Andrea Hirata – Die Regenbogentruppe

Die RegenbogentruppeGastrezension von Odette

 

Lernen für den Lebenstraum

 

Andrea Hirata

Die Regenbogentruppe

Hanser Verlag, erschienen Januar 2013, 272 Seiten, HC 19,90 €

 

Wenn deutsche Kinder lustlos zur Schule schleichen, muss ich an die zehn Kinder der Regenbogentruppe auf der indonesischen Insel Belitung denken. Sie nahmen täglich 20 km Schulweg durch den Dschungel, vorbei an Krokodilen, in Kauf, um keine Stunde in ihrer kleinen windschiefen Dorfschule zu verpassen. Sicherlich beschreibt Andrea Hirata sehr emotional seine Erlebnisse aus seiner Kindheit, doch das Buch ist eine angenehm zu lesende Autobiographie über die indonesische Gesellschaft.

In natürlicher Sprache erzählt der Ich-Erzähler, beginnend mit dem ersten Schultag, den Kampf um Bildung für Kinder, welche wie er aus Familien von Postboten, Händlern, Fischern und Minenarbeitern stammen. Die Eltern leben in Armut, wissen aber, dass es die einzige Chance ihrer Kinder sein wird, durch Bildung ein besseres Leben zu erlangen. Selbst wenn sie, wie der Vater von Lintang noch nicht einmal das Anmeldeformular für seinen Sohn ausfüllen können, geben sie ihn in die Hände der Muhammadiyah. Die Muhammadiyah ist eine Schule in Muslimischer Trägerschaft, die im Sinne des Schöpfers, auch den Ärmsten das Recht auf Schulbildung ermöglicht. In ihr lehren die 15-jährige Lehrerin Bu Mus, die von ihren Schülern ehrfurchtsvoll Ibunda Guru genannt wird und Pak Harfan. Er ist sozusagen der Pfeiler der Schule, hat sie aufgebaut und lässt sie manche Krisen überstehen, hält diese auch noch nach seinem Tod zusammen. Ohne Pokale, die in Schulwettkämpfen erkämpft werden müssen, ohne sanitäre Einrichtungen und ohne ausreichendes Schulmaterial kann die Schule jeden Tag von dem Schulinspektor geschlossen werden. Doch unter den zehn Kindern gibt es zwei Talente, Lintang in Mathe und Mahar in Kultur. Sie schaffen es, die ersten Pokale gemeinsam mit ihren Freunden zu erkämpfen. Einen harten Kampf müssen die Schüler zusammen mit der Lehrerin gegen die Zinn-Mine bestreiten, welche der Schule mit dem Abriss droht.

Zwischen den Erlebnissen im Schulalltag werden auch erste Lieben und Freundschaften beschrieben. Ikal der Lockenkopf, verliebt sich unsterblich beim Kreide holen, in die Finger eines chinesischen Mädchen, welches ihm im Laden ihres Onkels die gekaufte Kreide ohne gesehen zu werden durch einen Schlitz zuschiebt. Über seinen chinesischen Mitschüler erfährt er ihren Name und eine poetische Liebe entwickelt sich. Doch schon kurz danach geht die große Liebe nach Jakarta. So wie im ganzen Buch, vermisst man auch bei dieser Episode Trauer. Alles wird als Chance gesehen und nicht als Verlust. Trotz der vielen Entbehrungen wird die Kindheit im Zauber der Insellandschaft als glücklich und lehrreich beschrieben.

 

Der Autor ist seinen Eltern, Mitschülern, Freunden und vor allem seinen Lehrern dankbar. Ihnen widmet er auch dieses Buch. Andrea Hirata alias Ikal aus dem Roman, hat die Chancen der Bildung genutzt. Er gilt heute als meistgelesener Schriftsteller seines Landes mit allein über 5 Millionen Exemplaren in Indonesien. Außer ihm, erfüllte sich keiner seiner Mitschüler seinen Lebenstraum. Der Begabteste unter den Zehn, Lingtang musste seine Ausbildung abbrechen, als sein Vater starb. Samson wurde nicht einmal Kartenabreißer im Kino, arbeitet aber mit seinem chinesischen Mitschüler in dessen Gemischtwarenladen einträchtig zusammen. Harun betreut sein Vorbild während einer schweren Krankheit und ist trotz seiner Behinderung ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft. Als Botschaft des Romans nehmen wir mit, dass Bildung die wichtigste Basis des Lebens ist. Vielleicht wird somit unseren Kindern dann auch der Schulweg leichter fallen.

 

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© Tari

Andrea Hirata wurde auf der Insel Belitung, Indonesien, geboren, wo er auch heute lebt. An der University of Indonesia schloss er ein Wirtschaftsstudium ab. Mit einem EU-Stipendium setzte er seine Ausbildung in Paris und Sheffield fort. Sein Debüt Die Regenbogentruppe (in 25 Sprachen übersetzt) machte ihn zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens. Wie Die Regenbogentruppe wurde auch Der Träumer in Indonesien verfilmt.

Quelle: Hanser Verlag

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-regenbogentruppe/978-3-446-24146-6/,   www.hanser-literaturverlage.de/autor/andrea-hirata/

Bildquellen:   Odette Nathke,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Hirata_Andrea_c_Tari.jpg

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