Führung einen Blick über die einzelnen Gebäudekomplexe und Abteilungen. Dann endlich betraten wir das Heiligste, die Büchermagazine. Wir sahen lange kahle Wände, Brandschutztüren öffneten sich und ein breiter Gang, links und rechts davon mit blauen Rollarchivschränken versehen, in denen die Bücher archiviert werden. Die Archivierung erfolgt nach dem Zugangsjahr des Buches. Am Buchrücken sind das Eingangsjahr, die fortlaufende Eingangsnummer, die Formatgröße und die Art des Covers verzeichnet. Das ist der ganze Spuk – kein Geruch von Druckerschwärze, kein Staub, alles klinisch bei 15-18 Grad und 50 Prozent Lufttemperatur gelagert.

 

 

Ein geschichtlicher Exkurs

Was wird alles gesammelt? 1871 wurde über die Schaffung einer zentralen Sammel- und Aufbewahrungsstätte für die erscheinenden literarischen Werke diskutiert. Zur dieser Zeit war das Deutsche Reich als Staatenbund föderal strukturiert. Die Kluft zwischen den erscheinenden Büchern und den archivierten Büchern wurde immer größer. Besonders die Naturwissenschaftler beschwerten sich über die empfindlichen Lücken, die sie in ihrer Forschung störten. Gelehrte suchten oft vergeblich nach aktuellen Forschungsberichten. Nun kam das Königreich Sachsen und die Stadt Leipzig ins Spiel. Als Hauptproduktionsstandort des Verlagswesens hatten sie ein wirtschaftliches Interesse an der führenden Rolle im deutschsprachigen Buchhandel. Am 3. Oktober 1912 wurde der Vertrag für eine Präsenzbibliothek unterzeichnet und ab dem 1. Januar 1913 alles gesammelt, was die Länder im Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz publizierten. Vertraglich wurde das im Pflichtexemplar-Gesetz geregelt.

Aktuell kümmern sich die Mitarbeiter in Leipzig um die Erwerbung aus den neuen Bundesländern, NRW und dem Ausland. Die Frankfurter erwerben Medien aus den alten Bundesländern. Es wird das Regionalprinzip angewandt. Seit 1990 werden die Publikationen mit jeweils zwei Exemplaren an den jeweiligen Standort gesendet. Die beiden Bibliotheken sind sozusagen das Gedächtnis der Nation.

 

Die Archivierung der Publikationen

Systematik Bucherschliessung24 Stunden dauert der Weg von der Poststelle bis zur Formerschließung, die ich mir bei meiner zweiten Führung vor Ort ansehen durfte. Werden Medien nicht fristgerecht eingereicht, wird ein Mahnverfahren veranlasst und wenn das immer noch nicht reicht, klingelt der Zoll an der Tür. Eingereicht werden müssen deutschsprachige Veröffentlichungen mit mehr als 25 Seiten, Noten, Übersetzungen und Germanica. Letzt genannte sind fremdsprachige Werke mit einem Bezug auf Deutschland. Zu den Medien zählen Druckererzeugnisse, Netzpublikationen, Internetangebote, e-Books sowie elektronische Zeitungen und Zeitschriften.

Die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt Main wurde 1946, auf Grund der Teilung Deutschlands in Besatzungszonen, gegründet. Seit der Wiedervereinigung gehören die beiden Standorte Frankfurt und Leipzig, zu den Bundesbehörden und unterstehen dem Bundeskanzleramt.

Weiter ging es in den Bereich der Bearbeitung der eingelieferten Bücher. Täglich werden ca. 2.200 neue Medien in die Magazine eingelagert. In den Magazinen lagern 33 Millionen Medieneinheiten – 22 Millionen in Leipzig, 11 Millionen in Frankfurt. Für Frankfurt bedeutet dies eine Fläche von 30.800 Quadratmetern. Mehr als 600 Mitarbeiter sind in Frankfurt und Leipzig die Hüter der Kontinuität – sie registrieren, bibliografieren und katalogisieren. Auch die Nationalbibliotheken kommen bald an ihre Aufbewahrungsgrenzen, so müssten voraussichtlich in Frankfurt ab 2035 und in Leipzig ab 2023 neue Flächen erschlossen werden.

 

Lichtdurchflutete Lesesäle

Nachdem die Bücher angekommen und archiviert worden sind, können diese auch ausgeliehen werden. Die Ausleihe erreichen die Bücher per Buchförderanlage oder in einem Bücherwagen. Da es sich um eine Präsenzbibliothek handelt, bleiben die Bücher im Haus und werden in den Lesesälen gelesen. Die dritte Führung lies mich die hellen lichtdurchfluteten Lesesäle bestaunen. In den modernen Lesesälen stehen vorinstallierte elektronische Publikationen zur Verfügung, im Handapparat ist ein Recherchieren in Nachschlagewerken möglich. Insgesamt gibt es 300 Arbeitsplätze mit WLAN, ein permanenter Zugriff auf die gesammelten Netzpublikationen ist möglich. Im Lesesaal befindet sich das Informationszentrum, wo man kompetente Beratung von Bibliothekaren erhält. An eigens für das Ablichten von Büchern entwickelten Geräten ist es möglich, sich Seiten aus den Werken zu kopieren. Ungefähr 700 Besucher nutzen pro Tag beide Standorte zu den Öffnungszeiten von Montag bis Samstag. Für die Wartezeit auf ein bestelltes Buch muss man allerdings 2 bis 3 Stunden einplanen. Darüber hinaus können für einen kleinen Obolus die ruhigen Lesesäle genutzt werden.

Als Student suchte ich noch in Karteikartenkatalogen mit Hilfe von Schlag- und Sachwörtern nach der benötigten Literatur. Heute kann man den Schritt der Bestellung bequem am PC zu Hause durchführen und kommt anschließend zum Lesen in die Bibliothek. Bis zu zehn Bücher kann man auf diese Weise bestellen. Parallel hierzu erfüllt die Deutsche Nationalbibliothek eine weitere Aufgabe, sie verzeichnet alle Medien unter http://dnb.dnb.de. Diese Internetseite ist Bestandteil der Deutsche Nationalbibliografie, welche die Deutsche Nationalbibliothek herausgibt. Interessant ist auch, dass bei den digitalen Medien zusätzlich die Abspielgeräte archiviert werden, damit eine Langzeiterschließung möglich wird.

 

Die Arbeitsweise des Bücherwurms

In einem Vortrag über die Bestandserhaltung erfuhr ich, wie viel Aufwand betrieben wird, um die Bücher zu pflegen und zu warten. Mit Bücherwürmern sind die Ausleiher gemeint. Nur wenn ein Buch ausgeliehen wird, kann bei der Ausgabe festgestellt werden, wie sein Zustand ist.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Massenproduktion von Büchern. Das handgeschöpfte Papier aus Lumpen wurde durch günstiges, holzstoffhaltiges Papier ersetzt. Zudem nutzten die Papierhersteller säurehaltige Bindemittel und Bleichstoffe, dadurch wurde das Buch „sauer“. Erst Mitte der 80-er Jahre wurde die Produktion wieder umgestellt. Aktuell werden pro Jahr 60 Tonnen Papier „massenentsäuert“. Bücher, die irreparabel beschädigt sind, werden gescannt und in digitaler Form zum Lesen zugänglich gemacht. Da dies ungefähr 4.000 Druckwerke jährlich betrifft, agiert die Bibliothek auch als Pfleger der Bücher.

 

Literatur des Deutschen Exils

Zum Abschluss des sehr interessanten Tages stattete ich noch der Exilsammlung einen Besuch ab. Sie befasst sich mit der Literatur des deutschen Exils der Jahre 1933 und 1945. Die Sammlung beginnt mit einem Koffer der Supermarkt-Tragetaschen enthält, die wiederum Schriftwechsel, Notizen, Gedichte und Romane des Autors Ivan Heilbutt beinhalten, der vor den Nazis fliehen musste. Das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Anne-Frank-Shoah-Bibliothek umfasst 310 Nachlässe. Diese werden größtenteils in säurefreien Archivboxen verwahrt. Darunter sind auch Kunstwerke oder das Schachspiel von Stefanie Zweig, welche mit dem Buch „Nirgendwo in Afrika“ bekannt wurden.

 

 

Mit zwei Büchergeschenken für den Rückweg im Gepäck und Erklärungen für zahlreiche buchtypische Begriffe wie Kataloganreicherung als auch Pflichtablieferung, trat ich die Heimreise an. Ich bedanke mich bei den Mitarbeitern der Deutschen Nationalbibliothek für diesen gelungenen Tag.

 

Weitere Infos:   http://www.dnb.de/DE/Home/home_node.html

Bildquellen:   Odette Nathke

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