150 Jahre Reclams Universal-Bibliothek

Verlagswerbung "Reclam braucht keine Reklame" (Blatt 1 von 3). Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 10. Mai 1925 Reclam-Sammlung Dr. habil. Hans-Jochen Marquardt, Halle (Saale) Abbildung: Dr. habil. Hans-Jochen Marquardt, Halle (Saale)Gastbeitrag von Odette

 

UNIVERSAL. RECLAMS Jahrhundertidee – Leipzig 1867 – 1990

Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek

27.Oktober 2017 – 03.Juni 2018

 

Wer sich zwischen den Lesungen und dem Trubel der Leipziger Buchmesse eine Stunde Ruhe gönnen möchte, dem ist die Kabinettausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum zu empfehlen. In der Buch- und Messestadt Leipzig wurde 1828 der Reclam Verlag gegründet. Bis heute ist er ein traditionelles Familienunternehmen. Die Leihgaben aus der Sammlung sind eng mit Herrn Dr. habil. Hans-Jochen Marquardt verbunden. Herr Dr. Marquardt war Verlagsleiter des Reclam Verlages und gab zahlreiche private Leihgaben in den goldenen Tresor des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. Kuratorin der Ausstellung ist Frau Dr. Stephanie Jacobs. 

Die Universal Bibliothek ist immer noch das Herzstück des Verlages. RUB steht für Reclams Universal-Bibliothek, doch der Begriff UB hat sich in den Köpfen der Leser eingebürgert. An der Gründung dieser umfangreichen Ausgabensammlung, war ein Gesetz beteiligt. Ohne das 1856 in Kraft tretende Urheberschutzgesetz wäre es nicht möglich gewesen, Titel ohne Autorenhonorare zu diesem günstigen Preis von 2 Groschen zu veröffentlichen. Im Jahr 1867 wurden zahlreiche Werke gemeinfrei. Das Gesetzt besagt, dass dreißig Jahre nach dem Tod, Titel von verstorbenen Autoren frei publizierbar sind. 1934 wurden daraus 50 Jahre und ab 1965 70 Jahre.

Reclam junior hatte 1858 mit der Veröffentlichung der Shakespeare Ausgabe schon die Idee der Literaturversorgung für alle. Er sah dahinter einen sozialen Aspekt und einen Bildungsauftrag. Als ersten Schwerpunkt wählte er die Veröffentlichung der Klassiker und wartete nur auf den Stichtag bis das Gesetz in Kraft trat. Die erste Ausgabe war die Veröffentlichung von Goethes „Faust“ mit 5.000 Exemplaren, zwei Monate später erschien der erste Nachdruck mit 10.000 Exemplaren.

 

Mehr als eine Universal-Bibliothek

Neben der Universal-Bibliothek erschienen noch andere Reihen im Verlag, die allerdings maßgeblich von der UB finanziert wurden. In den Vitrinen sieht man eine wunderschöne gestaltete Ausgabe im Jugendstil. Es handelt sich um das Buch „1001 Nacht“. Nur über den Weg der Mischfinanzierung konnten solche kunstvollen Bücher produziert werden. Die Druckauflage dieser kleinen individuellen Reihen war deutlich geringer. Trotzdem wählte man auch hier das praktische kleine Format. Diese Art der Bücher ließen sich gut in den entstehenden Schrebergärten und in Parks lesen.

Leipziger Buchautomat, 1912 erstmals aufgestellt, Entwurf: Peter Behrens Reclam Verlag, Ditzingen

Leipziger Buchautomat

Drei Jahre nach dem Erscheinen der Klassiker wurden erste Werke der antiken Literatur verlegt, dann folgten Literatur des Mittelalters und erste Bände der russischen Literatur. Das Spektrum wurde immer breiter. Nicht nur Weltliteratur wurde publiziert auch philosophische Grundtexte, Gesetzestexte und Werke der Gegenwartsliteratur.

1896 starb Anton Philipp Reclam. Bis zu seinem Tod erschienen bereits 3.470 Titel in der Universal-Bibliothek. Nur mit einer Ökonomisierung der Drucktechnik konnten solche Auflagen in kurzer Zeit gedruckt werden, davon zeugen Ausstellungsstücke, welche die Revolution in der Drucktechnik dokumentieren. In den Ausstellungsvitrinen sieht man den Werdegang, wie ein Reclam Heft entsteht. Daneben wird das wohl größte und imposanteste Stück der Ausstellung, ein Bücherautomat präsentiert. Seinen Dienst tat er auf dem Markplatz in Oberwiesenthal. Er ist einer von 2.000 Buchautomaten, welche von 1912 bis in die 30-er Jahre existierten. Entworfen wurde der Buchautomat von Peter Behrens, einem berühmten Leipziger Kunstgewerbler und Architekten.

Komplett gefüllt enthielt er bis zu 80 Bücher unterschiedlichster Ausgaben. Alle Bücher besaßen ein Streifband, welches dem Käufer über den Inhalt des Buches informierte. Zum Einsatz kamen sie in Krankenhäusern, Lazaretten und wie hier in Kurorten. Sie deckten somit als „Spätis“ wie der Berliner sagen würde, den Lesegenuss außerhalb von Öffnungszeiten oder in Gebieten ohne Verkaufsstellen ab. Der erste Buchautomat wurde übrigens nicht in Leipzig aufgestellt, sondern um 1912 in Erfurt.

Werbung musste der Verlag eigentlich keine machen, war doch die Farbe Gelb ein Signal für gute Bücher aus dem Haus Reclam. Somit erklärt sich auch der Spruch des Ausstellungsplakates zu dieser Ausstellung „Reclam braucht keine Werbung“. In zwei Vitrinen werden trotzdem die kreativen Ideen der damaligen Marketingabteilung ausgestellt. So manch einem Werbeschaffenden geben sie heute noch neue Ideen.

 

Gelesen wird immer

Tragbare Feldbücherei aus dem Ersten Weltkrieg, die jeweils 100 Nummer der Universal-Bibliothek enthielt Reclam-Sammlung Dr. habil. Hans-Jochen Marquardt, Halle (Saale) Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Julia Rinck

Tragbare Feldbücherei

Eher bedrückend folgt eine weitere Periode in der Geschichte des Reclam Verlages, die beiden Weltkriege. Unglaublich, dass in dem Chaos der Schlacht gelesen wurde. Davon zeugen die sehr beeindruckenden Exponate zweier tragbarer Feldbibliotheken aus dem 1. und 2. Weltkrieg. Der Inhalt der Feldbibliothek bestand aus 100 Titeln, die Ausleihe konnte auf Leihscheinen akribisch nachvollzogen werden. Ich frage mich, wie viele Bücher mit ihren Lesern im Feld blieben. Auf Feldpostkarten bedanken sich die Soldaten für die Lektüre, welche sie in Kampfpausen in den Schützengräben oder im Lazarett lesen konnten. Uns als Beobachter kommt dies so unwirklich vor. 1943 bei einem Großangriff auf Leipzig wurde der Leipziger Verlag und mit ihm das Hauptlager vollkommen zerstört.

 

Reclam - Schlafes Bruder (3)Nach dem zweiten Weltkrieg und der Gründung der DDR folgte auch die Trennung in Reclam Ost mit Sitz in Leipzig und Reclam West mit Sitz in Stuttgart. Zum Schluss der Ausstellung werden Ausgaben der UB bis zur Wende 1990 gezeigt. Eins der letzten Bücher, welche die Ausstellung präsentiert, ist der Welterfolg von Robert Schneider „Schlafes Bruder“. 1991 wurde Reclam Leipzig von dem Stuttgarter Verlagshaus übernommen.

Zum krönenden Abschluss der Ausstellung steht man vor dem riesigen Widmungsbuch zum Jubiläum 1908. Auf 1.225 Blättern bezeugten berühmte Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Max Liebermann, Graf Zeppelin, Tolstoi ihr Verhältnis zum Verlag. Die Ausstellung und auch eine Führung, bei der man noch zusätzliche Informationen erhält, kann ich euch sehr ans Herz legen. Noch bis zum 3. Juni 2018 lädt der Tresor des Deutschen Buch- und Schriftmuseums zum Besuch ein. Viel Spaß!

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr (Donnerstag bis 20 Uhr)

Feiertags 10 bis 18 Uhr

 

Wer mehr über die Arbeit der Archivierung von Schriftwerken und Bibliotheken erfahren möchte, dem empfehle ich auch den Blogbeitrag Besuch der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt a.Main.

 

Weitere Infos:   https://www.reclam.de/,   http://www.dnb.de/DE/Ausstellungen/Leipzig/AusstellungenLeipzig.html?cms_notFirst=true&cms_docId=279966,  

Bildquellen:    Odette Nathke,   http://www.dnb.de/DE/Aktuell/Presse/aeReclam.html

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